HOME

Pressestimmen zum Tod von Hugo Chávez: Feuerprobe für Venezuela

In Venezuela wehen die Flaggen auf Halbmast. Nach dem Tod von Hugo Chávez steht das Land vor einem harten Neubeginn. Dem Nachfolger des verstorbenen Präsidenten steht eine große Aufgabe bevor.

In Venezuela haben zehntausende Menschen Abschied von dem verstorbenen Staatschef Hugo Chávez genommen. Der Leichnam des als "Vater der Nation" verehrten 58-Jährigen wurde nach einem Trauerzug durch die Stadt in der Militärakademie in Caracas aufgebahrt. Die engste Familie von Chávez war anwesend. Vize-Präsident Nicolás Maduro und Parlamentspräsident Diosdado Cabello stellten sich neben den Sarg des "Primer Mandatorio".

Nach dem Tod des Staatschefs werden Neuwahlen fällig, die binnen 30 Tagen ausgerufen werden müssen. Bis dahin übernimmt Maduro, 50, den Chávez schon während seiner Klinikaufenthalte als Nachfolger auserkoren hatte, die Amtsgeschäfte. Laut Verfassung wäre dies eigentlich Aufgabe von Parlamentspräsident Cabello. Die Opposition rief zur Einheit auf. Oppositionsführer Henrique Capriles Radonski sagte mit Blick auf Chávez: "Wir waren Gegner, nie Feinde."

Im bevorstehenden Wahlkampf soll Maduro als Spitzenkandidat der Vereinten Sozialistischen Partei Venezuelas (PSUV) ins Rennen gehen. Für die Opposition wird möglicherweise Capriles, 40, einen neuen Anlauf unternehmen. Der Gouverneur von Miranda war Chávez bei der Wahl im Oktober 2012 unterlegen.

Chávez wird zwar als "Vater der Nation" gefeiert und konnte Armut und Arbeitslosigkeit abbauen. Trotzdem bleibt Venezuela ein Land mit ernsten wirtschaftlichen Problemen. Ein Blick auf die internationale Presse zeigt: Chávez' Nachfolger steht eine große Aufgabe bevor - und dem Land ein harter Neubeginn.

"Ukraina Moloda", Ukraine

Sieben Tage Trauer in Venezuela. Und ein gruseliger Zufall: Präsident Hugo Chávez, der von vielen als autoritärer Staatschef scharf kritisiert wurde, starb auf den Tag genau 60 Jahre nach Sowjetdiktator Josef Stalin. Als seinen möglichen Nachfolger bestimmte der "Comandante" vor seiner Abreise nach Kuba seinen Stellvertreter Nicolás Maduro. Gleichzeitig könnte ein weiterer Ex-Mitstreiter Anspruch auf die Führung des Landes erheben: Parlamentspräsident Diosdado Cabello. Der Kampf zwischen diesen beiden Lagern verspricht hart zu werden - und könnte alles Erreichte der Ära Chávez zunichtemachen.

"El Periódico", Spanien

Venezuela könnte aufgrund seines Erdöls ein wohlhabendes und demokratisches Land sein. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Hugo Chávez hat zwar die Armut und die Arbeitslosigkeit abgebaut, aber er hinterlässt eine Wirtschaft mit ernsthaften Problemen. Auch bei der Qualität des demokratischen Systems ist die Bilanz negativ.

Zwar konnten die Venezolaner regelmäßig wählen, aber Chávez installierte seinen eigenen Populismus und regierte mit Hilfe des Fernsehens, als wäre die Politik eine "Reality Show". Chávez gehört der Geschichte an, nun liegt es in der Hand der Venezolaner, ein neues Kapitel zu schreiben

"Kommersant", Russland

Der Tod von Hugo Chávez ist eine Zäsur im Verhältnis Russlands zu Lateinamerika. Egal, wie der Nachfolger des "Comandante" heißen mag: Er wird kaum an jenem leidenschaftlichen Antiamerikanismus festhalten, nach dem sich Chávez zeitlebens richtete. Caracas, der bisher enge Partner Moskaus, wird nun wohl engere Bande mit Washington knüpfen. Die Gefahr für Russlands Milliardeninvestitionen in Venezuela - Waffen und Erdöl - ist ganz real. Der sogenannten Freundschaft zwischen beiden Ländern, die viele sowieso bloß für einen Mythos halten, droht ein baldiges Ende.

