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100 Jahre Russische Revolution: Putins alte Geschichtsverherrlichung und neuer Hurra-Patriotimus

In Wladimir Putins Reich mischen sich Geschichte und Propaganda, Patriotismus ist erste Bürgerpflicht. Die Regierung sieht sich in einer Ideenschlacht: der russische Weg gegen den liberalen Westen. Erster Teil der neuen stern-Serie über die Russische Revolution.

Putin Truppenbesuch Aurora

In vollem Ornat: Wladimir Putin nimmt eine Formation von Offizieren und Matrosen auf dem historischen Kreuzer "Aurora" in Sankt Petersburg ab. Ein Schuss des Schiffs markierte 1917 den Beginn der Oktoberrevolution. Rechts Verteidigungsminister Sergej Shojgu

Den russischen Zeitgeist der Ära Putin hört man mitten in Moskau, in der Sendezentrale für fromme Patrioten. Eine ganze Etage hat der ehemalige Investmentbanker Konstantin Malofejew hier für seinen Fernsehkanal TV Zargrad angemietet. Durch die Fenster sind die Mauern des Kremls zu sehen und die roten Sterne auf den Türmen. Zargrad ist ein Sender mit Mission: "Wir sehen uns als Stimme der russischen orthodoxen Mehrheit", sagt der Unternehmer. "Wir sind patriotisch durch und durch." Den russischen Präsidenten hält er für ein Genie, einen historischen Staatsmann und außerdem den "Anführer der christlichen Welt".

Malofejew gilt als einflussreicher Oligarch, eng mit dem Kreml verbunden. Über seine Stiftung "Basilius der Große" sponserte er Konferenzen der europäischen Rechten. 2014 soll er Separatisten in der Ostukraine finanziert haben. Die EU setzte ihn deshalb auf ihre Sanktionsliste, in Russland eine Art politischer Ritterschlag.

Sprachrohr des religiösen Nationalismus

Nach verstaubtem Kirchensender sieht seine Redaktion jedoch nicht aus. Durch die Flure im alten Telegrafenamt laufen junge Männer mit Hipsterbärten, viele der Mitarbeiter sind kaum älter als 30 Jahre.

Russische Zuschauer können den Kanal bislang nur im Internet sehen oder über Kabel. "Wir sind Trendsetter", sagt Malofejew trotzdem. Er meint: Zargrad ist Sprachrohr für ultrakonservative, gebildete, kremltreue Intellektuelle und damit eine Art Speerspitze des russischen Nationalismus mit religiöser Ausrichtung: der Zeitgeist des Landes in konzentrierter Form.

100 Jahre nach der Russischen Revolution beruft sich Russland in seiner Suche nach sich selbst auf Traditionen des Zarenreichs, das damals zu Ende ging. Und gleichzeitig auf die der Sowjetunion, die damals entstand.

  • Der stern zeichnet den Weg von Lenin bis Putin in einer vierteiligen Serie nach: Wir schildern die Ideen der Revolutionäre, ...
  • ... beschreiben, wie die Menschen unter Stalin litten, in dem Russen heute vor allem den erfolgreichen Kriegsherren sehen.
  • Der letzte Teil erzählt von der Sowjetunion und dem Kalten Krieg, den der Westen schließlich gewann.

Der "Krieg um die Seelen"

Die Demütigung dieser Niederlage wirkt in Russland auch heute nach. Großmacht will das Land wieder sein. Wie im Krieg sieht sich der Kreml umzingelt von Feinden. Der Westen wolle Russland schwächen, glaubt man dort, sein Informationskrieg bedrohe die nationale Sicherheit. Denn Russland, selbst ernannter Hort der Tradition, sei ein natürlicher Gegenpol zu Westeuropa, das die Kreml-Medien gern als degeneriertes "Gayropa" verspotten. "Wir müssen einen ideologischen Gegenangriff starten an der ganzen Front in diesem Krieg um die Seelen", mahnte die regierungsnahe "Militärhistorische Gesellschaft" schon 2015. Präsident Wladimir Putin hält Patriotismus gar für die "einzig mögliche nationale Idee".

