Neonazis Hitlers Geburtstag in Russland


Auch wenn Präsident Wladimir Putin Fremdenhass geißelt: Die gewalttätigste Neonazi-Szene weltweit agiert in Russland, allein dieses Jahr starben 60 Menschen nach Übergriffen. An Hitlers Geburtstag dürfen "Nichtrussen" in Moskau nicht auf die Straße - aus Sicherheitsgründen. Die Bevölkerung ist gleichgültig.
Von Andreas Albes, Moskau

Malika Sakirowa, 21, hat zu Adolf Hitlers Geburtstag am 20. April zwei Liter Milch, Joghurt, Äpfel, etwas Schokolade und sogar Kerzen gekauft. Malika stammt aus Usbekistan und studiert in Moskau. Keineswegs will sie das Wiegenfest des Führers feiern, im Gegenteil: Das ganze Wochenende ist sie in ihrem Studentenwohnheim im Süden der Stadt gefangen. Und mit ihr noch rund 500 Studenten aus dem Kaukasus und Zentralasien, die im selben Wohnheim leben. Am Eingang stehen Wachleute, die nur Russen auf die Straße lassen. Für Einwanderer und Ausländer hat die Hausverwaltung nämlich Ausgehverbot verhängt, aus Angst vor Angriffen von Neonazis.

So geht das schon seit Jahren. 2006 sei an Hitlers Geburtstag ein Molotowcocktail durchs Fenster geflogen, erzählt Malika, und 2007 wäre das Ausgehverbot gleich für eine Brandschutzübung genutzt worden. Fällt der Führergeburtstag auf einen Wochentag, ist es "nichtrussischen" Studenten verboten, Vorlesungen zu besuchen. Derart drakonische Vorsichtsmaßnahmen werden nicht nur in Moskau, sondern auch in St. Petersburg, Nischni Nowgorod und anderen Großstädten getroffen. Denn die russische Neonaziszene gilt als die brutalste der Welt.

60 Todesopfer durch rassistischer Übergriffe

Das "Moskauer Büro für Menschenrechte" hat allein in den ersten Monaten diesen Jahres 60 Todesopfer infolge rassistischer Übergriffe registriert. 2006 waren es noch 39 insgesamt. Offizielle Stellen allerdings leugnen den dramatischen Anstieg: "Aus irgendeinem Grund kann bei uns kein Kirgise umgebracht werden, ohne dass es ein anderes Motiv als Nationalismus dafür in Frage kommt", sagte vor zwei Wochen zynisch ein Sprecher der Moskauer Staatsanwaltschaft.

Der Kommentar verharmlost die Wahrheit. Vergangenen März kam die Moskauer Miliz einer Bande Skinheads auf die Spur, die mordend durch Schlafstädte mit hohem Ausländer- und Immigrantenanteil zog. Zwei der Täter wurden auf frischer Tat gefasst. Mit blutbeschmierten Hosen und zwei blutigen Messern in einem Rucksack saßen sie plaudernd in einer Straßenbahn, als Beamte den Waggon stürmten. 20 Minuten zuvor hatten sie einen armenischen Geschäftsmann vor den Augen seiner Frau erstochen.

"Die Stadt von Nichtrussen säubern"

Der eine Täter war ein mit Orden für beste Noten ausgezeichneter Sportstudent, der andere lernte Ikonenmalerei und war zum Zeitpunkt der Tat gerade 17. "Ich wollte die Stadt von Nichtrussen säubern", erklärte er der Miliz. Im Lauf der Vernehmungen gab er 22 Angriffe auf Ausländer zu, 20 Opfer hatten nicht überlebt, einige wiesen bis zu 30 Messerstiche auf. Die Jugendlichen hatten sich per SMS zu ihren nächtlichen Mordorgien verabredet. Ob alle Mitglieder der Bande gefasst sind, steht bis heute noch nicht fest.

