Parteitag der Tories Die Angst vor der Wahl


Die britischen Konservativen geben sich auf ihrem Parteitag im nordenglischen Badeort Blackpool kampfbereit. Sie seien gut aufgestellt für einen Wahlkampf, sollte Premierminister Gordon Brown tatsächlich eben diesen für Anfang November ausrufen. Das ist die offizielle Version. Hinter den Kulissen hört sich das anders an.
Von Cornelia Fuchs

Es ist ein bisschen so, als ob die CSU sich entschieden hätte, ihren Parteitag in Rostock abzuhalten. Die britischen Konservativen fühlen sich sichtlich unwohl in Blackpool, dem ziemlich heruntergekommen Urlaubsort kampftrinkender Junggesellenparties und armer Pensionäre. Mitten im Zentrum liegt das Konferenz-Zentrum "Wintergardens", der Kinderladen daneben hat schon lange zugemacht, die Hotels dahinter werben mit Zimmern für 20 Pfund pro Nacht, und die Delegierten sehen jedes Mal beim Hinein- und Heraustreten aus dem Haupteingang das einzige Geschäft, das gute Umsätze zu machen scheint: einen Verleih für Elektro-Rollstühle.

In der vergangenen Woche hat Labour sich auf ihrem Parteitag gefeiert, bei Sonnenschein im ruhigen Badeort Bournemouth. Die Rede von Gordon Brown wurde in der Presse zwar als dröge bewertet, aber seit seinem Auftritt liegt Labour 10 Prozentpunkte vor den Tories. Gordon Brown thront mit mehr als der doppelten Zustimmungsrate bei so wichtigen Themen wie Wirtschaft und Innere Sicherheit über David Cameron.

Ganz Labour schien am Ende

Wie anders hat das vor einem Jahr ausgesehen, im Oktober 2006. Damals sprach David Cameron auf dem Tory-Parteitag, ebenfalls in Bournemouth übrigens, von der Erneuerung, die Großbritannien nötig habe. Vom Vertrauen der Wähler in die Politiker, das er zurückgewinnen wolle. Eine Woche vorher hatte sich Tony Blair von seiner Partei verabschiedet. Nicht nur eine Ära, nein, ganz Labour schien am Ende, gelähmt von dem Machtkampf des damaligen Premiers mit seinem Noch-Schatzkanzler Gordon Brown, gebeutelt von den Skandalen um Irak-Krieg, Parteispenden und Spin-Doktoren. Damals wirkte David Cameron wie die Zukunft. Er war es, der die Medien beherrschte wie Blair in seiner Anfangszeit Ende der 90er Jahre. Cameron und seine Partei hatten allein schon deshalb einen Vertrauensvorschuss, weil sie nicht Labour waren.

Und dann ist alles ganz anders gekommen. Noch nicht einmal vier Monate ist Gordon Brown im Amt, und entgegen aller Prognosen ist es nicht er, der sein Image überarbeiten muss. Stattdessen gilt David Cameron als Leichtgewicht. Zuwenig Substanz habe er gezeigt seit seiner Rede vor einem Jahr. Wofür stehen die Tories heute überhaupt? Grün wollen sie sein, doch Vorschläge, jedem Bürger nur noch einen Abgaben-freien Flug im Jahr zuzugestehen wurden ebenso schnell begraben, wie sie herausposaunt wurden. Als der Westen Englands in einer Regenflut unterging, verbrachte Cameron Tage in Ruanda auf einer lange geplanten Werbetour gegen weltweite Armut. Das kam nicht gut an. Als die Maul- und Klauenseuche kurz danach im Süden Englands auftauchte, war Cameron in Urlaub in Frankreich. Gordon Brown ließ stolz verkünden, dass er nach vier Stunden an einem englischen Strand wieder am Schreibtisch saß, um den Bauern zu helfen.

