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NAHOST: Die Gewalt nimmt kein Ende

Nachdem bei israelischen Militäraktionen in Ramallah mindestens sechs Palästinenser getötet wurden, ereignete sich in einem Restaurant in der nordisraelischen Hafenstadt Haifa ein erneuter schwerer Bombenanschlag.

Selbstmordanschlag in jüdischer Siedlung im Westjordanland

Beim zweiten Selbstmordtattentat am Sonntag und dem fünften binnen fünf Tagen in Israel sind nach Polizeiangaben vier Menschen verletzt worden. Der Anschlag, bei dem der Täter ums Leben kam, ereignete sich vor einem Notarztzentrum in der jüdischen Siedlung Efrat im Westjordanland. Bei den Verletzten handelte es sich zumeist um medizinische Mitarbeiter des Zentrums. Einer von ihnen befand sich den Angaben zufolge in einem kritischem Zustand.

Der Anschlag in der Siedlung Efrat ereignete sich nur wenige Stunden nach einem Selbstmordanschlag in Haifa, bei dem mindestens zwölf Menschen getötet und mehr als zwei Dutzend verletzt wurden. Ein Sprecher der rund 15 Kilometer südlich von Jerusalem gelegenen Siedlung sagte, der Attentäter sei zu einer Klinik am Rande der Siedlung gekommen und habe sich dort in der Nähe von Medizinern in die Luft gesprengt.

Mindestens zwölf Tote in Haifa

Bei einem vermutlich palästinensischen Selbstmordanschlag in Haifa sind mindestens zwölf Menschen getötet worden. Zugleich beschossen sich israelische Soldaten und die Leibgarde von Palästinenser- Präsident Jassir Arafat in dessen Hauptquartier in Ramallah.

»Wir sprechen von einem Selbstmordattentäter«, teilte die Polizei mit. Die Explosion habe sich in einem gut besuchten Restaurant ereignet. Rettungskräfte sprachen von mindestens 23 Verletzten. Israel kündigte an, erbarmungslos gegen Terroranschläge vorzugehen. Trotz des Aufrufs zum Frieden von Papst Johannes Paul II. und eines Appells der UNO, Arafats Belagerung zu beenden, hielt Israel den Palästinenser- Präsidenten weiter in seiner Gewalt. Nach palästinensischen Angaben versuchten die Soldaten, das Büro Arafats zu stürmen. Die israelische Armee wies diese Darstellung zurück. Bundesaußenminister Joschka Fischer warnte vor weiteren Angriffen gegen Arafat und verurteilte den jüngsten Anschlag.

Das Restaurant in der nordisraelischen Hafenstadt liegt in der Nähe eines Einkaufszentrums und einer Tankstelle. Die Explosion riss ein riesiges Loch im Dach des Lokals, auf dem Parkplatz lagen Trümmer. Ein Augenzeuge sagte im Armee-Rundfunk: »Ich wohne über dem Restaurant. ... Es gab eine riesige Explosion. Im Moment bringe sie die Verletzten in Sicherheit. Zwei Krankenwagen und viele Polizeiwagen sind dort.«

Es war die vierte große Explosion in Israel seit Beginn der jüdischen Passah-Woche am Mittwoch. Bei den ersten drei Anschlägen wurden 24 Menschen getötet und fast 200 verletzt. Radikale Palästinenser-Gruppen hatten sich dazu bekannt.

Drei wichtige israelische Städte seien innerhalb von drei Tagen getroffen worden, sagte David Baker, Sprecher im Büro von Israels Ministerpräsidenten Ariel Scharon. »Palästinensische Selbstmord-Attentäter haben die Terroranschläge zu einem täglichen Ereignis gemacht.« Baker kündigte an, Israel werde keinen Stein auf dem anderen lassen, um die gegen das Land gerichtete »Terror-Kampagne« zu stoppen.

Israel setzt Militäraktionen fort - sechs palästinensische Tote

Währenddessen hat das israelische Militär seine Aktionen in Ramallah am Sonntag fortgesetzt. Dabei sind mindestens sechs Palästinenser getötet worden. Der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon versammelte unterdessen sein Kernkabinett zu Beratungen über das weitere Vorgehen. Nach Angaben aus Militärkreisen will Israel seine Offensive ungeachtet der internationalen Kritik in den kommenden Tagen ausweiten und weitere palästinensische Städte besetzen.

