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Parlamentswahl in Jordanien: Die islamistische Versuchung

Am Dienstag wird in Jordanien ein neues Parlament gewählt. Dabei hat eine islamistische Partei gute Chancen, auf 20 Prozent der Stimmen zu kommen. Sie lockt mit einem Mischmasch aus Toleranz und Antiamerikanismus. stern.de hat Partei-Mitbegründer Abdul Latif Arabiyat getroffen.

Von Sebastian Christ

Über der Tür prangt die Inschrift "Im Namen Allahs", vor der Garage steht ein gut gepflegter Mercedes aus den 80er Jahren. Ein kleiner Vorgarten mit Bäumen und Sträuchern in einer gutbürgerlichen Neubausiedlung, unweit der größten Universität Jordaniens in Amman. Das Tor zum Grundstück steht offen, auch die Haustür ist nur angelehnt. Hier wohnt Abdul Latif Arabiyat - Lehrer, Politiker, Islamist.

Arabiyat ist Mitbegründer der einflussreichsten Islamistenpartei Jordaniens, der Islamischen Aktionsfront (IAF). Die IAF gilt als die größte und am besten organisierte Partei Jordaniens - vor allen Dingen deswegen, weil sie sich neben ihren politischen Aktivitäten auch sozial engagiert. So betreibt die IAF eine ganze Reihe von Armenhäusern im ganzen Land. Bei den Parlamentswahlen am 20. November werden ihr gute Chancen eingeräumt, erneut stärkste Oppositionskraft zu werden - bei stetig wachsendem Stimmenanteil. Wie in vielen anderen Ländern gewinnt der politische Islamismus auch im gemäßigten Jordanien an Boden. Was vor allem in den USA mit Sorge beobachtet werden dürfte - Jordanien Washingtons wichtigster Verbündeter unter den arabischen Staaten im Nahen Osten.

Junge Wähler als Zielgruppe

Bis in die jüngste Vergangenheit galt die IAF als staatstreu, obwohl sie verschiedene parlamentarische Strukturen gegen den Willen von König Abdullah II. reformieren will und den Friedensvertrag mit Israel ablehnt. Doch mittlerweile nehmen laut Beobachtermeinungen die staatlichen Repressionen gegen die Front immer mehr zu. So schränkt beispielsweise das neue Wahlrecht die Entfaltungsfreiheit der IAF ein, indem sie die Partei bei der Mandatsvergabe benachteiligt. Ein Zeichen, dass man die Islamisten auch im gemäßigten Jordanien immer stärker als Bedrohung wahrnimmt. Als Zielgruppe hat die IAF vor allem die jungen Wähler in den herunter gekommenen Flüchtlingsvierteln der großen Städte ausgemacht. Im Gegensatz zu Deutschland machen Menschen bis 35 Jahren die mit Abstand größte Wählergruppe aus.

Arabiyat jedoch wohnt Lichtjahre entfernt von seiner politischen Zielgruppe, es ist ein modernes Haus mit Marmorböden und einem großen Eingangsbereich. Seine Stimme ist laut, der Händedruck zart. Er trägt einen gestutzten Bart, dazu eine kakifarbene Kombination aus Hemd und Hose. "Ich habe in Amerika studiert", sagt er freundlich. "Ich habe aus dieser Zeit noch ein positives Bild von dem Land in meinem Kopf."

Und doch spricht er nur einige Sätze später von einer "kulturellen Invasion", mit der vor allem die USA die Region heimsuchten. Er sagt, dass die Kulturen auf Basis ihres Glaubens in Dialog treten sollten. Gleichzeitig prangert er in wütenden Worten die westliche Politik im Nahen Osten an. "Jeder Moslem, egal ob in Jordanien oder Malaysia, muss sich von den Vorgängen in Palästina beleidigt fühlen." Er sagt: "Ich weiß, was sie im Westen denken: Wir sind in viele Einzelstaaten zersplittert. Nur, dass es klar ist: Es gibt keine 22 arabischen Länder, nur eine einzige arabische Nation."

"Trennen Materialistisches vom Spirituellen"

Aber wie passt das zusammen? Kulturinvasion und Toleranz? Wie sieht der Gegenentwurf zum "American Way of Life" aus? Arabiyat lässt sich in seinen Sessel zurückfallen. "Wir wollen den materialistischen Aspekt des Lebens vom spirituellen trennen", sagt er. "Im Westen kontrolliert das Materialistische das Geistliche und alles andere. Das muss geändert werden." Und dann fährt er fort: "Wir treten für Werte ein, die den Menschen in den Vordergrund stellen." Dann poltert er ein wenig gegen den Materialismus westlicher Prägung, nur um kurze Zeit später zu betonen, dass er eigentlich nichts dagegen hat, wenn junge Menschen Popmusik hören und die Errungenschaften amerikanischer Konsumkultur genießen. "Es ist ganz normal, dass junge Menschen dem folgen, was die Okkupatoren vorgeben", sagt er. "All die Sitten und Bräuche: Essen, Kleidung."