Der Kreml kultiviert ihn aufwendig - mit Fernsehprogrammen und Kinofilmen, Militärspielen und Jugendlagern, Ausstellungen und Videospielen. Er bedient ihn mit Parteien und Kreml-treuen Bewegungen. Diese sollen auch Gegner einschüchtern: Aktivisten der "Nationalen Befreiungsbewegung" fingen im vergangenen Jahr sogar die Kinder eines Schülerwettbewerbs ab, den die Menschenrechtsorganisation Memorial organisiert hatte. Aktivisten warfen Eier und spritzten ein grünes Antiseptikum. Denn die Schüler, so der Vorwurf, hatten keine Heldentaten beschrieben, sondern Stalins Totalitarismus.


Auf die TV-Leute im Sender Zargrad schaut von einer zwölf Meter großen Kuppel ein gemalter Jesus herab. Einmal am Tag spricht hier ein Priester, doch meistens geht es nicht um den Erlöser, sondern um Russland. Und den Westen. "Großbritannien vernichtet die Religion", meldete Zargrad kürzlich. Und Walt Disney vernichtet nach Meinung der TV-Macher Familienwerte, denn im Film "Die Schöne und das Biest" propagiere das Studio Sodomie: "Passen Sie auf, wenn Sie westliche Unterhaltungsprodukte konsumieren!"

Der Erfolg der Rechten ist ihr Erfolg

Ansonsten ist die Stimmung nicht schlecht. Als Donald Trump die Wahl gewann, triumphierte Malofejew. Der Rauswurf seiner prorussischen Berater? "Eine Hexenjagd", meldet Zargrad. Und die europäischen Rechten? "Ihr Erfolg ist unser Erfolg", erklärte Alexander Dugin im Januar in seiner Sendung "Dugins Detektive". Endlich bekomme Russland wieder vernünftige Partner. Die müsse es nun unterstützen. Damit Europa stürze. "Wir sollten es mit Nietzsche halten. Was fällt, das soll man stoßen."

Alexander Dugin gilt vielen in Russland als einflussreicher Mann, Kreml-Berater und Chefideologe der "eurasischen Bewegung". Russland, so die Idee, soll Osteuropa und die Länder der ehemaligen Sowjetunion dominieren. Wie im Staatsfernsehen auch erscheinen westeuropäische Länder in seinen Berichten oft als verkommenes und gefährliches Gebiet, das man bessermeide. Die EU stehe für den Zwang, Migranten zu tolerieren, die "alles vergewaltigen, was ihnen unter die Augen kommt", erklärte Dugin vor laufender Kamera.

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Ende vergangenen Jahres verbreitete der Sender eine Liste mit 100 "Top-Russofoby", Russenfeinden. Natürlich sind unter den Auserwählten ein paar übliche Verdächtige: Hillary Clinton, ukrainische Politiker. Auch Angela Merkel wurde von Malofejews Expertenteam als potenzielle Russenfeindin identifiziert, russischer Mainstream auch das. Das Staatsfernsehen behauptete kürzlich sogar, Merkel suche in der Ukraine neuen "Lebensraum", als seien in Deutschland wieder die Nazis an der Macht.

Demokraten und Liberale sind Volksfeinde

Die meisten Volksfeinde sieht TV Zargrad aber unter den Russen selbst: liberale Journalisten, Vertreter der demokratischen Opposition, Schriftsteller, Menschenrechtler - "kranke Menschen" laut Malofejew. Seit der Revolution in der Ukraine haben die es noch schwerer als zuvor. Neue repressive Gesetze sollen Protest im Keim ersticken. Als am vergangenen Wochenende zum ersten Mal seit fünf Jahren Zehntausende gegen Korruption und den über bordenden Reichtum der Eliten demonstrierten, trieb die Polizei die Demonstranten rasch auseinander. Hunderte wurden festgenommen. Zargrad nannte Alexej Nawalnyj, den Anführer der Proteste, "Rattenfänger aus Hameln".

Liberale Ideen hält Konstantin Malofejew generell für eine Gefahr, für menschenverachtend. Gern vergleicht er die EU mit der Sowjetunion, womit er eine Art bürokratisches Monster meint, dem Tod geweiht. "Wir glauben an ein Ende des Liberalismus, an das Ende der Europäischen Union", sagt er. "Wenn du dort lebst, kommt es dir vielleicht abwegig vor. Aber wenn du begreifst, dass Liberalismus abwegig ist, dann siehst du die Welt mit anderen Augen."

