HOME

Stern Logo Geschichte

stern-Serie

100 Jahre Russische Revolution: Dem langen Siechtum der Monarchie folgt der zähe Siegeszug Lenins

Im Oktober 1917 entreißen die Bolschewisten dem provisorischem Regime endgültig die Macht. Es ist eine Zäsur, die ein ganzes Jahrhundert prägen wird. In Russland - und in der Welt. Teil 2 der stern-Serie über die Russische Revolution.

Von Hans-Hermann Klare

Lenin hält Rede in Moskau

Lenin hält 1920 eine Rede in Moskau. rechts neben dem Pult steht Trotzki. Stalin ließ den Revolutionär später per Retusche verschwinden.

Der Augenblick der großen sozialistischen Oktoberrevolution schien ein so unbedeutendes Ereignis, dass die Mehrheit der Bürger Petrograds ihn nicht einmal wahrnahm. An jenem 25. Oktober 1917 (nach dem bei uns gebräuchlichen gregorianischen Kalender entspricht das dem 7. November) waren Theater und Restaurants geöffnet wie immer, und die Straßenbahnen fuhren wie üblich. Auch als ein Kellner in einem Lokal nahe dem Winterpalast seinen Gast aufforderte, sich in den hinteren Bereich zu setzen, weil er eine Demonstration auf dem großen Platz erwartete, verbarg sich hinter solch Sorge nichts Ungewöhnliches. Proteste und Streiks, selbst gewalttätige Auseinandersetzungen auf offener Straße waren zu jener Zeit nichts, was einen Bürger der russischen Hauptstadt mehr als üblich aus der Ruhe bringen musste.

Dilettantismus verhinderte nicht die Machtergreifung

In sechs Stunden hätte der ganze Spuk vorbei sein sollen - die Einnahme des Winterpalais’, des Sitzes der provisorischen Regierung des Landes, durch die bolschewistischen Truppen und ihre Anhänger. Doch es kam zu einer ganzen Reihe von dilettantischen Verzögerungen. Nicht einmal das konnte die Machtergreifung der Bolschewiki verhindern.
Denn je länger sich der Aufstand hinzog, umso größer die Angst der wenigen Soldaten, die man zur Verteidigung des Palais’ aufgeboten hatte. Das wurde schon deutlich, als der Panzerkreuzer "Aurora" um 21.40 Uhr einen sogenannten Blindschuss abgab, komplett harmlos, aber besonders laut. Sogleich warfen sich die Minister im Winterpalais auf den Boden, während die Mitglieder des Frauenbataillons hysterisch schreiend umherrannten. Und als nach 15 Stunden schließlich die Aufständischen in den Palast eindrangen, hatten viele der verteidigenden Soldaten ihre Stellungen verlassen, schlicht weil sie Hunger hatten. So wurde eine Regierung gestürzt, die längst abgewirtschaftet hatte.

Lenin, der Strippenzieher

Doch weiterhin herrschte mehr Chaos als neue Ordnung. Noch in den Tagen danach brachen Arbeitslose und Tagelöhner, Kriegsveteranen und Gelegenheitsräuber zu auf und drangsalierten oder ermordeten gar Passanten, die adelig und reich daherkamen. Die eigentlichen Arbeiter dagegen arbeiteten weiter in den Fabriken wie üblich, und die Eisenbahner bereiteten wieder mal einen Streik vor.

Lenin und Stalin

Lenin und Stalin 1922: Eigentlich wollte Lenin, dass ihm Trotzki folgt und nicht der Georgier


Auch der Mann, ohne den diese Revolution wohl nie so erfolgreich ausgegangen wäre - auch Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, spielte für die meisten Bürger keineswegs eine besondere Rolle in diesen Tagen. Zwar drängte der Anführer der Bolschewiki seine Parteigenossen gegen den Widerstand der Menschewiki, der Sozialrevolutionäre und der Liberalen, nicht bloß den Aufstand auszuweiten, sondern sich der ganzen Macht zu bedienen. Aber der 47-Jährige blieb den meisten Menschen unbekannt. Er arbeitete vor allem hinter den Kulissen. Er war der unumstrittene Stratege und Strippenzieher, während sein Mitstreiter Leo Trotzki - der viel bessere Redner - vor Streikenden, vor Demonstranten, in Fabriken und Garnisonen auftauchte, dort wo über Reformen und Revolution gestritten und befunden wurde.