Arabiyat war viele Jahre Vorsitzender der IAF. Eine politische Bewegung voller Widersprüche: Auf der einen Seite stützt die IAF seit Jahrzehnten die pro-westliche Monarchie und tritt für Demokratie und Pluralismus ein. Andererseits polemisiert die IAF gegen den Irakkrieg und erkennt bis heute den 1994 geschlossenen Friedensvertrag zwischen Israel und Jordanien nicht an. Im vergangen Jahr organisierte die Islamische Aktionsfront wütende Protestdemos gegen den Krieg im Libanon.

Und als der in Jordanien geborene Top-Terrorist Abu Mussab al Sarkawi im Irak getötet wurde, kondolierten einige Parlamentsabgeordnete der IAF. Amerikanische Politologen sagen über die Front, dass sie die Durchsetzung des Scharia-Rechts in Jordanien befürworte. Bekannte jordanische Politexperten bestreiten das jedoch. Fakt ist indes, dass die IAF der Muslimbruderschaft nahe steht - einer islamisch-fundamentalistische Vereinigung, die in Ägypten verboten ist und in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet wird.

"Es gibt zwei Arten von islamistischen Parteien in Jordanien", sagt Mohammad Abu Rumman von der Tageszeitung "al Ghad". "Die erste Gruppe hält sich an das Recht und propagiert Demokratie, die zweite nicht." Die IAF gehöre zu den Parteien, die sich formell staatstreu geben. "Sie setzen sich für Demokratie ein, aber was sie in Wirklichkeit bezwecken wollen, und ob sie wirklich an demokratische Werte glauben, ist unklar."

"Nicht gegen westlichen Lebensstil"

Arabiyats Wohnzimmer ist geräumig, groß genug für all die wuchtigen Massivholmöbel mit ockerfarbenen Brokatbezügen. Deckenstrahler werfen kleine, runde Neonkegel an die schneeweißen Wände. Der ganze Raum ist in ein angenehmes Licht getaucht. Eigentlich könnte dieses Wohnzimmer auch einem Geschäftsmann aus Bergisch-Gladbach gehören, wären da nicht dieses bedrohliche Schwert, das die hintere Wand dominiert, und der kleinere Dolch neben dem Kanapee und die silbernen Öllampen auf dem Beistelltisch.

Sein Sohn kocht im Nebenraum einen Mokka auf, serviert ihn auf einen Tablett und mischt sich in die Diskussion ein. "Wir sind nicht gegen den westlichen Lebensstil, versuchen aber, beides zu verbinden", sagt er. Ob er es denn mit seinem Glauben vereinbaren könne, Pepsi zu trinken, wenn der Konzern gleichzeitig Werbung mit einer halbnackten Britney Spears mache? "Zum Glück laufen die Spots hier ja nicht, wir haben andere Models", sagt er. Auf den Cola-Dosen in Jordanien ist die brave Popsängerin Haifa zu sehen: herzliches Lächeln, dazu ein weißes, hochgeschlossenes Oberteil, das noch nicht einmal die Ahnung eines Brustansatzes zulässt.

Doch es sind nicht nur Moral- und Glaubensthemen, mit denen die IAF bei jungen Menschen punktet. Von allen vordergründig demokratischen Parteien im Land beziehen die Islamisten am deutlichsten Stellung zu den Konflikten in Palästina und dem Irak. Lösungen haben zwar auch sie nicht zu bieten. Aber mit diesen politischen Schwerpunkten treffen sie den Nerv der Zeit. Laut einer Studie des American Friends Committees betrachten knapp ein Drittel der jordanischen Jugendlichen die Außenpolitik als eines der wichtigsten Themen im Land. Und die meisten Befragten sind unzufrieden mit der Art und Weise, wie die jordanische Regierung mit dem Krieg im Irak und der Krise in Palästina umgeht.

"Islamismus hat enormes Rekrutierungspotential"

Manche Beobachter, wie zum Beispiel der Journalist und Politexperte Osama al Sharif, wollen gar einen Generationenkonflikt in der jordanischen Politik ausgemacht haben: Jugendliche, die seit 2003 mit den amerikanischen Militäraktionen im Irak dauersozialisiert werden, neigen demzufolge heute eher dazu, extremen oder gar radikalen Positionen zuzustimmen. Der Islamismus, egal ob moderat oder gewaltbereit, hat in der Region auf Jahre hinaus ein enormes Rekrutierungspotenzial.

Da passt es gut ins Bild, dass es nach Jahrzehnten der friedlichen Koexistenz immer mehr Spannungen zwischen Staat und IAF gibt. Im Sommer zog die IAF die meisten ihrer Kandidaten von den Kommunalwahllisten zurück. Mit ihrem Boykott sorgten die Islamisten für eine historisch niedrige Wahlbeteiligung von 51 Prozent - und bewiesen damit, wie groß ihr Einfluss im Land ist. Analysten trauen ihr bei den Parlamentswahlen ein Ergebnis von über 20 Prozent der Parlamentssitze zu. Bisher stellt die IAF 17 der 110 Abgeordneten.

Im halbdemokratischen Politsystem Jordaniens hat mit dem Erstarken des Islamismus ein Wettlauf um die Köpfe begonnen. Und Abdul Latif Arabiyat sieht seine Bewegung auf Höhe der Zeit. "Wir brauchen einen Mentalitätswechsel. Und junge Menschen sind dafür offener."