Vor 17 Jahren hätte wohl auch Malofejew nicht damit gerechnet, dass Russland und der Westen sich wieder so fremd werden würden. Auch der Kreml hatte die Beziehungen zum Westen ganz anders geplant, als Präsident Boris Jelzin am Silvesterabend der Jahrtausendwende den damaligen Ministerpräsidenten Putin zu seinem Nachfolger ernannte. Ganz anders war damals der Blick auf den Westen: Mehr als zwei Drittel der Russen träumten davon, selbst Bürger der EU zu werden. 2015 waren es gerade noch 15 Prozent. Sieben von zehn Russen stufen die Beziehungen ihres Landes zur EU nun als "feindselig" ein.

Putin sollte das "große Russland erneuern"

Geschichte der Enttäuschung Wladimir Putin und seine Mannschaft hatten damals zwei Ideen für die Präsidentschaft, vermutlich waren sie von Anfang nicht vereinbar. Für die Russen sollte der junge Präsident ein harter Macher sein. Putin, Ex-Direktor des Geheimdiensts FSB, schien dafür wie gemacht. Sein Vorgänger Boris Jelzin war alt und durch eine lange Herzkrankheit geschwächt, manchmal zeigte er sich wochenlang nicht in der Öffentlichkeit oder demütigte die Russen durch seine Alkoholeskapaden. Das Land war von dramatischen Wirtschaftskrisen gebeutelt. 1998 zahlte der Staat über Monate keine Gehälter aus. Putin solle, so sagte Jelzin, "das große Russland erneuern".

Für die westliche Öffentlichkeit hatten sich Putins Berater ein anderes Image erdacht: Ein junger, energischer Jurist sollte die weltpolitische Bühne erobern, freundlich und offen. Putin empfing jeden Spitzenpolitiker des Westens persönlich und sprach lange mit ihm. Er wollte Russland erklären. Dem Westen gefallen. Im Bundestag redete er damals deutsch.

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Dieser Honeymoon währte nicht lange. Enttäuscht stellten die Europäer fest, dass sich die versprochene Modernisierung des Landes in immer neuer Rhetorik erschöpfte. Immer autoritärer wurde Putins Regime. Schon bald stammten mehr als 75 Prozent der neuen Elite aus dem Geheimdienst oder dem Militär. "Die Gesellschaft wird militarisiert", sagte die Soziologin Olga Kryschtanowskaja vor zehn Jahren. "Züge des sowjetischen Führungsstils treten mit jedem Jahr der Putin'schen Herrschaft deutlicher hervor." An die Stelle der Oligarchen, die unter Jelzin zu Macht und Reichtum gekommen waren, rückte bald eine Clique aus Putin-Vertrauten.

Putin fühlte sich betrogen

Im Kreml indes hatte man sich noch bis 2005 ernsthaft Hoffnungen gemacht, in die Nato eingeladen zu werden. Stattdessen musste Putin mit ansehen, wie sich das Verteidigungsbündnis bis an die Westgrenzen Russlands ausdehnte. "Immer wieder bieten wir unsere Zusammenarbeit an", klagte Putin nach der Krim-Annexion 2014. "Aber wir haben kein Entgegenkommen erkennen können. Im Gegenteil, man hat uns immer wieder betrogen." Keine Rede sei das gewesen, schrieb der russische Journalist Michail Sygar, sondern eine "öffentliche therapeutische Sitzung". Putin fühlte sich betrogen. Und Russland bedroht.

Schon die erste Revolution in der Ukraine 2004 hielt er für ein Werk der Amerikaner, Test für einen geplanten Aufstand in Moskau. Hatte der damalige US-Präsident George W. Bush nicht selbst erklärt, er wolle in jeder Kultur demokratische Bewegungen unterstützen? Der Tyrannei ein Ende setzen? "Uns ging nur noch im Kopf herum, dass wir auf eine Revolution nicht vorbereitet waren", sagt der ehemalige Putin-Berater Gleb Pawlowskij.

Nach den russischen Parlamentswahlen im Winter 2011 schien die Zeit plötzlich gekommen. Zehntausende zogen unzufrieden durch die Moskauer Straßen. Zum Lebensgefühl der modernen Russen, so schien es, passte der autoritäre Kurs Putins nicht mehr. Erniedrigt fühlten sie sich von plumpen Wahlfälschungen. Nach Umfragen wünschten sich 55 Prozent damals einen neuen Präsidenten. Putin aber hatte die Schuldige schnell ausgemacht: Hillary Clinton, damals US-Außenministerin, habe "gewissen Leuten im Land" ein Signal gegeben. "Die haben daraufhin ihre Arbeit aufgenommen."

