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Ndrangheta, Cosa Nostra und Co.: Der Mafia GmbH ist nichts zu teuer

Das größte Unternehmen in Italien ist die Mafia GmbH. Schätzungen gehen davon aus, dass die organisierte Kriminalität 2008 einen Gewinn von rund 70 Milliarden Euro machen wird. Dem finanziellen Großangriff unterliegt auch Rom. Das berühmte "Café de Paris" gehört jetzt angeblich der Ndrangheta.

Von Luisa Brandl

Im "Cafè de Paris" an der berühmten Via Veneto in Rom gingen die Filmstars ein und aus. Spätestens seitdem Federico Fellini in den 60ern hier einige Szenen des "Dolce Vita" drehte, hatte das Lokal Kultstatus. Doch mächtige Mafia-Clans aus Kalabrien haben das elegante Etablissement aufgekauft. Die Investoren gehören zu den Dynastien der Piromalli, Alvaro, Giorgi und zum Clan der Vottari-Pelle, der bei den Morden in Duisburg im August 2007 sechs Mitglieder verlor. Laut Medienberichten seien mehr als sechs Millionen Euro in bar geflossen. Dass sich die Ndrangheta damit ein Stück italienisches Kulturgut einverleibt, soll eines demonstrieren: ihre Macht. Die Ndrangheta gilt als die stärkste Mafia Italiens, sie verhandelt direkt mit den kolumbianischen Drogenbaronen und kontrolliert weltweit den Kokainhandel. Und sie verfügt über immenses Bargeld.

Um die Millionen Euro aus den illegalen Geschäften zu waschen, investieren die Clans in Deutschland, Holland, Brasilien und immer mehr auch in Italiens Hauptstadt. Duzende Restaurants, Pizzerien, Trattorien und Einkaufszentren in Rom sind in kalabrischer Hand. Die Kaufverhandlungen gehen ruckzuck, gezahlt wird in bar - meist ein Vielfaches über dem Marktpreis. So wird schmutziges Geld in den legalen Kreislauf gepumpt, die Profite später reinvestiert, auch in öffentliche Ausschreibungen der Stadtverwaltung in Rom.

"Finanzieller Großangriff"

Die Zeitung La Repubblica macht einen "finanziellen Großangriff auf die Hauptstadt" aus und zitiert aus einem Bericht der Finanzpolizei, wonach "die Ndrangheta ohne Pause weiter in die Hauptstadt eindringt". Allein im ersten Halbjahr 2008 meldeten Banker, Unternehmer und Verwaltungsbeamte 896 verdächtige Transaktionen in Rom und der Region Latien. Gegen den Eigentümer des Luxusrestaurants "Alla rampa" an der Spanischen Treppe läuft bereits ein Verfahren zur Enteignung. Mafia-Boss Domenico Giorgi begrüßt in seinem Lokal mitunter hohe Staatsbeamte, Promis und Gäste aus dem Showbizz.

Während sich die Geldwäscher der Ndrangheta im Centro storico Roms breitmachen, hat die Camorra aus Neapel das Umland in Beschlag genommen und kontrolliert die großen Einkaufszentren in der Peripherie. Laut einem internen Teilungsplan dominiert die sizilianische Mafia hingegen die Küste der Region Latien, Cosa Nostra investiert Schwarzgeld in Strandbäder, die sich am Küstenstreifen aneinander reihen und unterwandert die Aktivitäten der Häfen in Fiumicino und Civitavecchia.

Mafia-Profite wachsen weiter

Landesweit ist das organisierte Verbrechen zu einer bedrohlichen Wirtschaftsgröße herangewachsen. Das größte Unternehmen in Italien ist die Mafia GmbH. Laut einem Bericht des nationalen Einzelhändlerverbands macht die organisierte Kriminalität 130 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr und verdoppelte fast ihren Gewinn von 40 Milliarden im Vorjahr auf 70 Milliarden Euro. Die Profite der Mafia werden laut dem Bericht noch weiter wachsen, obwohl die Weltwirtschaft schwächelt.

Denn das organisierte Verbrechen verdient doppelt an der Krise. Die Bosse verfügen über hohe Liquidität - Bargeld aus dem Drogen- und Waffenhandel, den Schutzgelderpressungen, der illegalen Müllentsorgung, der Wucherei und den öffentlichen Aufträgen im Baugewerbe. Mit dieser Geldmasse können die Clans in Zeiten der Rezession billig Unternehmen, Immobilien und Banken aufkaufen. Andererseits treibt ihnen die Krise unzählige Kleinunternehmer in die Arme, die von den Banken keine Kredite mehr bekommen.

Wucherei bringt Milliarden

In seinem Mafia-Bericht schlägt der Einzelhändler-Verband Alarm: Um sich vor Anschlägen und Sabotage zu schützen, führen Unternehmer und Geschäftsinhaber in Italien insgesamt 250.000 Euro pro Tag an die Mafia ab. Um die Schutzzölle trotz Wirtschaftsflaute jedoch zahlen zu können, werden sie gezwungen, Geld bei den Clans zu leihen. Das Geschäft mit dem illegalen Geldverleih blüht. Mehr als 180.000 Fälle sind dem Verband angezeigt worden. Die Wucherei bringt der Mafia GmbH 15 Milliarden Euro pro Jahr ein und ist nach dem Drogenhandel zur wichtigsten Einnahmequelle geworden.

"Wir haben einen Notstand der Wucherei als Folge der galoppierenden Wirtschaftskrise", sagt Tano Grasso, Ehrenpräsident der Antischutzgeldvereinigung FAI. Gerade in Kalabrien, aber auch im Großraum Neapel und in Sizilien, so Grasso, glaubten viele Unternehmer nur noch wirtschaften zu können, indem sie Geld an die Mafia zahlen oder mit mafiösen Firmen zusammenarbeiten. "Die Mafia hat in vielen Regionen nahezu ein Monopol inne", sagt er. Das hat zur Folge, dass in einigen Regionen nur noch solche Unternehmen arbeiten können, die sich mit der Mafia gut stellen. "Das bedeutet, dass in diesen Regionen die Unternehmerfreiheit de facto verschwunden ist", sagt Grasso.

Mafiosi enteignen

Innenminister Roberto Maroni drängte darauf, das Sicherheitspaket, das auch diverse Maßnahmen gegen die Mafia enthalte, schnell im Parlament zu verabschieden. Unter anderem sei geplant, dass Unternehmer, die öffentliche Ausschreibungen gewonnen haben, Schutzgeldforderungen anzeigen müssen. Andernfalls drohe ihnen der Entzug des Auftrags und der Ausschluss von künftigen Ausschreibungen. Außerdem sollen lokale Verwaltungen schärfer kontrolliert werden, nicht nur die Politiker, sondern auch die Verwaltungsangestellten sollen auf ihre Nähe zur Mafia geprüft werden. Zu den Neuerungen gehört ebenso, dass der Staat Mafiosi leichter enteignen kann und die beschlagnahmten Güter schneller einer neuen Nutzung zugeführt werden.