Niger Katastrophe mit Ansage


Es war eine vorhersehbare Katastrophe - und trotzdem hat niemand reagiert. Seit Monaten wird der zentralafrikanische Staat Niger von einer Hungersnot heimgesucht - und die Kinder trifft es wieder am schlimmsten.

Wenn die Kinder nicht genügend Nahrung bekommen, werden die Arme und Beine so dünn, dass die Knochen zu sehen sind und die Bäuche anschwellen. Die Köpfe wirken überdimensioniert auf den ausgemergelten Körpern, und die Kinder sind zu apathisch, um die Fliegen aus ihren Augenwinkeln zu vertreiben - das klassische Bild des Hungers in Afrika.

Wenn diese Bilder in die Medien kommen, ist häufig von einer Katastrophe die Rede, was den Eindruck erweckt, als sei da etwas unversehens hereingebrochen. Die Hungersnot im zentralafrikanischen Niger ist jedoch alles andere als unerwartet: Hilfsorganisationen sagten sie bereits im vergangenen Jahr voraus, als die Ernten vertrockneten und die Felder von Heuschrecken leergefressen wurden. Heuschreckenschwärme zählen oft mehrere Milliarden Tiere, die sich bis zu 200 Kilometer pro Tag fortbewegen.

Niger kommt so selten in die Schlagzeilen, dass es schnell mit Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas, verwechselt wird. Es liegt jedoch weiter nördlich in der Sahelzone: Mit einer Gesamtfläche 1.267.000 Quadratkilometern grenzt der "Wüstenstaat" im Norden an Libyen und Algerien, im Osten an den Tschad, im Süden an Nigeria und Benin und im Westen an Mali und Burkina Faso. Die Hauptstadt Niamey am nördlichen Ufer des Niger-Flusses ist ein bedeutendes Handelszentrum an diesem stark befahrenen Wasserweg. Zu den kargen Bodenschätzen gehört Uranium, das Niger angeblich sogar in den Irak geliefert haben soll, doch entsprechende Vorwürfe ließen sich nie bestätigen. Niger ist nach wie vor das drittgrößte Uranförderland der Welt. Gleichwohl gehört Niger zu den fünf ärmsten Ländern der Welt.

Hilfsmaschinerie läuft an

Von den etwa 11,5 Millionen Einwohnern hat etwa ein Drittel nicht genug zu essen. Seit die ersten Fernsehbilder der Hungerkinder im Westen ankamen, ist die internationale Hilfsmaschinerie angelaufen. So habe Unicef, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, bereits 200.000 Menschen mit Nahrung versorgt. Insgesamt seien 614 Tonnen Getreide und 6 Tonnen Saatgut zusammen mit Partnern an 62 Dörfer verteilt worden. Weiter 900 Tonnen Getreide sollen in den nächsten Wochen folgen. In 31 Ernährungszentren würden Kinder mit proteinhaltiger Milch, Zusatznahrung und den wichtigsten Medikamenten versorgt. Auch die Deutsche Welthungerhilfe hat ein Team entsandt, um die Versorgung unterernährter Kinder zu organisieren. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen hat seit Beginn dieses Jahres knapp 13.000 stark unterernährte Kinder behandelt. Im Schnitt kommen derzeit jede Woche 1000 Kinder in eines ihrer Zentren.

"Wir haben innerhalb einer Woche mehr Spendenzusagen bekommen als zuvor in einem halben Jahr", sagte der UN-Nothilfekoordinator Jan Egeland. "Aber für viele Kinder kommt das leider zu spät." Außerdem, so Unicef, " reicht die Hilfe nicht aus". Um Kinder vor dem Hungertod zu bewahren, seien dringend weiter Spenden nötig. Die britische Hilfsorganisation Oxfam kritisiert das späte Erwachen der internationalen Gemeinschaft. "Hungersnöte sind vermeidbar. Auch die Hungerkatastrophe in Niger war schon vor Monaten angekündigt und hätte leicht vermieden werden können, wenn das Geld rechtzeitig geflossen wäre", sagt Oxfam-Mitarbeiter Phil Bloomer.

Unterdessen strömen die unterernährten Menschen in die improvisierten Zeltstädte, in denen sie Spezialnahrung für sich und ihre Kinder bekommen. Helfer binden den Kleinen farbige Bänder um die Handgelenke: Blau für Kinder, die noch halbwegs stabil sind, Gelb für stark unterernährte Kinder, und Rot für diejenigen, die schon fast verhungert sind.

"Die Welt ist großzügig"

Als es die ersten Spendenaufrufe gab, rechneten die UN noch mit 80 Cent pro Tag und Person, um die Ernährungsprobleme lösen zu können. Inzwischen, da sich die Lage weiter verschlechtert hat und die Menschen schwächer geworden sind, kostet jedes Menschenleben 64 Euro. "Es ist das Schlimmste, was ich je gesehen habe", sagt der Grundschullehrer Hassan Balla. "Ich habe Menschen Blätter essen und wie Tiere leben sehen." Trotz allem vertraut er auf die Hilfslieferungen: "Die Welt ist großzügig", sagt Balla. Die Vereinten Nationen haben nun um 30 Millionen Dollar Spenden gebeten. Das sei "so gut wie nichts", sagte Egeland. Europäer äßen schließlich jedes Jahr für 10 Milliarden Dollar Eis, und Amerikaner gäben 35 Milliarden pro Jahr für ihre Haustiere aus.

vuk mit Material von AP/DPA/Reuters DPA Reuters

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