PRESSESCHAU 02.03.: Tauziehen um Milosevic


Im Blickpunkt der europäischen Kommentatoren unter anderem: das Tauziehen zwischen dem Westen und Jugoslawien um die Auslieferung von Milosevic, Simbabwes Weg in die Diktatur und der neuerliche Bombenanschlag in Israel.

»Iswestija«: Der goldene Kopf von Milosevic

Die russische Tageszeitung »Iswestija« (Moskau) kommentiert am Freitag das Tauziehen zwischen dem Westen und Jugoslawien um den Kopf des gestürzten Diktators Slobodan Milosevic: »Die jüngsten Entwicklungen zeigen, dass sich die Beziehungen zwischen Jugoslawien und dem Westen allmählich verbessern. Dies geschieht vor dem Hintergrund eines Tauschhandels. Der Einsatz ist der Kopf des früheren Staatschefs Slobodan Milosevic, den Russland bis zur letzten Minute unterstützt hatte... . Jugoslawiens Präsident Vojislav Kostunica weigert sich bisher, ihn an das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag auszuliefern. Er besteht darauf, dass Milosevic zu Hause der Prozess gemacht wird - wenn überhaupt. Bei der «heimischen» Variante sind Anklagen wegen Entführung, Ermordung von Gegnern und andere für alle Diktatoren typischen Verfehlungen möglich. Dagegen wäre es leichter, Milosevic vor dem Haager Tribunal wegen Kriegsverbrechen anzuklagen als zu Hause wegen Korruption.«

»The Times«: Mugabes Marsch in die Diktatur

Die konservative britische Zeitung »The Times« schreibt am Freitag zur Krise in Simbabwe: »Mugabe, der immer noch Lippenbekenntnisse zur Demokratie ablegt, will eine weitere Amtszeit bei Wahlen im kommenden Jahr erringen. Aus der manipulierten Parlamentswahl im vergangenen Jahr hat er den Schluss gezogen, dass das bei einer Mehrheit für den Wandel am besten geht, wenn man die letzten Institutionen einer unabhängigen Bürgergesellschaft zerstört. Deswegen sagt er, das nächste Mal werde des keine ausländischen Beobachter geben. Deswegen hat er auch den Obersten Richter Anthony Gubbay, der mutig gegen seine jüngsten illegalen Aktionen aufgetreten ist, unrechtmäßig entlassen. ... Ian Smith, Mugabes weißer Vorgänger, hat einmal seine eigene illegale Landnahme mit der Behauptung gerechtfertigt, dass «wir die glücklichsten Schwarzen in ganz Afrika haben». Das hat 1971 nicht gestimmt. Aber es stimmt auch heute nicht - unter der Herrschaft eines Präsidenten, der nach Jahrzehnten der schwindenden Hoffnung auf seinem Marsch in die Diktatur den letzten Anspruch auf zivilisiertes Betragen aufgegeben hat.«

»La Repubblica«: Welle der Angst in Israel

Zum neuerlichen Bombenanschlag in Israel meint die italienische Zeitung »La Repubblica« (Rom) am Freitag: »Zuerst der Schock nach dem Attentat Mitte Februar, als ein palästinensischer Busfahrer am Stadtrand von Tel Aviv acht Soldaten überfuhr und tötete. Dann das Beinahe-Blutbad am Mittwochabend und jetzt die Bombe in einem Taxi. Eine Welle der Angst und Paranoia überzieht das Land. Das Fernsehen ruft die Bürger dazu auf, höchste Vorsicht walten zu lassen und jedes verdächtige Individuum oder Objekt zu melden. Tel Aviv ist zu einer Stadt in Kriegsrüstung geworden. Hunderte bewaffnete Polizisten und Militärs suchten die Straßen ab, durchwühlten jeden Abfallbehälter, schlossen für Kontrollen Einkaufszentren und Restaurants: Eine Rückkehr zum Klima der schrecklichen Jahre 1995/96, als Autobusse, Cafes und Einkaufszentren in die Luft flogen.«

»La Stampa«: Großes Fest für Gorbatschow

Zum 70. Geburtstag des letzten sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow schreibt die italienische Zeitung »La Stampa« (Turin) am Freitag: »Dem Vater der Perestroika sind Filme, Konzerte und Veranstaltungen gewidmet: Ein großes Fest, das nach vielen Jahren seine Rückkehr aus der politischen Versenkung bestätigt. Viel prunkvoller als bei seinem ewigen Feind Boris Jelzin vor gerade mal einem Monat, wird der 70. Geburtstag «Gorbis» fast schon auf offizieller Ebene gefeiert. Alle Fernsehstationen einschließlich der vom Kreml kontrollierten staatlichen Sender übertragen lange Sonderprogramme zur Erinnerung an den letzten sowjetischen Präsidenten. Interviews mit Gorbatschow, Berichte seiner Freunde, von Politikern und Intellektuellen aus Vergangenheit und Gegenwart, die sein Werk im Wettstreit würdigen. Zwei Tage lang reden die russischen Medien nur über «Gorbi».«

»Liberation«: Verwirrter Instinkt von Dümmlingen

Die linksliberale französische Tageszeitung »Liberation« (Paris) schreibt am Freitag zu der von den afghanischen Taliban angekündigten Sprengung von Buddha-Statuen: »Dass die Taliban damit von den Nationen geächtet werden, ist doch genau das, was sie erreichen wollen. Nichts spricht dafür, dass sie lange darüber nachgedacht haben, bevor sie dann ihre Spreng-Kommandos zu einem der wertvollsten Schätze der Menschheit geschickt haben. Mit dem verwirrten Instinkt von Dümmlingen schlagen sie dort zu, wo es nach ihrem Verständnis am meisten wehtun dürfte. In einem Land, das seit mehr als 20 Jahren von den Schrecken des Krieges verwüstet wird, brauchten sie einfach etwas, womit der Horror überboten werden könnte. Und was ihnen bestätigt, dass sie straffrei davon kommen.«


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