Lenin war erst kurz zuvor aus dem finnischen Exil in das 140 Kilometer entfernte Petrograd, wie Sankt Petersburg seit Kriegsbeginn hieß, zurückgekehrt, aus Angst vor den Behörden verkleidet wie ein lutherischer Pastor, mit einer schlecht sitzenden Perücke. Nun drängte er mehr als jeder andere zu Aufstand und Gewalt gegen das Regime. Und er war fest davon überzeugt, dass der revolutionäre Furor der russischen Arbeiter, Bauern und Soldaten schnell auf die so viel fortschrittlicheren kapitalistischen Länder im Westen Europas, vor allem auf Deutschland, übergreifen würde. Dem "Land der Ikonen und Kakerlaken" aber wollten Lenin, Trotzki und ihre Genossen selbst ein Ende bereiten.

Zu jenem Zeitpunkt hatte der letzte Zar Nikolaj II. bereits seit sieben Monaten abgedankt. und seine Provisorische Regierung taumelten vor sich hin, politisch zerrieben zwischen den diversen Fraktionen der Linken einerseits und den Liberalen wie den nationalistischen oder monarchistischen Kadetten andererseits. Überall im Lande kam es zu Aufständen. Sogenannte Sowjets, Räte, hatten in vielen Fabriken, in Kasernen oder auf dem Lande die Macht übernommen.

Langes Siechtum des Zarentums

Man kann lange darüber streiten, wann die Zaren eigentlich abgewirtschaftet hatten. Schon Alexej II., der Großvater des letzten Zaren, war 1881 ermordet worden. Bei Hofe hielt man bis zum Schluss auf jede denkbare Weise dagegen, dass sich die Zeiten änderten. Nikolaj, der letzte Zar, war nicht einmal für kleinste Reformen zu gewinnen: "Ich betrachte Russland als einen Landbesitz, dessen Eigentümer der Zar, dessen Verwalter der Adel und dessen Arbeiter der Bauer ist." Der britische Historiker Orlando Figes fasste die Ideen von Nikolaj und der letzten Zarin Alexandra so zusammen: "Es war ihre Tragödie, dass sie just in dem Moment, als Russland ins 20. Jahrhundert eintrat, versuchten, es ins 17. Jahrhundert zurückzubringen." Die wahre Zäsur im langen der russischen Monarchie war der sogenannte Blutsonntag von 1905: Angeführt von einem Popen wollten etwa hunderttausend Menschen vor das Winterpalais ziehen, um dem Zaren eine demütige Bittschrift zu übergeben. Nikolaj wurde darin aufgefordert, die Lage der Arbeiter zu verbessern. Das Ganze war eher Prozession als Protestzug, Frauen und Kinder in den vorderen Reihen.
12.000 Soldaten hatten Stellung bezogen, um den Marsch zu unterbinden. Sie eröffneten das Feuer, töteten etwa 200 Menschen und verletzten 800 weitere. Das Entsetzen über die Gewalt war ungeheuer. "In diesem Augenblick war der Mythos vom guten Zaren endgültig zerstört", sagt Historiker Figes.

Lenin verschwand in die Schweiz

Während in den Monaten nach dem Blutsonntag Arbeiter allerorten streikten und wütende Bauern 3000 Herrenhäuser plünderten und in Brand steckten, machte das Regime Jagd auf vermeintliche wie echte Staatsfeinde. Es kam wieder zu Pogromen, zu denen das Regime die Massen anstachelte, wohl auch, weil Juden als vaterlandslose Gesellen galten und einige der linken Aufrührer wie Leo Trotzki jüdisch waren.
Der Aufstand war erst ein Jahr später schließlich niedergeschlagen, 14.000 Menschen exekutiert, 20.000 bei Kämpfen erschossen oder verwundet, 45.000 deportiert, vor allem nach Sibirien oder ins Exil geschickt. Leo Trotzki wurde verbannt, verschwand in die Schweiz. Dennoch galt ihm der Aufstand von 1905 Jahre später als "Kostümprobe" für die bolschewistische Machtergreifung.

