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Trident Juncture 18: Wer kontrolliert das Nordmeer? Nato-Manöver soll Putin Paroli bieten 

Russland baut sein Militär an der Nordgrenze massiv aus. Nun zeigt die Nato Flagge. Das Bündnis probt die Verteidigung Norwegens. Doch es fragt sich: Wie realistisch sind diese teuren Übungen eigentlich? 

Nato gegen Russland – an dieses kaum verhohlene Motiv von Militärmanövern hat man sich inzwischen gewöhnt. In den Vorjahren konzentrierten sich die Manöver um den Ostseeraum. Dieses Jahr geht es um Norwegen. 

An der Ostsee liegt das Suwalki Gap, die Suwalki-Lücke. Angeblich ist der kleine Landkorridor zwischen Polen und Litauen die neue Achillesferse der Nato. Würde Russland die Landbrücke abschneiden oder auch nur massiv bedrohen, wären die baltischen Staaten abgeschnitten. Der Name spielt nicht umsonst auf das Fulda Gap an. Dort sollte die entscheidende Schlacht des Dritten Weltkrieges stattfinden. Würden die Kräfte des Warschauers Pakts dort durchbrechen, wären große Teile Europas verloren, glaubte man. Sie sollten daher mit allen Mitteln - inklusive Atom-Minen am Hattenbacher Autobahn-Dreieck aufgehalten werden. 

Die diesjährige Übung der Nato-Verbündeten "Trident Juncture 18" findet in Norwegen und nördlich des Polarkreises statt. Warum Norwegen? Das ist der Schlüssel zu einer Region von wirklicher strategischer Bedeutung, in die Russland einen Großteil der militärischen Aufrüstung und Modernisierung der letzten Jahre investiert hat. 

Nato vs. Russland - Kampf der Zahlen

Rein von den Zahlen her hat Russland den diesjährigen Showdown der Mächte bereits für sich entschieden. Die Nato bietet in Norwegen 50.000 Soldaten, 10.000 Militärfahrzeuge inklusive Panzer, 250 Flugzeuge und 65 Schiffe auf. Putin setzte bei dem diesjährigen Großmanöver "Wostok-2018" fast 300.000 Soldaten, 36.000 Panzer und Militärfahrzeuge, tausend Flugzeuge und 80 Kriegsschiffe ein. 

Militär-Basis: So luxuriös sieht Putins Eis-Festung aus
Drei große Kuppeln umrunden das Kleeblatt im Zentrum.

Drei große Kuppeln umrunden das Kleeblatt im Zentrum.

Die Übung im Norden Norwegens rührt an diese Frage: Wer kontrolliert das nördliche Eismeer? Für Russland ist das Gebiet "Mare Nostrum" – unser Meer. Moskau misst der Region seit einigen Jahren eine hohe Bedeutung zu. Das Land erhebt Ansprüche auf einen Großteil der Meeresfläche, die über dem russischen Festlandsockel lägen. Speziell ausgebildeten Truppen wurden aufgestellt. Alte, längst aufgegebene Militärbasen in der Arktis neu aufgebaut und bemannt. Dazu kommt spezielles Gerät für den Einsatz am Pol. Am augenfälligsten ist das Programm zur Modernisierung der 3000 eingemotteten T-84 Panzer. Das Triebwerk des schnellen und leichten Angriffspanzers aus der UdSSR soll auch bei extremer Kälte laufen. Hinzu kommen die Aufrüstung der Nordflotte und der Bau einer ganzen Reihe moderner Eisbrecher. 

Die USS Harry S. Truman übt im Nordmeer

Träger in schwierigem Gebiet: Die USS Harry S. Truman übt im Nordmeer.

Die Bedeutung des Nordens

Zu Zeiten des Kalten Krieges war der Nordpol nur aus einem Grund wichtig: Die Interkontinentalraketen der Supermächte hätten einen Kurs über den Pol eingeschlagen, um den Gegner zu erreichen. Radaranlagen und Abwehrraketen beider Seiten sollten davor schützen. Heute besitzt das rohstoffreiche Gebiet eine herausragende wirtschaftliche Bedeutung. Das Abschmelzen der Polkappen macht es möglich, einen Schiffsweg von Asien nach Europa zu nutzen, der oberhalb von Sibirien verläuft. Er ist deutlich kürzer als die Süd-Route um Afrika herum und dieser Weg verläuft mehr oder minder in den Hoheitsgewässern Russlands. Die mächtige US Navy ist ausgesperrt. Der einzige Kontrollposten des Westens für das strategisch wichtige Gebiet ist Norwegen. Dort simuliert das Militärbündnis nun die Verteidigung Norwegens gegen einen Angreifer. 

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Während die Manöver Moskaus im Wesentlichen von eigenen Truppen bestritten werden, liegt die Herausforderung für die Nato darin, Truppen verschiedener Staaten an einem Ort zu konzentrieren, dort die Kommunikation zwischen den Einheiten herzustellen, um so koordinierte Aktionen möglich zu machen.

Erstmals seit 27 Jahren operiert auch wieder ein Flugzeugträger der U.S. Navy nördlich des Polarkreises, die Carrier Strike Group Eight der "USS Harry S. Truman". Kälte und schwere See stellen hohe Anforderungen an alle Schiffe, doch für den Einsatz von Flugzeugen von einem Träger aus, dürfte das Gebiet weltweit die schwierigste und ungeeignetste Region sein. Die militärische Macht der USA basiert darauf, überall auf der Welt bedrängten Landstreitkräften schnell und massiv durch die Träger und Jets der US-Flotte zur Hilfe zu eilen. Auf diese Korsettstangen kann die Nato bei einer möglichen Konfrontation im Norden nicht verzichten. 

Lang geplante Kriegsspiele der Nato

Bleibt die Frage, wie aussagekräftig derartige Übungen sind. Jede Übung simuliert den Feind nur in Grenzen, die vorher abgesteckt sind. Heute kommt aber ein anderes Problem hinzu. Die schlechte Einsatzbereitschaft und Versorgungslage der westlichen Armeen wird durch die teure Übung nicht verbessert. 50.000 Mann hören sich nach viel an, doch der größte Nato-Staat Europas, Deutschland, schickt lediglich 8000 Mann. Fehlt es ihnen in der Kaserne an Ausrüstung, wird diese mühsam von anderen Einheiten zusammengeliehen, die dadurch weiter von Material entblößt werden. Gibt es keine warme Kleidung, werden die Bestände auch mal durch eine Neubestellung aufgestockt. Mit viel Einsatz der beteiligten Soldaten und langer Vorbereitung können so 8000 Mann ins Feld geschickt werden. Mit dem Ernstfall eines echten großen Krieges hat das nichts zu tun. Sollte jemand Norwegen überfallen, wird er diese Absicht kaum ein Jahr zuvor verraten, damit die Nato warme Socken beschaffen kann.