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Pressestimmen

US-Wahlen 2020: "Gegen Donald Trump hat Biden die Unterstützung von Sanders nötig"

Nach den erneuten Wahlsiegen Joe Bidens bei den US-Vorwahlen scheint vieles darauf hinzudeuten, dass der 77-Jährige der Herausforderer von Donald Trump wird. Es spricht einiges dafür, doch noch ist der Drops nicht gelutscht. Die Pressestimmen.

Der US-Demokrat Joe Biden bei einer Wahlkampfveranstaltung

Der US-Demokrat Joe Biden bei einer Wahlkampfveranstaltung

AFP

Im Präsidentschaftsrennen der US-Demokraten hat der frühere Vizepräsident Joe Biden seinen Siegeszug fortgesetzt und seine Favoritenrolle gefestigt. Der 77-jährige Mitte-Politiker gewann am Dienstag bei Vorwahlen in mindestens vier von sechs Bundesstaaten gegen seinen linksgerichteten Rivalen Bernie Sanders. Besonders wichtig war Bidens Erfolg im bevölkerungsreichen Michigan. Sanders bleibt trotz einer Reihe von Vorwahlschlappen im Rennen und setzt jetzt auf das TV-Duell gegen Biden am Sonntag.

Mit seinem erfolgreichen Abschneiden konnte Biden seinen Vorsprung gegenüber Sanders ausbauen. Der frühere Vizepräsident versprach noch am Wahlabend ein "Comeback für die Seele dieser Nation". Er rief zugleich Sanders zur Zusammenarbeit auf. "Wir haben ein gemeinsames Ziel. Zusammen werden wir Donald Trump besiegen", sagte der 77-Jährige in einer Ansprache. "Wir werden diese Nation zusammenbringen."

"Das Obama-Revival kann seinen Lauf nehmen" - die Pressestimmen

Die Kommentatoren der Zeitungen sehen Biden auf der Siegerstraße. Doch es könne noch viel auf ihn zukommen: So müsse er die Wähler einen, die Anhänger seines Noch-Herausforderers Sanders für sich gewinnen und am Ende einen harten Kampf gegen den Endgegner Donald Trump für sich entscheiden. Dabei könne das Coronavirus eine Hilfe für Biden werden. Die Pressestimmen:

"Volksstimme", Magdeburg: "Trump gegen Biden - auf dieses Duell können sich die USA bei den Präsidentschaftswahlen einstellen. Joe Biden hat nach holprigem Start Bernie Sanders abgehängt. Die Vorentscheidung bei den Demokraten ist somit gefallen. Das Obama-Revival kann seinen Lauf nehmen. Biden als Ex-Vizepräsident Barack Obamas hat es vor allem geschafft, die Afroamerikaner zu mobilisieren. In Mississippi gewann er bei einer zu zwei Dritteln schwarzen Wählerschaft 84 Prozent der Stimmen. Auch in Michigan, einem Schlüsselstaat für den November, lag Biden vorn. Ein Erfolg bei den Vorwahlen wäre erst die halbe Miete für den 77 jährigen Biden. Der (Kampf) ums Weiße Haus wird gnadenlos. In die Karten spielt Biden derzeit ausgerechnet die Corona-Krise. Getreu seiner naiven Weltsicht verweigert Donald Trump zum Unverständnis vieler den Corona-Test, obwohl er über eine Infektionskette betroffen sein könnte. Trump sagt, ihm gehe es blendend. Noch."

"Aachener Zeitung": "Natürlich darf man das Stehaufmännchen Joe Biden nicht vorzeitig abschreiben. Doch Donald Trump dürfte es freuen, dass Biden voraussichtlich sein Kontrahent werden wird - es hätte für ihn schlechter kommen können. Biden ist auf der Siegerstraße, zweifellos. Aber ob das auch für die Demokraten im Präsidentschaftswahlkampf gilt, darf bezweifelt werden."

"Frankfurter Rundschau": "Zunächst muss der wahrscheinliche Herausforderer Biden die Demokraten einen. Dafür benötigt er auch die Anhänger seines Noch-Herausforderers Sanders. Die müssen sich entscheiden, ob sie womöglich ein paar ihrer Ziele mit Biden umsetzen können oder ob sie lieber opponieren und damit dazu beitragen, Trump weiterregieren lassen. Selbst wenn es Biden gelingt, die Demokraten geschlossen hinter sich zu scharen, muss er einen anstrengenden Wahlkampf gegen Trump durchstehen und dessen Attacken ertragen, die sicher teilweise unter die Gürtellinie gehen."

"De Standaard", Brüssel: "Biden überzeugt nicht nur die über 40-Jährigen - die Mehrheit der Wähler -, sondern auch Schwarze und Frauen. Außerdem genießt er das Vertrauen jener Wähler, für die nur ein Sieg über Trump zählt. (...) Sie trauen Biden als Drachentöter mehr zu als Bernie Sanders. Viele Demokraten haben sich 2016 für Sanders entschieden, weil sie gegen seine Rivalin (Hillary) Clinton waren. Von da her fällt es ihm diesmal schwer, neue Wähler anzusprechen, außer den harten Kern der linken Jugend. Vor allem weiße Männer, die Clinton nicht mochten, haben mit Biden kein Problem. (...) 