"Schmeißen Sie das Giftgrün weg"

Cameron hat es in den vergangenen zwölf Monaten verpasst, politische Ideen und Strategien zu entwickeln, die gegen das Schwergewicht Gordon Brown wirken könnten. Nur beim Thema Klimawechsel scheint Cameron überhaupt überzeugt zu haben, hier liegt er in Umfragen vor Brown. Aber so sehr dieses Thema dem Parteivorsitzenden auf der Seele brennt - in den Diskussionsforen am Rande der Konferenz hört man böses Zischen und "Yeah, yeah"-Rufe, sobald die Sprache auf Camerons grüne Ideen kommt. "Er sollte seine Schlittenhunde zu Hause lassen", rät die Daily-Telegraph-Kolumnisten Alice Thomsen und spielt damit auf eine Reise Camerons in die Arktis an. "Schmeißen Sie das Giftgrün weg, Herr Parteivorsitzender!" Sie bekommt dafür tosenden Applaus. Die Tories sind nicht grün, egal wie sehr ihr Vorsitzender seine Leute vom Gegenteil zu überzeugen versucht, und Logo und Poster der Partei grün anstreicht.

In den Gängen des Blackpooler Wintergartens ist eine seltsame Stimmung zu spüren, fast so etwas wie Angst. Die Angst davor, wieder zu spät zu sein in der Vorbereitung für eine Wahl, die kurz bevor stehen könnte. Und das, obwohl die Tories sich eigentlich seit zwei Jahren unter der Führung von Cameron auf diesen Moment hätten vorbereiten können, auf den Kampf gegen Gordon Brown. Er war ja kein Unbekannter, dieser bärbeißige schottische Politiker, der das Finanzamt in den vergangenen zehn Jahren dominiert hat. Aber die Tories haben es in den vergangenen Wochen nicht geschafft, die Verfehlungen von Labour auf Brown zu übertragen.

Politik-Ideen aus dem alten Tory-Baukasten

Dafür pochen die Parteivorderen jetzt auf Einigkeit, alle sollen hinter David Cameron stehen, hinter seiner Version der "compassionate conservatives", den mitfühlenden Konservativen. Doch es ist nicht die Politik der guten Worte rund um Klima und Armut, die den Delegierten wichtig ist. Die Debatte um den Tory-Ausflug nach Ruanda wird vor ziemlich leerem Saal geführt. Dagegen findet sich kaum ein Platz, wenn ein alter Partei-Kollege die "Broken Society" - die gebrochene Gesellschaft Englands - angreift, und die Schuld an Jugendkriminalität, Scheidungsraten und Drogenabhängigkeit bei der Regierung Brown ablädt. Den lautesten Applaus bekam der Finanzminister George Osborne aus Camerons Schattenkabinett - er kündigte an, die Erbsteuer für den Großteil der Bevölkerung abschaffen zu wollen. Es sind diese konkrete Politik-Ideen aus dem alten Tory-Baukasten, die von den Delegierten aufgesogen werden wie Honig.

Doch wenn Cameron seiner Partei folgt und sich plötzlich weg bewegt von seinem Umweltgewissen und hin zu den alten Werten von Steuersenkung und Selbstverantwortung - was bleibt dann noch vom Projekt Cameron? Von der neuen Partei, die er versprach zu schaffen? Die Tories haben seit der Ära Margaret Thatcher ein schlechtes Image in Großbritannien. Eine Partei der elitären Abgedrehten seien sie, die sich nicht scheren um das, was Tony Blair "Middle England" nannte, was ungefähr so etwas wie die Mittelklasse ist, und auch die umfasst, die gerne Mittelklasse sein würden.

Cameron wollte dieses legendäre "Middle England" für sich gewinnen, mit Hundeschlitten und Weblog. Bis jetzt ist er gescheitert. Wenn Gordon Brown in diesen Tagen einen Termin für die Wahlen verkündet, hat Cameron noch vier Wochen Zeit, eine Mehrheit für seine Version der grün-blauen Tories zu finden. Sonst wird dies wohl sein letzter Parteitag gewesen sein.


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