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IS-Offensive: Der Fall von Palmyra - Putins erste große Niederlage in Syrien

Der IS wurde schon totgesagt. Überraschend startete er eine Offensive und eroberte die Wüstenstadt Palmyra mit einem Blitzangriff. Für Assad und Putin ist das eine schwere Demütigung. Die Offensive zeigt, wie viel Stärke der IS immer noch hat und wie brüchig die militärischen Erfolge Putins in Syrien sind.

Der IS zeigt Foto von Panzern, die Assads Truppen bei der Flucht zurückgelassen hatten.

Der IS zeigt Foto von Panzern, die Assads Truppen bei der Flucht zurückgelassen hatten.

Vor einer Woche sah die Welt des Kreml noch wunderbar aus. Vor allem im Syrienkonflikt. Die Kräfte des von Russland massiv unterstützen Machthabers Assad stehen kurz davor, trotz internationaler Proteste die letzte Enklave in Aleppo einzunehmen, die von den Rebellen noch gehalten wird. Der gewählte US-Präsident Donald Trump bekräftigte mehrfach seine entschiedene Gegnerschaft gegen die Terrororganisation IS und sein absolutes Desinteresse an der Politik seines Vorgängers. Praktisch hieß das, aus dem "Assad muss weg" wurde ein "Assad kann bleiben". Jonathan Freedland schrieb im "Guardian", der wirkliche Mann des Jahres sei nicht Trump, sondern der russische "Diktator", denn Putin sei es gelungen, im "schrecklichen" Jahr 2016  die Welt nach seinen Wünschen zu formen.

Risse im Siegesgemälde

Innerhalb von vier Tagen hat das Siegesgemälde gewaltige Risse bekommen. In dieser Zeit ist es dem IS gelungen, den Russen und ihren Verbündeten die Wüstenstadt Palmyra und weite Teile des Umlandes zu entreißen. Die Vertreibung der Islamisten aus Palmyra war zwar nicht der erste Siege des syrisch-russischen Bündnisses aber der größte Prestigeerfolg. Der Angriff auf die Stadt wurde akribisch geplant und dauerte Monate. Der verbissene Widerstand des IS konnte schließlich nur durch massive Luftunterstützung Russlands gebrochen werden.

Zudem wurden wohl auch russische Bodentruppen eingesetzt. Bei dem heiklen Thema "russische Soldaten im Gefecht" hält sich Moskau extrem zurück – nur das Schicksal des "russischen Rambos" Aleksandr Prochorenko bei Palmyra wurde aber doch medial ausgeschlachtet. 

Die Erfolge der harten Kämpfe gingen nun innerhalb weniger Tage verloren. Wie konnte das passieren?


Keine Aufklärung

Der IS soll etwa 5000 Kämpfer unbemerkt in die Angriffsräume gebracht haben. Angeblich sollen sie zumindest teilweise aus dem vom IS kontrollierten Gebieten im Irak gekommen sein. Das so etwas möglich ist, wirft ein wenig schmeichelhaftes Licht auf die Möglichkeiten der elektronischen Überwachungen. Drohnen, Spionageflugzeuge und Satelliten – all das hat auch Russland in Syrien im Einsatz. Aber anders als in James-Bond-Filmen ist es mit der Allgewalt der Technik nicht weit her, wenn sich 5000 Mann mit den entsprechenden Fahrzeugen unbemerkt in einer weitgehend menschenleeren Gegend bewegen können - in der schon ein einzelner Bus auffallen müsste.


Unzuverlässige Milizen

Russische Kommandos und Assads Elitetruppen hatten Palmyra erobert. Um Stadt und die militärisch entscheidende Umgebung zu halten, wurden aber lokale Milizen der NDF (National Defence Forces) eingesetzt. Die besten Truppen Assads sind in Aleppo gebunden. Weniger als 1000 Milizionäre sollten Gas- und Ölfelder in der Umgebung Palmyras sichern und dazu die wichtigen Höhenstellungen vor der Stadt und an der Zufahrtstraße. Gemessen an der Größe des Geländes sind das sehr wenige Soldaten. Praktisch gesehen standen kleine isolierte Gruppen von ihnen einem übermächtigen Gegner gegenüber.

