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Neue Anlage zur Urananreicherung: G20-Chefs beunruhigt über Irans Atompläne

Der Iran hat die Katze aus dem Sack gelassen: In einem Brief an die internationale Atombehörde bestätigt Teheran den Bau einer zweiten Anlage zur Urananreicherung - angeblich zu rein zivilen Zwecken. Auf dem G20-Gipfel in Pitsburgh sorgte die Nachricht für Beunruhigung.

Wenige Tage vor den geplanten Atomgesprächen der Weltgemeinschaft mit dem Iran hat das Regime in Teheran den Bau einer weiteren Urananreicherungsanlage zugegeben. Bisher ging man lediglich von einer iranischen Urananlage in Natans aus. Schon diese war bei der Weltgemeinschaft auf Widerstand gestoßen. Teheran habe jetzt in einem Brief an die internationale Atomenergiebehörde IAEA mit Sitz in Wien die Existenz der zweiten Anlage zugegeben, weil offenbar Informatione darüber an westliche Geheimdienste durchgesickert seien, sagten Diplomaten am Freitag. Die Atombehörde bestätigte lediglich den Eingang eines Briefes.

Der Iran habe versichert, dass in der Anlage Uran bis zu 5 Prozent angereichert werde, teilte die IAEA mit. Für den Bau von Atomwaffen ist eine höhere Anreicherung notwendig. In dem Schreiben vom vergangenen Montag an den IAEA-Generaldirektor Mohamed El Baradei habe der Iran angegeben, dass sich bislang kein nukleares Material in der Anlage befinde. Zudem habe das Land zugesagt, weitere Angaben in einer "angemessenen" Zeit zu liefern.

Angeblich groß genug für etwa 3000 Zentrifugen

Es habe aber weder Angaben zur Lage der Anlage gegeben noch dazu, wie weit das Projekt fortgeschritten sei, sagte ein Diplomat. Laut einer namentlich nicht genannten Quelle der iranischen Nachrichtenagentur ISNA soll die Anlage ähnlich der in Natans sein. Nach Angaben aus gut informierten Kreisen steht die Anlage bei Qom südlich von Teheran und ist groß genug für etwa 3000 Zentrifugen. Das sei etwa die Menge, die man benötige, um innerhalb eines Jahres das Material für eine Atombombe herzustellen, aber nicht genug für einen Atomreaktor, hieß es. Die Anlage sei wohl nicht vor nächstem Jahr betriebsbereit. Ein anderer Diplomat ging von mindestens sechs Monaten bis zu einer möglichen Inbetriebnahme aus.

Nach IAEA-Regeln muss der Iran die Atomenergiebehörde informieren, sobald eine Entscheidung für den Bau solch einer Anlage gefallen ist. Der UN-Sicherheitsrat hat bereits mehrfach ohne Erfolg Sanktionen gegen den Iran verhängt, um das Land von der Urananreicherung abzubringen. Teheran beteuert, Uran ausschließlich für zivile Zwecke wie Energiegewinnung nutzen zu wollen. Experten befürchten, dass das Mullah-Regime mit dem angereicherten Uran Atomwaffen bauen könnte.

Weltmächte empört

Beim G20-Gipfel in Pittsburgh zeigten sich die Staats- und Regierungschefs der 20 führenden Industrienationen beunruhigt über die Ausweitung des iranischen Atomprogramms. Bundeskanzlerin Angela Merkel forderte Teheran zur sofortigen Aufklärung auf. "Deutschland ist darüber sehr besorgt, genauso wie Frankreich, Großbritannien und die Vereinigten Staaten von Amerika", sagte Merkel am Rande des G20-Gipfels in Pittsburgh.

"Wir fordern den Iran auf, der Internationalen Atomenergiebehörde alle Informationen schnellstmöglich zukommen zu lassen", sagte die Kanzlerin. Der Bau sei ein Verstoß gegen die Auflagen der Behörde und der Vereinten Nationen. Der Iran müsse auf die Vorschläge eingehen, die ihm zur Beendigung seines Nuklearprogramms vorgelegt worden seien.

US-Präsident Barack Obama warf der iranischen Regierung vor, die zweite Anlage zur Urananreicherung jahrelang verheimlicht zu haben. Zugleich drohte er weitere Sanktionen an. "Der Iran bricht internationale Regeln, die alle Nationen befolgen müssen", sagte Obama am beim G20-Gipfel in Pittsburgh. Teheran müsse bei den anstehenden Gesprächen seine Pläne offenlegen. Der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy stellte Teheran dafür ein Ultimatum bis zum 1. Dezember.

Bereits am 1. Oktober in Genf kommen Vertreter des Irans und der fünf ständigen Mitglieder des Weltsicherheitsrats plus Deutschland zusammen, um Kooperationsmöglichkeiten auszuloten. Der iranische Chefunterhändler, Said Dschalili, erwartet laut einem Bericht des Magazins "Der Spiegel" Konzessionen der USA und Europas bei dem Treffen in der Schweiz. "Jetzt ist der Westen am Zug", wurde er zitiert. Auf das Thema Urananreicherung soll aus seiner Sicht nicht eingegangen werden. "Wir werden dieses Recht niemals aufgeben." Verschärfte Sanktionen fürchte seine Regierung nicht.

Russland grundsätzlich zu Sanktionen bereit

Russland ist laut Präsident Dmitri Medwedew dazu bereit, notfalls weitere Sanktionen gegen Teheran mitzutragen. Wenn alle Möglichkeiten der Diplomatie erschöpft seien, "dann können wir internationale Sanktionen nutzen", sagte Medwedew am Donnerstag in Pittsburgh vor Beginn des G20-Gipfels. Damit unterstrich Medwedew die neue Haltung Moskaus. Zuerst hatte er dies am Mittwoch am Rande der UN-Vollversammlung in New York angedeutet, allerdings weniger deutlich.

DPA/AP / AP / DPA