Nordkorea Alltag in Absurdistan


Das Land ist bettelarm, technisch hinterm Mond. Nun hat ausgerechnet dieses Nordkorea eine Atombombe gezündet. Kenner der Verhältnisse fürchten den unbedarften Umgang mit Nuklearmaterial fast mehr als die Unberechenbarkeit des Diktators Kim Jong II.
Von Adrian Geiges

Zeigen Sie nicht mit dem Finger nach Norden", warnt Reiseführer Kim immer wieder, wobei er selbst nervös mit den Händen fuchtelt. "Die Soldaten dort könnten meinen, Sie eröffnen das Feuer." Vier Tage nach dem Atombombentest: In der "entmilitarisierten Zone" am 38. Breitengrad, an der Grenze von Süd- und Nordkorea, patrouillieren amerikanische Militärs mit Maschinengewehr im Anschlag. Südkoreanische Soldaten haben den Stahlhelm bis fast über die Augen gezogen und ihre Gesichter in Tarnfarben bemalt. Militärpolizisten suchen mit Sonden unter einem Bus nach blinden Passagieren. Drin sitzen Urlauber aus Tokio, Sydney und Miami, Südkoreaner dürfen bei solchen Touren nicht mitfahren. Das ist, als ob Deutsche nicht ans Brandenburger Tor dürften. "Wir fürchten, Verräter könnten sich nach Norden absetzen", erklärt Herr Kim.

Dieselbe Stelle, auf der nördlichen Seite, vor dem Nukleartest: "Hier sehen Sie die hässliche Fratze der amerikanischen Imperialisten", sagt der Dolmetscher, der ebenfalls mit Familiennamen Kim heißt - wie jeder fünfte Koreaner. "Wir können diese Hyänen nur mit Atomwaffen in Schach halten."

Auf der Rückfahrt in die Hauptstadt Pjöngjang besichtigen wir ein Kloster ohne Mönche und Nonnen. Leben noch Buddhisten in Nordkorea? "Nein", antwortet der Dolmetscher entschieden. "Es gab sie vor dem Koreakrieg. Aber die Amerikaner haben sie mit Bomben getötet. Nur wenige überlebten. Sie beteten weiter zu Buddha - vergebens. Dann half ihnen unser großer Führer Kim Il Sung. Seither glauben sie an ihn."

Nordkorea lebt in einer anderen Zeit - buchstäblich. Man schreibt das Jahr 94. Vor neun Jahren wurde ein neuer Kalender eingeführt, dem zufolge die Zeit mit der Geburt des "großen Führers" Kim Il Sung beginnt. Nach dessen Tod vor zwölf Jahren ging die Macht an seinen Sohn Kim Jong Il über, der als "geliebter Führer" bezeichnet wird.

Obwohl die Aufpasser versuchen, uns abzuschirmen, beobachten wir Kinder mit ausgemergelten Körpern am Straßenrand. Nach Angaben von Hilfsorganisationen leiden 7 Prozent der Bevölkerung an Hunger und 37 Prozent an chronischer Unterernährung. Ein Ochse zieht einen Holzpflug. Außerhalb Pjöngjangs sehen wir keine Autos, in der Hauptstadt nur alle paar Minuten eines. Trotzdem verhindern Polizistinnen, dass Fußgänger die leeren Straßen überqueren, die Menschen müssen Unterführungen benutzen - eine Funktionärslimousine oder ein Militärkonvoi könnten freie Fahrt brauchen. Fast alle Mittel des armen Landes fließen in bronzene und goldüberzogene Denkmäler für den "großen Führer", in die Mercedes-S-Klasse-Wagen der Spitzenfunktionäre und ins Militär. Das kleine Nordkorea mit 23 Millionen Einwohnern unterhält die viertgrößte Armee der Erde mit 1,2 Millionen Soldaten.