Joe Biden hat gute Karten, aber sie wären noch besser, wenn die Jugend ihn nicht als entkräfteten alten Mann betrachten würde. Gegen Donald Trump hat Biden deshalb die Unterstützung von Sanders nötig."

"Der Standard", Wien: "Während der Präsident seine Bürger lieber krank werden lässt, als Probleme im System einzugestehen, hat Biden während seiner Zeit als Barack Obamas Vize bewiesen, dass er Krisen managen kann, auch und gerade im US-Gesundheitssystem. Wächst sich Corona auch in den USA zu einer nationalen Katastrophe aus, könnte ihm das im Herbst gegen Trump den entscheidenden Schwung verleihen, den er für einen Sieg benötigt Ein Traumkandidat wird aus Joe Biden freilich trotzdem nicht mehr - aber womöglich einer, der die USA im Herbst aus dem Albtraum Trump erwachen lässt."

"The Times", London: "Biden ist populär in industriellen Schlüsselregionen Amerikas, in denen sich Hillary Clinton einst schwertat. Sein Spitzname "Middle-Class Joe" - wobei mit "Middle-Class" hier Industriearbeiter gemeint sind - könnte ein bedeutender Wahlvorteil sein. (...) Das wirft eine ernsthafte Frage für die Demokratische Partei auf, deren Einheit erst hergestellt ist, wenn sich die Unterstützer von Bernie Sanders eingestehen, dass eine Präsidentschaft Bidens einer zweiten Amtszeit von Donald Trump vorzuziehen ist. Das wird zu einer Bewährungsprobe für Sanders. Wichtig könnte in diesem Zusammenhang Bidens Entscheidung für die Vizepräsidentschaftskandidatur sein. Bei einem Mann, der als Präsident 77 Jahre alt wäre, ist diese Frage tatsächlich in jeder Hinsicht bedeutend."

"Tages-Anzeiger", Zürich: "Die schweigende Mehrheit der Demokraten, die das Hin und Her des Wahlkampfs bisher eher am Rande verfolgt hatte, ist weniger interessiert an Grundsatzdebatten und langfristigen Reformen, die das Land tatsächlich nötig hätte. Und für die Kandidatinnen wie Bernie Sanders und Elizabeth Warren standen. Die schweigende Mehrheit sucht vielmehr eine kurzfristige Lösung für ein akutes Problem: Donald Trump. (...)

Seit Trump im Weißen Haus sitzt, haben auf demokratischer Seite bei sehr vielen Wahlen in den Bundesstaaten mehr Leute teilgenommen als zuvor. Es sind nicht die jungen Idealisten, von denen Sanders immer redet - sondern Amerikaner, die zur Wahl gehen, um ein Zeichen gegen Trump zu setzen. Es ist der Präsident, der sie an die Urne treibt. Biden braucht also gar kein besonders guter Kandidat zu sein. Vielleicht reicht es dieses Jahr einfach, kein besonders schlechter zu sein."

"Neue Zürcher Zeitung", Zürich: "Die Sehnsucht, Einigkeit zu demonstrieren und nun rasch den Gegner Trumps zu küren, ist förmlich greifbar. Vor vier Jahren war die Stimmung eine völlig andere gewesen. Satt von acht Jahren demokratischer Präsidentschaft und im Glauben, dass der pöbelnde Reality-Fernsehstar ohnehin keine Chance habe, meinten viele, sich ein Protestvotum gegen die ungeliebte Clinton leisten zu können. Heute ist das wichtigste Anliegen der demokratischen Basis dagegen, Trump aus dem Weißen Haus zu verjagen. Biden ist trotz inhaltlicher Schwächen und spürbarer Alterserscheinungen derjenige, dem das zugetraut wird - bekannt als väterlicher Vizepräsident Barack Obamas, empathisch und verlässlich."

"Kommersant", Moskau: "Joe Biden ist sowohl der ehemalige US-Vizepräsident als auch der Schützling des Establishments und der traditionellen Demokraten. Jetzt hat er sich für die Wahl im November praktisch schon die Nominierung gesichert und wird wohl gegen den Chef des Weißen Hauses, Donald Trump, antreten. Biden hat nach der Auswertung der Stimmen in sechs Bundesländern am Dienstag Bernie Sanders ausgestochen. Ausgerechnet Sanders, dem Unterstützung aus Russland nachgesagt wurde und der einst als wahrscheinlichster Kandidat der Demokratischen Partei gehandelt wurde.

Auch die Wahlarithmetik ist bezeichnend: Herr Biden konnte sehr viele Wahlberechtigte überzeugen. Das verspricht Probleme mit dem jetzigen Präsidenten. Der Herr im Weißen Haus bereitet jedoch schon seine Konfrontationstaktik vor: Er wird ihn (Biden) als einen Wahnsinnigen darstellen, dem man nicht glauben kann."

rw / DPA / AFP