Russlands Miliz und Justiz hat den Ruf, rechtsextreme Straftaten halbherzig und mit großer Nachsicht zu verfolgen. Den mordenden Ikonenmaler nannten die Ermittler lapidar "den Anti-Kanaken". In St. Petersburg verurteilte ein Gericht mehrere Skinheads, die ein neunjähriges Mädchens aus Tadschikistan erstachen, lediglich wegen Rowdytums. Die Begründung: Sie seien betrunken gewesen. Auf 150 wird die Zahl der rechtsextremistischen Gruppierungen in Russland geschätzt. Sie agieren so unbehelligt, wie nirgends sonst in Europa. Die meisten sind lose Zusammenschlüsse höchst gewaltbereiter Jugendlicher mit grenzenloser Verehrung für Adolf Hitler. Der Zweite Weltkrieg, der in der Sowjetunion über 20 Millionen Tote forderte, so ihre krude Logik, musste sein, weil große Führer nun mal Kriege führen.

Fäuste, Messer und Kalaschnikows

Dimitrij Rumjanzew, 36, ist Chefideologe der Nationalsozialistischen Gesellschaft (NSO). Er trägt einen gepflegten Bürstenhaarschnitt, Polohemd und weiße Turnschuhe. "Wer heute in Russland eine nationalsozialistische Gesinnung hat, läuft nicht mehr unbedingt mit Glatze rum", sagt er. "Das ist nur eine Art, gegen die Überfremdung unseres Landes zu protestieren, aber sicher nicht die effektivste." Rumjanzew organisiert in der Provinz Trainingscamps für Jugendliche, in denen sie lernen, mit Fäusten, Messer und Kalaschnikow umzugehen. Denn er ist überzeugt, dass sich die Russen nur im bewaffneten Kampf gegen Einwanderer und Immigranten wehren können.

Dass er noch nicht verhaftet wurde, führt der NSO-Ideologe darauf zurück, dass er eben "sehr vorsichtig" sei. Außerdem gebe es bei der Miliz viele Gleichgesinnte. Rumjanzews Reden kann man im Internet nachlesen. Er ruft zum "Krieg gegen die Parasiten" auf, erzählt von Armeniern, Tadschiken und Aserbaidschanern, die mit Drogen handeln, stehlen und den Russen die Arbeitsplätze wegnehmen. Er sagt, das russische Volk sei vom Aussterben bedroht. "Wenn wir nicht handeln, wird eines Tages ein Kanake Präsident!"

Kaum jemand empört sich

Das Fatale in Russland ist, dass sich kaum jemand über Hetzer wie Rumjanzew empört. Auch die wachsende Zahl rassistischer Straftaten berührt wenige. Die Mehrheit der Gesellschaft erscheint völlig demoralisiert. Im wachsenden Brutalkapitalismus dreht sich fast alles nur ums Geld - für viele, weil sie ihre Existenz sichern müssen. Wer immer dabei stören könnte, ist nicht willkommen.

54 Prozent der Bevölkerung stimmen der These zu "Russland der Russen" - was noch erschreckender ist, wenn man bedenkt, dass 20 Prozent ethnisch gar keine Russen sind. Russland ist ein Vielvölkerstaat, dessen Mehrheit das nicht akzeptiert. Allein im Nordkaukasus leben hunderte Clans, Stämme und Nationalitäten, dazu kommen Millionen Einwanderer aus den ehemaligen Sowjetrepubliken. Sie brauchen Russland, weil es dort Arbeit gibt, und Russland braucht sie, weil nämlich dessen Bevölkerung, vor allem die "ethnisch reine", jährlich um 700.000 Menschen schrumpft - was die Phobie nur noch anheizt.

Jeden Tag mehr Menschen von Neonazis ermordet

Wladimir Putin geißelt den wachsenden Fremdenhass mit geballter Faust und markigen Worten. Er tut das oft. Bei den Rechtsextremisten ist seine Politik dennoch beliebt. Er will "eine patriotische, national gesinnte, neue junge Generation" erziehen lassen. Dazu autorisierte Putin persönlich ein an den Schulen obligatorisches Geschichtsbuch, das Stalin als den "erfolgreichsten Führer der UdSSR" feiert. Kreml-nahe Jugendorganisationen beteiligen sich an Kampagnen gegen Einwanderer. Georgien, das mit den USA eng verbündet ist, darf auf Entscheidung der Duma keinen Wein und kein Mineralwasser mehr nach Russland importieren. "Aus hygienischen Gründen", wie es hieß. Gefährliche Signale in einem Land, in dem jedem Tag mehr Menschen von Neonazis ermordet werden.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker