HOME

Nahost-Krise: Prodi soll vermitteln

Israel nennt seine Bedingungen für einen Waffenstillstand, Romano Prodi soll dabei als Vermittler wirken. Doch die Kämpfe laufen ungeachtet der Entwicklung weiter: Bei einem libanesischen Angriff auf Haifa sind acht Menschen getötet worden. Bei dem israelischen Vergeltungsschlag im Südlibanon starben 13 Menschen.

Israel macht den Rückzug der libanesischen Hisbollah-Miliz aus dem gemeinsamen Grenzgebiet und die Freilassung zweier Soldaten zur Bedingung für einen Waffenstillstand. Ein Mitglied der italienischen Regierung sagte, Ministerpräsident Romano Prodi solle als Vermittler dieser Forderungen wirken. Der libanesische Regierungschef Fouad Siniora erklärte, Prodi habe ihm die Bedingungen übermittelt. Der italienische Regierungschef wiederum habe sie von seinem israelischen Kollegen Ehud Olmert genannt bekommen.

Raketenangriff auf Haifa

Zuvor wurden bei einem libanesischen Raketenangriff auf die israelische Hafenstadt Haifa nach Medienberichten mindestens acht Menschen getötet. Israelische Medien berichteten, eine von der radikal-islamischen Hisbollah-Miliz abfeuerte Rakete sei in einem belebten Gebiet in der Stadt am Mittelmeer eingeschlagen. Mehr als 10 weitere Menschen seien verletzt worden. Auch in den Küstenstädten Akko und Naharia gingen Raketen nieder.

In Haifa heulten nach den ersten Angriffen die Sirenen, die Einwohner wurden aufgerufen, sich in Schutzräume zu begeben. Das Fernsehen berichtete von mehreren Raketensalven, die in der Stadt einschlugen.

Die in Haifa eingeschlagenen Raketen sind nach Einschätzung des stellvertretenden Ministerpräsidenten Schaul Mofas in Syrien hergestellt worden. "Das sind syrische Waffen", sagte der frühere Verteidigungsminister bei einem Rundgang durch ein Bahndepot in Haifa. Aus israelischen Sicherheitskreisen hatte es zuvor geheißen, die Hisbollah habe für den Angriff auf Haifa Raketen aus dem Iran eingesetzt.

In der drittgrößten israelischen Stadt waren zum ersten Mal am Donnerstag Katjuschas eingeschlagen. In Haifa liegen mehrere gefährdete Industriegebiete, Israel hatte die libanesische Hisbollah-Miliz scharf vor weiteren Angriffen auf die Stadt gewarnt. Israel fürchtet eine Umweltkatastrophe, sollte etwa eine der örtlichen Chemiefabriken getroffen werden.

Vergeltungsschlag

Israel reagiert auf den Angriff mit einer Bombardierung von Dörfern im Südlibanon. Dabei sind nach Angaben von Krankenhäusern mindestens 13 Menschen ums Leben gekommen. Etwa 36 wurden verletzt. Damit stieg die Zahl der Toten seit Beginn der Angriffe auf 116. Nach Polizeiangaben wurden die meisten der Menschen in ihren Häusern getötet. Israel hatte Flugblätter über Dörfern im Süden des Landes abgeworfen und die Einwohner zur Flucht aufgefordert. Der Befehlshaber der israelischen Armee in Nordisrael, Generalmajor Udi Adam, kündigte nach einem Bericht des US-Senders CNN schwere Angriffe auf den Südlibanon in den nächsten Stunden an. Tausende machten sich bereits in Minibussen und Lastwagen auf die Flucht.

Ausweitung der Angriffe

Die israelischen Streitkräfte hatten gestern ihre Angriffe gegen Ziele im Libanon noch einmal ausgeweitet. Die Luftwaffe bombardierte erstmals das Hauptquartier der radikal-islamischen Hisbollah-Bewegung im Süden von Beirut und zerstörte es völlig. Eine israelische Rakete traf im Südlibanon einen Kleinbus, der flüchtende Zivilisten beförderte. Mindestens 20 Menschen, darunter mehrere Kinder, seien getötet worden, bestätigten libanesische Sicherheitskreise. Hisbollah-Chef Scheich Hassan Nasrallah drohte Israel mit einem offenen Krieg. Die neue Eskalation im Nahen Osten überschattete auch den Gipfel der Staats- und Regierungschefs der führenden Industrienationen und Russlands (G8) in St. Petersburg.