Nur wenige Ausländer haben sich länger im Land aufgehalten. Einer von ihnen ist der aus Düsseldorf stammende Arzt Norbert Vollertsen. Die Hilfsorganisation Cap Anamur entsandte ihn im Juli 1999. Der Idealist wollte den Menschen helfen. Als Vollertsen ein Stück seiner Haut einem Patienten mit schweren Brandverletzungen spendete, wurde er zum Helden der Parteipresse. Nordkoreas Propaganda erweckt gern den Eindruck, "Freunde" aus aller Welt unterstützten ihr Land und den "geliebten Führer". Die Regierung verlieh Vollertsen die "Freundschaftsmedaille", eine hohe Auszeichnung.

"Die Medaille wurde für mich zum Passierschein", erinnert sich der Arzt. "Plötzlich konnte ich frei durchs Land reisen, was sonst nicht einmal den Nordkoreanern selbst erlaubt ist. Immer wieder geriet ich in Militärkontrollen, doch sobald ich die Auszeichnung vorzeigte, winkten mich die Soldaten durch." Das ermöglichte Vollertsen, nicht nur der Elite zu helfen, sondern auch in entlegenen Krankenhäusern in armen Gegenden. Dort fehlte es an Medikamenten und Spritzen. Betäubungsmittel gab es keine, nicht einmal Seife. "Als ich bis aufs Skelett abgemagerte Kinder in blau-weiß gestreiften Pyjamas sah, musste ich an Buchenwald denken", beschreibt Vollertsen sein zunehmendes Unbehagen.

Er war anderthalb Jahre im Land, als er auf der Straße nach Pukchong einen jungen Soldaten liegen sah. Vollertsen stieg aus seinem Jeep. Der Soldat war tot. Seine Haut war voller Brandmale von glühenden Zigaretten, an der Hüfte klaffte eine Wunde bis auf den Knochen - Spuren von Folter. Als der Arzt per Fax ausländische Medien darüber informierte, wurde er aus Nordkorea ausgewiesen.

Südkoreas Hauptstadt Seoul, Stadtteil Yangcheon, ein 15-stöckiges Hochhaus aus kahlem Beton, im Innenhof türmt sich der Müll. Hier wohnt Kim Seong Nam. Auch er diente als Soldat in Nordkoreas Armee. Er bewachte sogar die Grenze am 38. Breitengrad. "Für mich war Kim Jong Il damals Gott", sagt er. "Ich hätte mein Leben für ihn gegeben." Zwar kennen die Nordkoreaner die Mühen ihres Alltags. Da jedoch das Land völlig isoliert ist, glauben die meisten, das Leben anderswo auf der Erde sei noch viel schlimmer, erzählt der Flüchtling. Viele haben Radios, die aber nur drei gleichgeschaltete Sender empfangen, die einzige TV-Station des Landes bietet täglich drei Stunden Programm, von großen Paraden wird auch mal länger berichtet.

Als Soldat hungerte Kim nicht, es gab Reis und Kimchi, eingelegten Kohl, und einmal im Monat Huhn. Als er an die Grenze zu China versetzt wurde, stellte er dort Schmuggler, die Videos ins Land brachten, Seifenopern aus Südkorea - und sah darauf ein Leben mit flotten Autos, schicken Häusern, vor allem aber Leute, die einfach ihre Meinung sagten. Er begann am "geliebten Führer" zu zweifeln.

Dann erlebte er die Grausamkeit des Regimes in seinem direkten Umfeld. Als Kameraden seiner Garnison Fußball spielten, traf der Ball eines der vielen Porträts des "ewigen Präsidenten". Das Bild fiel zu Boden, das Glas zerbrach. Der junge Schütze wurde wegen "Lästerung des großen Führers Kim Il Sung" angeklagt. Urteil: Hinrichtung durch Genickschuss. Auch seine Eltern und seine beiden Geschwister wurden festgenommen und zu lebenslanger Haft verurteilt. Kim Seong Nam fürchtete sich. Eines Abends watete er durch den Duman-Fluss nach China.