Zar Nikolas

1917 war Zar Nikolas II. in Gefangenschaft der Revolutionäre. Seine Tragödie war, dass er sein Reich Anfang des 20. Jahrhunderts ins 17. Jahrhundert zurückführen wollte.


Zwar war die Herrschaft des Zaren zunächst gesichert. Doch Aufstände und Streiks sowie Gewalttaten nahmen weiterhin zu, während sich Politiker von Gnaden des Zaren vergebens darum bemühten, zaghafte Reformen einzuleiten. Nach den Unruhen von 1905 erhielt Russland schließlich ein allgemeines Parlament, die Duma. Der Zar war jedoch nicht gewillt, ihm irgendwelche Macht zuzugestehen.

Der Protz des Adels

Vor allem am Elend, das die Menschen auf die Straße getrieben hatte, änderte sich nichts. So mussten sich in im Durchschnitt 16 Personen eine Wohnung teilen, das waren sechs pro Zimmer. In Arbeitervierteln ging es noch enger zu, während der Adel in grandiosen Palästen riesige Bälle gab und die Speisen dazu aus Deutschland oder Frankreich kommen ließ.

Russlands Eintritt in den Ersten Weltkrieg sollte dann zum Katalysator für den endgültigen Verfall werden: Schon die Armee mit ihren stolzen, aber unnützen Kavallerie-Regimentern bewies, wie hilflos das Land der neuen Zeit selbst in der Kriegsführung ausgeliefert war. Mit dem nationalistischen Pathos ihrer meist adeligen Offiziere wussten die einfachen Soldaten nichts anzufangen. Schlecht ausgerüstet und nur mangelhaft versorgt, verreckten sie schon bald zu Abertausenden für eine Herrschaft, die ihnen nichts bedeutete. Die Zahl der Deserteure stieg ebenso unaufhörlich wie die der Befehlsverweigerer, sodass gegen Ende der Zarenzeit selbst an der Front Offiziere nicht mehr ohne Weiteres Befehle erteilen konnten. So verwandelte sich die russische Streitmacht zunehmend in einen gigantischen revolutionären Mob.

Karikatur von Zar Nikolas

Zar Nikolas, der Ungeliebte: verbotene Karikatur der Sozialdemokraten


Doch auch die Lage im Hinterland blieb katastrophal. Im Winter 1916/17 herrschte nicht nur bitterste Kälte, sondern auch großer Mangel an Brennholz wie Nahrungsmitteln. Oder in den Worten des Historikers Figes: "Die Februarrevolution wurde in der Brot-Warteschlange geboren." Allein in Petrograd gingen in dem Monat zunächst 150.000 Arbeiter auf die Straße. Schließlich meuterten sogar die Soldaten der Petrograder Garnison. Die Minister des Zaren mussten abdanken und wurden durch eine Provisorische Regierung ersetzt.

Lenins Rückkehr mit deutscher Hilfe

Im April kehrte Lenin nach fast zehn Jahren im Ausland mit deutscher Hilfe nach Russland zurück, nur um bald noch einmal, bis zum Herbst, nach Finnland zu verschwinden. In der Provisorischen Regierung kämpften Nationalisten mit Generalstäblern um die Macht. Die diversen Linken wiederum lagen im Clinch miteinander über den richtigen Weg zum Sozialismus. Für die einen schien klar, dass Marx und Engels eine gewissermaßen naturwissenschaftlich exakte Entwicklung der menschlichen Geschichte nachgewiesen hatten: Ein weitgehend feudales Land wie Russland brauchte in ihrer Vorstellung erst eine Phase des Kapitalismus, bevor der Übergang zum Sozialismus möglich wäre. Für die anderen, Lenin vorweg, war das graue Theorie.
Dabei half ihnen, dass die Lage an der Front katastrophal war und der sogenannte Befehl Nummer eins der Provisorischen Regierung jegliche militärische Hierarchie auflöste: Die Räte der einfachen Soldaten - nicht mehr die Offiziere - hielten die Macht fortan weitgehend in ihren Händen. Wenn Lenin und seine Parteigenossen noch irgendetwas zurückhielt, dann allein die Sorge, das Volk noch nicht hinreichend hinter sich in Stellung gebracht zu haben.

