Nahost-Konflikt Drohgebärden statt Diplomatie

Das Bedauern über die Leiden der jeweils anderen Seite ist längst verstummt, die Spirale der Gewalt dreht sich unaufhörlich. Unter diesem Eindruck hat der palästinensische Parlamentspräsident Ahmed Kureia das Amt des Premiers angenommen.

Die Angst ist in den Nahen Osten zurückgekehrt. Die Spirale rücksichtsloser Gewalt, die fast zum Stillstand gekommen war, dreht sich schneller und schneller. Das Bedauern über die Leiden der jeweils anderen Seite ist längst verstummt. Zwei blutige Selbstmordanschläge innerhalb von sechs Stunden haben die Israelis, die sich an die mit Unterbrechungen drei Monate alte Waffenruhe gewöhnt hatten, über Nacht aus den Cafés und Restaurants von Jerusalem vertrieben.

Auch in Gaza flüchteten die Menschen nach den Explosionen von Zrifin und Jerusalem in Erwartung eines israelischen Gegenschlags von den Straßen. Elf Stunden nach dem Anschlag von Jerusalem explodierte die von einem Kampfflugzeug abgeworfene Bombe im Haus des Hamas-Mitbegründers Mahmud el Sahar. Doch sie tötete nicht den Extremistenführer, sondern seinen Sohn.

Von Dialog keine Rede mehr

Drohgebärden haben inzwischen die kleinen Schritte der Diplomatie ersetzt, mit denen der vom so genannten Nahost-Quartett verfasste internationale Friedensplan die Gewaltbereitschaft auf beiden Seiten verringern und sie zum Dialog zurückführen wollte. Doch davon kann zurzeit keine Rede mehr sein. Die israelische Regierung beendete alle Gespräche mit der Palästinenserführung am 19. August nach dem blutigen Selbstmordanschlag in Jerusalem, bei dem 23 Menschen ums Leben kamen.

Das daraufhin erklärte Ziel Israels, die gesamte Führung der radikalen Palästinenserorganisation Hamas "auszulöschen", führte nach einem Angriff auf Hamas-Führer Ismail Abu Schanab schon zwei Tage später zum Zusammenbruch der von den Extremisten ausgerufenen Waffenruhe. Die international geächteten Liquidierungen hatten nur einen bescheidenen Erfolg. Von sechs Hamas-Führern, die Israel mit Raketen und Bomben töten wollte, überlebten fünf, darunter der gelähmte Hamas-Gründer Scheich Ahmed Jassin und jetzt auch der Mitbegründer El Sahar.

"Wir werden sie zerschmettern"

Doch Israels Ministerpräsident Ariel Scharon, der den früheren palästinensischen Regierungschef Mahmud Abbas "ein Küken, dem erst Federn wachsen müssen" nannte, gab sich am Mittwoch entschlossen: "So lange auf palästinensischer Seite nichts gegen den Terror unternommen wird, wird Israel auch weiter handeln. Diese Operationen unternehmen wir nicht als Vergeltung." Scharon lehnte die Forderung des neuen palästinensischen Premiers Ahmed Kureia nach neuen Verhandlungen rundheraus als "pervers" ab.

Unter dem Eindruck neuer Gewalt im Nahen Osten hatte der bisherige palästinensische Parlamentspräsident das Amt des Ministerpräsidenten angenommen. Nach einem Treffen mit Palästinenserpräsident Jassir Arafat gab der 66-jährige Kureia die Bildung einer Notstandsregierung innerhalb von 48 Stunden bekannt.

Die Tageszeitung Jediot Achronot zitierte nach dem Anschlag von Jerusalem einen nicht genannten israelischen Politiker mit den Worten: "Wir werden sie zerschmettern."

Brutaler noch ist die Sprache der Hamas-Extremistenführer, die im Fadenkreuz der israelischen Armee stehen: "Wir sind bereit, einen hohen Preis in dieser Schlacht zu zahlen", tönte Hamas-Führer Abdel Asis Rantisi, der im Juni einen israelischen Angriff überlebte. "Wenn die Israelis uns töten, weinen wir nicht und bedauern nichts. Wenn wir sie töten, ist das ein Geschenk des Himmels." Und Mahmud el Sara sagte Stunden, bevor eine Bombe in seinem Haus einschlug: "Unsere Toten kommen ins Paradies, Eure (Israels) Toten fahren zur Hölle."

Endloser Zyklus von Gewalt und Gegengewalt

In dieser Lage sahen die meisten Kommentatoren am Mittwoch keinen Ausweg aus dem endlosen Zyklus von Gewalt und Gegengewalt. Israel, so schrieb die eher rechts orientierte Tageszeitung "Maariv", habe "zu einem großen Teil den gegenwärtigen Zyklus der Gewalt begonnen" und höchstwahrscheinlich werde es ihn auch fortsetzen. "Israel wird weiter Jagd auf die Hamas-Führer machen, und die Terrororganisationen werden weiter Terroranschläge ausführen. Dies könnte monatelang so weitergehen, und Ströme von Blut werden, wie gestern, dabei fließen."

Christian Fürst DPA

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