Im Islamischen Club in Ramallah wurden am Sonntag die Leichen von vier Männern gefunden. Bei einem Schusswechsel in einem Flüchtlingslager in der Stadt wurden nach Angaben der Armee zwei bewaffnete Palästinenser erschossen. Israelische Soldaten durchsuchten in Ramallah Haus für Haus nach mutmaßlichen Extremisten.

Gefechte um Arafats Hauptquartier - zwei Leibwächter verletzt

Vertraute des Palästinenserpräsidenten Jassir Arafats berichteten, israelische Soldaten seien in seinem Hauptquartier in das Bürogebäude eingedrungen, in dem sich Arafat aufhält. Bei Schusswechseln seien zwei Leibwächter verletzt worden. Die israelische Armee dementierte jedoch, dass Truppen in das Gebäude eingedrungen seien. Die Leibwächter hätten auf die Soldaten geschossen, die nur das Feuer erwiderten. Nach Angaben der Palästinenser warfen die Soldaten Blendgranaten oder Tränengas in ein Nebenzimmer.

Jordanien droht Israel mit »Maßnahmen«

Die jordanische Führung hat Israel mit »Maßnahmen« gedroht, falls es seine Angriffe gegen die Palästinenser fortsetzen sollte. Der jordanische Außenminister Marwan el Muaschir sagte am Sonntag in Amman, er habe den israelischen Botschafter David Daddon einbestellt und ihm dies mitgeteilt. Außerdem habe er gegen die »unverantwortlichen« israelischen Aktionen in den Palästinensergebieten und die Belagerung von Palästinenserpräsident Jassir Arafat protestiert.

Außenminister Fischer fordert Unversehrtheit von Arafat

Außenminister Joschka Fischer hat die israelische Regierung aufgefordert, die Unversehrtheit von Palästinenserpräsident Jassir Arafat zu garantieren. »Die militärische Konfrontation zwischen Israel und den Palästinensern gibt zu größter Besorgnis Anlass. Sie birgt die Gefahr einer Destabilisierung der gesamten Region in sich«, erklärte Fischer am Sonntag in Berlin. Der Minister forderte zudem, dass die palästinensische Autonomiebehörde ihre Handlungsfähigkeit wieder erhalten müsse.

»Die Bundesregierung verurteilt mit allem Nachdruck Terror und Gewalt und fordert die Verantwortlichen beider Seiten dringend dazu auf, alles zu tun, um weitere unschuldige Opfer zu verhindern«, betonte Fischer. Die Fortsetzung des Konflikts berge »hochgefährliche Risiken« für die Stabilität des gesamten Nahen Ostens.

Die Bundesregierung sei sich mit der internationalen Staatengemeinschaft einig, dass Israel und die Palästinenser umgehend den Forderungen des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen in seiner Resolution 1402 nachkommen müssen. Beide Parteien sollen »umfassend mit dem US-Nahostbeauftragten General Zinni kooperieren und die Verhandlungen über eine Waffenruhe wieder aufnehmen«, forderte Fischer.

Palästinenserpräsident Jassir Arafat war am Samstag praktisch ein Gefangener Israels. Die israelische Armee setzte die Belagerung seines Amtssitzes in Ramallah fort und schnitt den 72-Jährigen völlig von der Außenwelt ab. Der UN- Sicherheitsrat in New York forderte ein sofortiges Ende der Gewalt und einen Rückzug Israels aus besetzten Autonomiestädten. In Israels Nachbarländern kam es zu Massenprotesten gegen die am Freitag begonnene Militäroffensive.

Arafat auf zwei Räume beschränkt

Bis auf die zwei Räume, in denen sich Arafat und seine engsten Berater aufhalten, besetzten israelische Soldaten alle Räume seines Amtssitzes im Mukata-Viertel von Ramallah. Da die Armee bereits am Freitagabend die Strom- und Wasserversorgung zu dem Gebäudekomplex unterbrochen und ein Notstromaggregat zerstört hatte, konnte Arafat nicht einmal mehr sein Mobil-Telefon benutzen, um Kontakt zur Außenwelt aufzunehmen. Der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon hatte aber am Freitagmorgen zugesagt, Arafat werde nicht angetastet.