Zerfall der alten Ordnung beschleunigte sich

Da kam ihnen gerade recht, dass sich die Matrosen der Kronstädter Marinebasis, eine Ansammlung militanter Wehrpflichtiger am Rande des Finnischen Meerbusens, im Mai 1917 zur Meuterei entschlossen. Mit Bajonetten waren sie über ihren Kommandeur hergefallen und hatten ihn ermordet. Dutzende Offiziere wurden gelyncht oder eingekerkert.
Der Zerfall der alten Ordnung beschleunigte sich. Überall verweigerten Soldaten den Befehl, übernahmen Räte die Macht, während der Generalstab vergebens versuchte, noch einmal die alten Verhältnisse wiederherzustellen. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Zar längst seine Abdankung unterschrieben, voller Unverständnis ob der garstigen Zeitläufte, während Großfürst Michail sich sorgte, sein chinesisches Porzellan könne im Aufruhr womöglich Schaden nehmen. Liberale und diverse linke Fraktionen hofften weiterhin, mithilfe eines für Oktober geplanten großen Räte-Kongresses die politische Vielfalt Russlands in neue Bahnen zu lenken. Lenin, Trotzki und der noch relativ unbedeutende Georgier Josef Stalin erkannten dagegen die Chance, ein für alle Mal die Herrschaft des Proletariats durchzusetzen.

Russische Kriegsbefürworter

"Krieg bis zum Ende": Russische Soldaten wollen auch 1918 noch weiterkämpfen


Schon bald wurde das Smolnyj-Institut in Petrograd, einst ein Mädchenpensionat, zum politischen Zentrum der Revolution. Allerdings war die Stadt zu jener Zeit Ende 1917 kaum mehr als eine rote Insel in einem aufgewühlten Ozean. Wollten die Revolutionäre Erfolg haben, mussten sie die Menschen gewinnen. Das gelang ihnen auf zwei Arten: Einmal machten sie sich den Hass der Beherrschten auf ihre Herrscher zunutze und propagierten, man müsse die Plünderer plündern. Land- und Fabrikbesetzungen, Überfälle auf die Reicheren in Stadt und Land waren an der Tagesordnung. Wer der neuen Zeit im Wege stand, war quasi vogelfrei.

Es entstand der Inbegriff des sowjetischen Terrors

Zugleich schufen die Bolschewiki schnell eine Institution, die zum Inbegriff sowjetischen Terrors werden sollte: Anfang Dezember entstand unter Leitung von Felix Dserschinskij die "Allrussische Außerordentliche Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution, Spekulation und Sabotage", in der russischen Abkürzung "Tscheka", der Vorläufer des KGB. Damit begann das, was gemeinhin "Roter Terror" genannt wurde.
Die Tschekisten überzogen das Land mit Angst und Hass, sie mordeten oft willkürlich und ohne Anhörung oder gar Prozess. Als der Volkskommissar für Justiz, Isaak Steinberg, sich deshalb voller Empörung an Lenin wandte mit der Frage: "Wozu haben wir überhaupt ein Volkskommissariat für Justiz? Nennen wir es doch einfach Kommissariat für soziale Ausrottung", entgegnete ihm Lenin: "Gut ausgedrückt, genau das soll es sein, aber das können wir nicht sagen." "Wie merkwürdig es auch erscheinen mag, Lenin wurde erst im September 1918 zu der in Russland allseits bekannten Symbolfigur, und auch da nur, weil er beinahe gestorben wäre", schreibt der Historiker Orlando Figes. Fast ein Jahr lang hatte der unumstrittene Führer der Revolution weitestgehend unerkannt mit seiner Frau spazieren gehen können. Nachdem bereits am Neujahrstag 1918 ein Attentat auf Lenin gescheitert war, als Männer Schüsse auf seinen Wagen in Moskau abgaben, hatte er sich nur selten in der Öffentlichkeit gezeigt.