Dort wurde er verhaftet, an Nordkorea ausgeliefert. Durch Bestechung gelang ihm erneut die Flucht, er schlug sich nach Südkorea durch. Dort wurde er zunächst verdächtigt, nordkoreanischer Agent zu sein. Heute verkauft er Gebrauchtwagen nach China und führt von dort Reis ein. Er ist verheiratet und Vater zweier Kinder.

Auch seine Frau ist aus Nordkorea geflohen. Nach einem Wirtschaftsstudium prüfte sie in einer Molkerei die Milchqualität. "Offiziell hatten wir einen Achtstundentag. Doch danach wurden wir zu Arbeitseinsätzen abkommandiert, teerten zum Beispiel Straßen." Sie stammt aus einer der drei Nordprovinzen an der Grenze zu China, wo die Menschen ihre Hungerlöhne mit Schmuggel aufbessern und auch die Pfade kennen, auf denen man sich ins Nachbarland absetzen kann.

Die vierjährige Tochter und der sechsjährige Sohn des Ehepaars Kim spielen mit Legosteinen, an der Wand hängt ein Poster mit dem westlichen Abc. "In der Schule im Norden schreiben die Kinder als Erstes den Satz "Danke dem großen Führer Kim Il Sung, danke dem geliebten Führer Kim Jong Il"", sagt der Vater. "Im Rechenunterricht heißt es: Ich habe acht Amerikaner getötet, mein Freund zehn. Wie viel macht das zusammen?"

Das Einzige, was ihm aus dem Norden geblieben ist, sind ein paar vergilbte Fotos, die er in ein kleines Album geklebt hat. Er blickt auf das Bild seines Bruders, seiner Schwägerin und deren drei Kinder. "Andere Flüchtlinge haben mir erzählt: Die beiden wurden ins Arbeitslager gesperrt, weil ich desertiert bin, die Kinder sind spurlos verschwunden", sagt er. Er kämpft mit den Tränen. "Kim Jong Il nimmt keine Rücksicht auf Menschenleben. Wenn der wirklich die Atombombe hat, dann wird es für alle gefährlich."

Hardliner auf allen Seiten verschärfen den Konflikt. In Südkorea geht die konservative Opposition auf die Straße. Flaggen werden verbrannt, Aktivisten prügeln sich mit der Polizei. Die Demonstranten fordern ein schärferes Vorgehen ihres Landes gegen den Norden. Ein alter Mann trägt ein Umhängeschild, darauf steht: "Militäraktion sofort!"

Die amerikanische Regierung fürchtet, das devisenarme Nordkorea könne Atomtechnologie und Bombenmaterial auf dem Schwarzmarkt verscherbeln. "Dann wäre eine US-Militäraktion möglich", warnt Alan Romberg, bis vor wenigen Jahren im US-Außenministerium für Ostasien zuständig.

Inzwischen scheint geklärt, dass Nordkorea tatsächlich eine Atombombe zündete. Bei Aufklärungsflügen entdeckten US-Geheimdienste Spuren von Radioaktivität in der Atmosphäre. Seismologen schätzen die Sprengkraft des Tests auf 550 Tonnen TNT, verglichen mit 15 000 der Bombe von Hiroshima.

"Das war ein Atomversuch, aber er ist in die Hose gegangen", vermutet Norbert Vollertsen, der sich nun von Seoul aus für Menschenrechte in Nordkorea engagiert. "Das würde dem entsprechen, was ich in Nordkorea erlebt habe: Bei Operationen fiel im entscheidenden Moment das Licht aus, im Krankenhaus explodierte die Sauna." Doch die Ärzte hätten die Probleme, die Energieknappheit, das ganze Versagen des Systems oft nicht wahrhaben wollen. "Manche behaupteten allen Ernstes, man könne Röntgengeräte auch ohne Starkstrom betreiben." Vollertsens schlimmste Befürchtung ist ein Krieg oder gar ein Atomkrieg aus Versehen: "Die Nordkoreaner experimentieren mit der Bombe, ein Unfall dabei könnte Japan und Südkorea verseuchen, der Westen würde zum Gegenschlag ausholen."
Mitarbeit: Katja Gloger

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