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Präsidentenwahl in Russland Mit Ohrwürmern den Kreml erobern


Russlands Präsidentenwahl als Hitparade: Mit Popsongs und politischen Hymnen sorgen Promis und Laien für reichlich Stimmung. Am meisten reibt sich die politische Songwelt an Kandidat Putin.

Ob Ethno-Pop, Punk-Rock oder Liedermacher-Sound, vor der russischen Präsidentenwahl überbieten sich Gegner und Unterstützer von Kremlfavorit Wladimir Putin mit politischen Songs. Selten zeigten sich Laien und Stars so kreativ vor einer Wahl. Mit seiner poppigen Pro-Putin-Hymne "WWP" - kurz für Wladimir Wladimirowitsch Putin - bringt es etwa der Tadschike Tolibdschon Kurbanchanow bei Youtube auf mehr als eine Million Clicks.

Gegen diesen Ohrwurm versuchen nun auch russische Superstars wie Alla Pugatschowa und Alexej Makarewitsch anzusingen. Während in der politischen Hitparade die Platzierung noch offen ist, gilt Regierungschef Putin selbst der Spitzenplatz bei der Wahl am 4. März schon als sicher. Dennoch singen die kritischen Liedermacher beherzt vor allem davon, dass der 59-Jährige nach zwölf Jahren an der Macht die politische Bühne doch nun verlassen sollte.

"Acht Jahre Präsident, jetzt wieder Kandidat, schau uns in die Augen: Gib es auf, dein Mandat", appellieren ehemalige Elitesoldaten zu erdiger Rockmusik bissig. "Du bist ein gewöhnlicher Beamter, kein Zar und kein Gott", heißt es in dem gut vierminütigem Video. Die muskulösen Sänger tragen Barette sowie Orden an weiß-blau gestreiften Militär-Unterhemden.

"Putin ist abgeschlafft! Aufstand in Russland"

Hinter den vier Männern hängen Flaggen der russischen Luftlandetruppen, deren Wahlspruch "Niemand außer uns" (Nikto, krome nas) die Musiker ergänzt haben mit den Worten: "Niemand außer uns - sagt die Wahrheit laut". Der Clip verbreitete sich in Windeseile im russischen Internet und hat die Ex-Fallschirmjäger fast schon zu Galionsfiguren der jüngsten Antiregierungsproteste werden lassen. Bei einer Kundgebung gegen Putin am 4. Februar in Moskau absolvierte die Band einen umjubelten Auftritt.

Die Frauenpunkband Pussy Riot trägt ihren Anti-Putin-Protest sogar direkt bis vor den Kreml. Ein Video im Internet zeigt, wie die vermummten Musikerinnen in einer spontanen Aktion auf dem Roten Platz losrocken. "Putin ist abgeschlafft! Aufstand in Russland", singt die Gruppe, bis Polizisten das Spektakel beenden.

"Wenn ein Psychopath auf den Thron kommt, ist das kein Land, sondern ein Irrenhaus", heißt es in einem Song mit Schlagerstar Pugatschowa, die diesmal nicht Putin, sondern den Milliardär Michail Prochorow unterstützt. Wer genau von den vier Kandidaten neben dem Oligarchen mit "Psychopath" gemeint ist, wird nicht klar. "Der Größte" heißt die Hommage an den über zwei Meter großen Prochorow, der sich zum wichtigsten "Anti-Putin-Kandidaten" erklärt hat, aber nicht als ernstzunehmender Konkurrent gilt.

"Goldene Omis" auf Putin-Kurs

Ganz auf Putin-Kurs sind hingegen drei ältere Russinnen, die als Folklore-Pop-Trio Golden Babki ("Goldene Omis") in einem Clip Stimmung für den Regierungschef machen. "Putin ist gut. Ich sehe niemanden außer ihn, der wählbar ist", singen sie. Das Video zeigt die Seniorinnen beschwingt während einer Autofahrt. Regisseur Wladimir Tischko weist eine politische Motivation zurück.

"Das ist nur ein ironischer Blick absolut gewöhnlicher Großmütter auf ein aktuelles Thema", beteuert er. Die russische Gesellschaft sei im Moment "unwahrscheinlich politisiert", betont Tischko. "Da wäre es eine Sünde als Geschäftsmann, nicht in eine solche Lücke zu stoßen." Unübertroffen in seinem Lobgesang mit ethnischem Stampf-Pop ist aber der Tadschike Kurbanchanow mit seinem Hit "WWP", das als Abkürzung nicht nur für Putin, sondern auch für Bruttoinlandsprodukt steht.

"Er ist ein Gottgesandter", haucht Kurbanchanow mit eingängigem Tremolo in dem Clip, in dem auch Fotos von Putin zu sehen sind. "WWP rettete das Land/WWP schützte es/WWP richtete das Land wieder auf und entwickelte alles weiter/WWP rettete das Volk...", singt der Musiker. Es klingt wie eine vertonte Wahlkampfrede Putins, der selbst immer wieder an die chaotischen 1990er Jahre erinnert, um dann auf Russlands Stabilität hinzuweisen.

Ulf Mauder und Wolfgang Jung, DPA DPA

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