Über die Ukraine sagte Putin, sie sei eigentlich kein Staat. "Klein-Russland" nannte er den ungehorsamen Nachbarn, als könne er die Ukraine züchtigen wie ein strenger Vater. Ausgerechnet dieses Land wandte sich 2014 von Russland ab. Nach der Revolution auf dem Kiewer Majdan reichte es ihm.

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Patriotismus als Machtbasis Putin ließ die Krim besetzen, unterstützt seither die ostukrainischen Separatisten. Zur Krim-Annexion erklärte er: "Eine bekannte Person sagte einmal: Mit einem freundlichen Wort und einer Smith & Wesson kommst du weiter als mit einem freundlichen Wort!" Die Russen triumphierten. Endlich, so empfanden die Menschen, hatte man es dem selbstgefälligen Westen gezeigt. Alles, was eine offene Gesellschaft ausmacht, geriet nun unter Verdacht. "Die hohe Kunst der postsowjetischen Politik besteht darin, bei der Bevölkerung Zustimmung zu einem Regierungskurs zu schaffen, der im Grunde genommen nur die Machtinteressen einer kleinen Elite bedient", schrieb der Russland-Experte Ulrich Schmid. Patriotismus ist auch Herrschaftsbasis, Machtressource.

Knöpfe durch Kalaschnikowhülsen ersetzt 

Jelena Schtscherbakowa ist dafür Fachfrau. Sie ist jung, brünett und moderiert im sibirischen Fernsehen eine Sendung, die "Patriot" heißt. Das Konzept hat sie sich selbst ausgedacht, es ist eine Mischung aus "Wetten, dass ..?" und "Superstar"-Suche, nur mit Waffen. Kandidaten trainieren bei Spezialtruppen, tauchen im Baikalsee, lassen sich an Häuserwänden abseilen oder robben bei minus 30 Grad durch den Schnee. "So möchte ich an die Soldaten und ihren alltäglichen Heroismus erinnern", sagt Schtscherbakowa. Für die erste Moderation ließ sie sich ein Kleid nähen, dessen Knöpfe durch Kalaschnikowhülsen ersetzt wurden.

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Besucher des Freizeitparks "Patriot" bei Moskau bestaunen den Überflug von Kampfjets während einer Militärmesse 2016. Die Ausstellung wurde gestaltet wie ein Volksfest


Der Gouverneur in Nowosibirsk ernannte Jelena Schtscherbakowa inzwischen zur patriotischsten Journalistin des Gebiets. Außerdem bekam sie einen Fernsehpreis für ihr Konzept. Jetzt träumt sie davon, ihre Sendung auszubauen. Einheiten in ganz Russland würde sie gern besuchen oder vielleicht sogar in der ganzen Welt. "Alle denken darüber nach, wie stark unsere Armee inzwischen ist", sagt sie. Wen sie wohl schlagen kann und wen nicht.

Entertainment an Waffen Die Zeiten, in denen sich die Russen für ihr marodes Militär schämten, sind endgültig vorbei. Putin ließ die Streitkräfte reformieren, verdoppelte in den vergangenen zehn Jahren den Verteidigungshaushalt. Die Armee gilt als attraktiver Arbeitgeber: Schon ein einfacher Feldwebel verdient mehr als ein Lehrer.

Armee-Kirmes in Russland: Willkommen in Wladimir Putins Militär-Disneyland
Panzer bei Militärmesse in Russland

Artillerie soweit das Auge reicht: Bei feinstem Wetterchen hat die Armee im Patrioten-Park in Kubinka nur ihre besten Stücke aufgefahren: Panzer, neu und alt, Lkw, Schützenwagen und so weiter und so fort.


Um die Streitkräfte populär zu machen, erdachte Verteidigungsminister Sergej Schojgu eine regelrechte Unterhaltungsindustrie. Zur militärisch-patriotischen Erbauung finden im Sommer im Land Hindernisläufe auf Truppenübungsplätzen statt und Militärspiele mit Panzerfahrzeugen, zur Verfügung gestellt von seinem Ministerium. Dessen Sender TV Swesda überträgt auch eigens erfundene Sportarten wie Panzerbiathlon. Ständig werden in den Nachrichten des Staatsfernsehens neue Waffen präsentiert, Korrespondenten berichten von Manövern oder der Front aus dem Syrienkrieg, in dem Russland an der Seite von Baschad al Assad kämpft.