Grenzstation beschossen

Die israelischen Angriffe auf Brücken, Straßen und Dörfer im Libanon und das schiitische Viertel in Süd-Beirut gingen den vierten Tag in Folge weiter. Auch die wichtigste libanesische Grenzstation an der Grenze zu Syrien wurde mit Luft-Boden-Raketen beschossen. Die Zahl der Todesopfer im Libanon seit Beginn der israelischen Angriffe am Mittwoch stieg auf fast 90.

Hisbollah-Milizen im Südlibanon setzten wiederum ihren Raketenbeschuss nordisraelischer Siedlungen fort. Erstmals trafen drei Raketen die den Juden heilige Stadt Tiberias am See Genezareth. Insgesamt schlugen am Samstag 50 Projektile in Nordisrael ein. Israelische Medien sprachen von mehreren Verletzten. Bei israelischen Angriffen auf Ziele im Gazastreifen starben zwei Palästinenser.

Israelisches Schiff in Brand geschossen

Die israelische Kriegsmarine suchte derweil nach drei Soldaten, die als vermisst gelten, nachdem eine von der radikal-islamischen Hisbollah-Bewegung abgeschossene Rakete am Freitagabend ein vor der libanesischen Küste liegendes israelisches Schiff in Brand geschossen hatte. Die Leiche eines vierten Soldaten konnte geborgen werden. Nach israelischen Militärangaben hatte ein Marschflugkörper vom Typ C-802 aus iranischer Produktion das Schiff getroffen. Israelische Schiffe blockieren die Zugänge zu den libanesischen Häfen, um der Hisbollah die Nachschubwege zu versperren.

Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah drohte am Freitagabend Israel mit einem offenen Krieg und neuen, weiter reichenden Raketen. "Wenn ihr Krieg wollt, werdet ihr ihn bekommen", sagte Nasrallah im Hisbollah- Sender Al Manar an die Adresse der israelischen Regierung. Sein Land habe keine andere Wahl, als "sich entweder Israel zu unterwerfen oder standhaft zu bleiben und Widerstand zu leisten", meinte er. Der libanesische Ministerpräsident Fouad Siniora erklärte am späten Freitagabend in einem Interview mit dem US-Sender CNN, Israel "zerstückele" mit seinen Angriffen den Libanon.

Evakuierung wird vorbereitet

Angesichts der anhaltenden israelischen Bombardierung bereiten europäische Regierungen eine Evakuierung ihrer Landsleute aus dem Libanon vor. Rund 100 Deutsche sind nach Angaben des Auswärtigen Amtes in Berlin in Konvois nach Syrien ausgereist. Auch die Schweiz, Spanien und Italien brachten die ersten Bürger bereits außer Landes. Frankreich teilte mit, dass es an diesem Sonntag eine Fähre bereitstellt, um seine Bürger nach Zypern zu bringen. Eine sichere Ausreiseroute gibt es nach der israelischen Bombardierung des Flughafens von Beirut und der Seeblockade nicht. Der Libanon hat nur Grenzen zu Israel und Syrien.

Das Auswärtige Amt (AA) in Berlin gab eine Reisewarnung für den Libanon heraus. In dem Mittelmeer-Land halten sich etwa 1100 deutsche Staatsbürger auf, davon haben rund die Hälfte die doppelte Staatsbürgerschaft. Für den Tod einer deutsch-libanesischen Familie gab es keine offizielle Bestätigung.

"Alle sind sich der Gefahr bewusst"

Auch der am Samstag in St. Petersburg begonnene G8-Gipfel stand im Zeichen der verschärften Lage im Nahen Osten. "Alle sind sich der Gefahr bewusst", sagte US-Sicherheitsberater Stephen Hadley am Samstag am Rande der Veranstaltung. Er beschuldigte Syrien und den Iran, mit Hisbollah gemeinsam ein "joint venture" (Gemeinschaftsprojekt) zu betreiben. US-Präsident George W. Bush hatte Syrien bereits zuvor aufgefordert, die Hisbollah zur Beendigung der Angriffe auf Israel zu bewegen. Russland appellierte an die Hisbollah, die Raketenangriffe auf Israel einzustellen.

Die Außenminister der Arabischen Liga konnte sich auf einer Sondersitzung in Kairo nicht auf eine gemeinsame Stellungnahme zur Lage im Libanon einigen. Ägypten, Saudi-Arabien und Jordanien nannten die Entführung israelischer Soldaten durch die Hisbollah einen unverantwortlichen Akt. Die Eskalation schade der gesamten arabischen Welt, betonten sie nach Angaben aus diplomatischen Kreisen.

Reuters/AP/DPA / AP / DPA / Reuters