"Neue Zürcher Zeitung", Schweiz

Innerhalb von 30 Tagen sollen Wahlen stattfinden. Die Verfassung schreibt vor, dass in dieser Zeit der Parlamentspräsident, Diosdado Cabello, die Amtsgeschäfte führt. Vizepräsident Maduro müsste seinerseits, will er kandidieren, umgehend von seinem Amt zurücktreten. Der bisherige Vizepräsident ist im Vorteil. Er wird auch von Kuba favorisiert, das mit Chávez seinen engsten und loyalsten Verbündeten verloren hat. In den nächsten Wochen wird sich zeigen, ob die Chavistas die Reihen vor dem Wahltermin schliessen können oder ob Ansprüche und Machtgelüste Einzelner obsiegen. Dem Nachfolger des verstorbenen Präsidenten, wer es auch immer sei, steht am Ende der Ära Chávez eine grosse Aufgabe bevor - und dem Land ein harter Neubeginn.

"Magyar Nemzet", Ungarn

Obwohl die Verstaatlichungen unter Chávez als wahrhafter Weltskandal wahrgenommen wurden, kratzten sie in Wirklichkeit nur an der Oberfläche. Denn die Privatisierungen der 1980er und 1990er Jahre gingen weitaus leiser und in ungleich größeren Dimensionen über die Bühne, als der umgekehrte und unfertig gebliebene Prozess, auch wenn die Ölindustrie, die goldene Eier legende Henne des Landes, davon betroffen war. (...) Der Präsident, der die Wahlen immer wieder gewann, stieß an eine Mauer, als er 2007 und dann noch einmal 2009 mit der Idee der Möglichkeit einer unbegrenzten Wiederwahl hervortrat. Selbst ein gar nicht so kleiner Teil seiner Anhänger lehnte diesen Plan ab. Nach dem Tod von Chávez wird die Welt in ein paar Wochen erneut auf Venezuela blicken, denn zum ersten Mal wird es Wahlen ohne den charismatischen Führer geben. Sie werden zugleich auch zur Feuerprobe für das von ihm errichtete, halbfertige neue System.

"The Times", Großbritannien

Länder wie Brasilien, Chile und Uruguay haben die Militärdiktatur hinter sich gelassen, und sind zu stabilen, gut regierten Demokratien geworden. Dort wurden soziale Reformen und die Marktwirtschaft eingeführt, und die Regierungen haben sich an Verfassungsgrundsätze gehalten. Venezuela ist populistisch, antikapitalistisch und autoritär geworden. Bis zu den nächsten Wahlen wird Vizepräsident Maduro als Übergangspräsident amtieren. Er wird sicherlich als ideologischer Erbe von Chávez auftreten. Sein Gegenkandidat dürfte Henrique Capriles sein, der im vergangenen Jahr gegen Chávez verloren hat. Wer auch immer die Wahl gewinnt, es wäre besser für Venezuela, Brasilien und Chile nachzueifern, als das bittere Erbe von Chávez anzutreten.

"Politiken", Dänemark

Hugo Chávez ist tot. Er war ein richtiger Bandit, politisch wie moralisch. Gewiss, man soll Gutes über Verstorbene sagen. Chávez war sicher gut zu Kindern. Und charismatisch. Aber er war nicht gut zu seinem Land. Es bereitete ihm während seiner 14 Jahre langen "Revolution" großes Vergnügen, sich gegenüber den USA, seiner Lieblingsaversion, aufzublasen. (...) Aber die Menschen in Venezuela brauchen demokratische Verantwortung und aktive Beteiligung an der internationalen Zusammenarbeit, statt durch einen Populisten mit Konspirationsgedanken an den Rand gedrängt zu werden.

Frankfurter Rundschau, Deutschland

Dem Land stehen schwere Zeiten bevor. Spätestens in 30 Tagen soll Chávez Nachfolger gewählt werden. Die Chavistas haben keinen Kandidaten, der das Charisma und die Popularität des verstorbenen Präsidenten hat. Und selbst wenn dessen Anhänger die Wahlen trotzdem gewinnen, wird der Unmut im eigenen Lager wachsen. Denn die wirtschaftlichen Probleme sind kurzfristig nicht zu lösen und werden sich zunächst noch verschärfen. Ungewiss ist andererseits, ob die Chavistas, einen Wahlsieg des heutigen Oppositionsführers überhaupt kampflos hinnehmen würden.

kave/DPA/AFP / DPA