700 Panzer, Flugabwehrsysteme, Schützengräben

Familien besuchen den Freizeitpark "Patriot", den das Ministerium unweit von Moskau für 300 Millionen Euro errichten ließ. "Es heißt, dass wir das Land militarisieren", sagt Minister Schojgu. "Aber das ist nicht so." Tatsächlich geht es dabei auch um eine russische Version von Softpower: Als Soziologen von den Russen wissen wollten, was konkret für die Achtung des eigenen Landes wichtig sei, nannten die meisten "militärische Stärke".

Im "Patriot"-Park stehen auf mehr als 50 Quadratkilometern 700 Panzer, auch Flugabwehrsysteme und Schützengräben. Ständig wird er erweitert. Dieses Jahr soll ein Miniatur-Reichstag hinzukommen, damit Kinder den Sturm auf Berlin 1945 nachempfinden können. Als deutsche Politiker das Projekt vorsichtig kritisierten, hinterfragte der russische Militärsprecher die Haltung der deutschen Politik zu Nazi-Deutschland.

Das Armeezimmer ist das schönste der Schule

 Schon 2005 hatte der Kreml die erste patriotische Jugendorganisation gegründet. "Naschi", die "Unsrigen", war die Antwort auf die erste Revolution in der Ukraine, eine Art Präventivprogramm gegen Aufstände einer Jugend, die sich, so fürchtete der Kreml offenbar, nach Europa sehnen könnte.

Im vergangenen Sommer rief der Verteidigungsminister dann die "Junarmija" ins Leben, die junge Armee. 56.000 Schüler gehören ihr landesweit an. Die Teenager tragen rote Hemden, rote Kappen und beigefarbene Hosen, ein bisschen wie Pfadfinder. "Alle wollten in unsere Gruppe", erklärt Natalja Smirnowa, Leiterin der Schule Nummer eins in Torschok, einer Kleinstadt zwischen Moskau und Sankt Petersburg. "Aber die ist nur für die Besten! Sie sind die Führer der Zukunft!" Smirnowa ist sehr stolz, dass ihre Schule eine Gruppe gründen durfte. Es ist ein Privileg.

Die Direktorin zeigt das Armeezimmer: "Es ist das schönste der Schule!" Ein lokaler Unternehmer spendierte neue Fenster, neue Heizkörper und einen neuen Anstrich. Im Keller soll bald ein Laser-Schießstand eingerichtet werden.

Putin, der geistige Führer Chef der Torschoker Jungarmisten ist Kirill, 16. Einmal sollte er ein Putin-Porträt in die Schule tragen, erzählt die Schulleiterin. Da küsste er es spontan. Kirill ist die Geschichte ein bisschen peinlich, aber Putin gefällt ihm tatsächlich. Ein starker geistiger Führer sei der Präsident, sagt Kirill. "Er hat das Land von den Knien erhoben." Sogar den Westen ärgere es nun manchmal. Das findet er toll. Später will Kirill zur Luftwaffe. Die Plätze auf der Fliegerschule sind heiß begehrt. Deshalb freut sich auch seine Mutter über die Jugendarmee in der Schule. "Das bringt Pluspunkte."

Die Jungarmisten unternehmen Ausflüge, sie waren schon im Waffenpark "Patriot". Kürzlich überlegten sie, was sie bei der Jungarmee in Zukunft noch lernen möchten. Sie arbeiten eng mit der DOSAAF zusammen, einer ehemals sowjetischen Vereinigung, die Reservisten und Zivilisten an die Armee binden soll. So sind sie aufs Marschieren gekommen. Das, so glauben sie, schule ihre Disziplin.

Lesen Sie hier den zweiten Teil der stern-Russland-Serie: Die rote Revolution 1917–1924 Die Bolschewiki reißen die Macht an sich. Ein jahrelanger Bürgerkrieg beginnt

Im aktuellen stern finden Sie Teil III: Der mörderische Aufbruch 1924–1953 Stalin lässt Todeslager in Sibirien an legen – deren Spuren bis heute sichtbar sind