Neue Gefechte

Nachdem bei Kämpfen in Ramallah am Freitag sieben Palästinenser und zwei Israelis ums Leben gekommen waren, flammten Samstagnachmittag erneut Gefechte zwischen militanten Palästinensern und Soldaten auf. Die Armee stürmte ein Gebäude im Zentrum der Stadt und tötete fünf palästinensische Polizisten, die sich dort verschanzt hatten. Außerdem umstellte die Armee das Hauptquartier der Sicherheitskräfte von Polizeichef Dschibril Radschub, der in den vergangenen Wochen mit Israel über eine Waffenruhe verhandelt hatte. Soldaten drangen am Nachmittag in eine Klinik ein und durchsuchten sie nach mutmaßlichen Extremisten. Nach palästinensischen Angaben richteten sie dabei große Schäden an der Ausstattung an.

Nach israelischen Angaben nahmen Soldaten zwei seit längerem gesuchte Extremisten fest, die für eine Reihe von Terroranschlägen in Israel verantwortlich gemacht werden. Außerdem verhafteten sie ein Gründungsmitglied der radikalen Hamas-Organisation. Hamas hatte sich in den vergangenen Monaten zu zahlreichen Selbstmordanschlägen in Israel bekannt.

Weltsicherheits fordert Israels Rückzug

Nach einer langen Nachtsitzung forderte der Weltsicherheitsrat einen sofortigen Rückzug Israels aus Ramallah sowie allen anderen besetzten palästinensischen Autonomiestädten. Auch die USA stimmten einer entsprechenden Resolution zu. Der Rat forderte Israel und die Palästinenser zur sofortigen Einstellung jeglicher Gewalt, einschließlich aller terroristischen Akte, und zur uneingeschränkten Zusammenarbeit mit dem US-Sondergesandten Anthony Zinni auf. Syrien blieb der Abstimmung im Rat fern; es hatte eine schärfere Formulierung gefordert. In Jerusalem wollten sich noch am Samstag diplomatische Vertreter der USA, Russlands, der EU und der Vereinten Nationen treffen.

Massendemonstrationen gegen Israel

In den Hauptstädten von Israels Nachbarländern kam es am Samstag zu Massendemonstrationen gegen Israels Vorgehen. In Kairo versammelten sich je rund 3.000 Studenten in der Al Azhar-Universität und der Universität Kairo und bekundeten ihre Unterstützung für den in Ramallah eingeschlossenen Arafat. 1.000 Schüler einer Oberschule protestierten trotz Verbots auf der Straße.

Bei einer Massenversammlung in Damaskus nannte der stellvertretende Generalsekretär der regierenden Baath-Partei, Suleiman Kaddah, den israelischen Ministerpräsidenten Scharon einen »Schlächter, der nach Blut und Zerstörung dürstet«. Am Stadtrand verurteilten rund 3000 Bewohner des palästinensischen Flüchtlingslagers Jarmuk den israelischen Einmarsch in Ramallah. In Beirut riefen Tausende von Palästinensern und Libanesen vor der UN- Vertretung israel-feindliche Parolen.

Proteste auch in Amman

Protestumzüge gab es auch in Amman. Im Dreiländereck Libanon-Syrien-Israel beschossen schiitische Hisbollah-Guerillas israelische Militärposten im Bereich der so genannten Shebaa-Farmen mit Katjuscha- und Panzerabwehrraketen. Israel antwortete mit Artillerie und Luft-Boden-Raketen. Während Libanon und die pro-iranische Hisbollah-Miliz behaupten, die Shebaa-Farmen gehörten zu Libanon und hätten beim israelischen Rückzug aus Süd-Libanon im Mai 2000 zurückgegeben werden müssen, ist Israel der Auffassung, sie gehörten zu den 1967 eroberten syrischen Golanhöhen.