Zum Desaster entwickelte sich die schwierige Lage durch die schlechte Ausbildung und Moral der Milizionäre. Anstatt sich zunächst in ihren befestigten Stellungen zu verteidigen und sich dann planmäßig in einem Absetzungsgefecht zurückzuziehen, sollen sie einfach geflohen sein und ihre Waffen zurückgelassen haben. Das berichten zumindest Pro-Assad-Aktivisten. Mit dem Ergebnis, dass die Milizionäre in dem offenen Gelände von den IS-Kämpfern zusammengeschossen wurden.

Moskau wusste lange nichts

Das russische Militär soll vor allem mangelhafte Kommunikation für den Zusammenbruch verantwortlich machen. Was wohl bedeutet, dass das russische Hauptquartier in Moskau zunächst nicht vom Ernst der Lage unterrichtet wurde und dementsprechend keine entschlossenen Luftangriffe in den ersten Tagen des IS-Angriffs anordnete.

Keine Kräfte zum Gegenschlag

Zu massiven russischen Luftschlägen kam es erst, als es zu spät war. Am Samstag war der IS bereits in das eigentliche Stadtgebiet von Palmyra eingedrungen. In der Nacht zum Sonntag sollen russische Jets und Kampfhubschrauber dem IS schwere Verluste zugefügt haben. Aber am Boden gab es keine starken Truppen, die das Blatt hätten wenden können. Geschweige denn die Stellungen auf den beherrschenden Hügeln wieder einnehmen konnten. Die Kämpfer des IS nahmen die Verluste hin, ohne in Panik zu geraten und setzten ihre Angriffe am nächsten Tag fort. Kleinere Teile von Assads Eliteeinheit leisteten weiter Widerstand im Stadtgebiet. Die Kämpfe dienten nur noch dazu, eine einigermaßen planmäßige Räumung der Stadt zu ermöglichen, sodass sich die Truppen Assads nicht in wilder Flucht in Richtung auf den westlichen Flugplatz T4 zurückziehen konnten. In der Nähe des Flugplatzes sammeln sich die geflohenen Truppen und erwarten Verstärkungen. Angeblich sollen die russischen Flugzeuge bereits evakuiert werden, weil der Flugplatz von den Truppen des IS beschossen werden könnte.

Der IS meldet sich zurück 

Die Niederlage in Palmyra ist vor allem ein großer PR-Erfolg des IS. Nach einer Reihe von Niederlagen beweist der IS, dass er nach wie vor zu großen Offensiven fähig ist und Siege erringen kann. Für das Gespann Putin und Assad bedeutet der Fall der Stadt eine entsprechende Demütigung. Auch zeigen sich westliche Einschätzungen, dass der IS durch die Verluste an Führungspersonal handlungsunfähig sei, als zu optimistisch.

Eine Karte des IS zeigt die Gewinne der Terrororganisation in Grün.

Eine Karte des IS zeigt die Gewinne der Terrororganisation in Grün.


Palmyra ändert die militärische Landkarte

Darüber hinaus schafft es für die militärischen Planer eine komplizierte Situation. Russen und Syrer dürften damit gerechnet haben, dass der Widerstand in Aleppo in wenigen Tagen, aber spätestens bis zum Ende des Jahres zu Ende geht. Dann wären die stärksten Truppen Assads frei für weitere Kämpfe. Sie hätten sie etwa Richtung Al-Bab wenden können, um den Vormarsch der Türken in Nordsyrien zu stoppen, oder versuchen können, Raqqa zu erobern. Nun dürfte die Bereinigung der Situation um Palmyra oberste Priorität haben. Darüber hinaus musste der Kreml lernen, dass erkämpfte Gewinne am Ende von der Standhaftigkeit zusammengewürfelter Milizen abhängen. Dass der russische Bär also auf ziemlich tönernen Füßen steht.


Westliche Journalisten halten sich nicht bei Palmyra auf. Der Artikel beruht auf den Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Blogs und Tweets von Aktivisten wurden genutzt, auch wenn es sich um Propagandisten einer Konfliktpartei handelt. Eine Zusammenfassung findet sich auf Wikipedia. Ein eingebundener Tweet zeigt ein Video des IS vom Einmarsch in Palmyra, der zweite den Bericht eines Pro-Assad-Berichterstatters. 


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