Fanny Kaplans Schüsse trafen Lenin drei Mal

Als Lenin am 30. August 1918 gerade eine Fabrik in einer Moskauer Vorstadt verließ, bahnte sich eine junge Anarchistin ihren Weg durch die Massen und drückte ab. Fanny Kaplans Schüsse trafen Lenin drei Mal. Eine Kugel blieb im Nacken stecken, durch die anderen verlor er so viel Blut, dass sein Überleben fraglich war.
"Man hat Lenin oft Feigheit vorgeworfen, weil er der Polizei des Zaren aus dem Wege ging", schreibt der Lenin-Biograf Robert Service. Das änderte sich mit dem Oktober 1917. "Er wusste, dass er seither eine Figur in den Geschichtsbüchern sein würde." Lenins Genesung schritt allmählich voran, und sie machte ihn berühmt. Die bolschewistische Presse bejubelte Lenin als eine Christus gleiche Figur. Sie verstieg sich gar dazu, ihn einem Zar ähnlich als "Führer von Gottes Gnaden" zu beschreiben. Der Lenin-Kult war geboren.


Aus dem Ersten Weltkrieg war das bolschewistische Russland de facto im Dezember 1917 ausgeschieden. Doch Frieden fand das Land nicht. Die geschlagenen Anhänger des alten Systems hatten sich nach Sibirien oder in den Süden zurückgezogen, organisierten sich neu und begannen zusammen mit den Kosaken eine oft nicht minder grausame Politik des "Weißen Terrors" gegen das Regime und seine Sympathisanten. Von diversen ausländischen Mächten des Westens unterstützt, führten sie ihre Truppen gegen die von Trotzki organisierte "Rote Armee" und brachten diese in den drei Jahren nach der Revolution bisweilen an den Rand der Niederlage. Aber schließlich behielten Lenin und seine Anhänger die Oberhand.

1000 Kalorien - pro Tag 

Den Mühsamen und Beladenen der Zarenzeit ging es unter den neuen Herren nicht besser. Die Kollektivierung der Landwirtschaft befreite weder die Bauern, noch wurde die Produktion von Nahrungsmitteln angekurbelt, im Gegenteil. Viele Bauern waren nicht bereit, mehr als für den eigenen Unterhalt zu produzieren. Und wer klug genug war, es zu tun, hatte keine Lust, zu niedrigen Preisen zu verkaufen. Und wurde deshalb als Klassenfeind denunziert oder verfolgt. Hunger grassierte überall im Land. In der Folge kam es zu Cholera-, Fleckfieber-, Ruhr- und Grippe-Epidemien, an denen Tausende starben.

Eine Welle von Streiks überrollte das Land wie zu Zeiten der Zaren. Die Lage war so katastrophal, dass selbst die privilegiertesten Arbeiter 1921 nur noch 1000 Kalorien pro Tag an Nahrung zugeteilt erhielten. Parallel dazu wuchs der Apparat des Staates.

In den ersten vier Jahren nach der Revolution stieg die Zahl der Beamten von 576.000 auf 2,4 Millionen. Verdiente Parteigenossen wurden mit einträglichen Posten versorgt, häufig ganz unabhängig von ihrer Qualifikation. 1921 gab es in Sowjetrussland doppelt so viele Bürokraten wie Arbeiter. Und sie hatten Zugang zu Wohnungen wie Waren - knappe Güter im Alltag Russlands.

Aufstand der Treuesten

Schließlich kam es zu Aufständen selbst unter den Treuesten der Treuen. Wieder einmal traten die Kronstädter Matrosen, von Trotzki 1917 als "Ruhm und Stolz der Revolution" bezeichnet, in den Streik, riefen im März 1921 ihre eigene Republik aus und forderten freie Wahlen. Eine regelrechte Schlacht begann. Mehr als 10.000 Soldaten der Bolschewiki starben im Kampf um die Kronstädter Festung, bevor der Aufstand am 18. März schließlich niedergeschlagen war.
Die Wirkung der Kronstädter Meuterei und ihrer Unterwerfung war verheerend. Vielen nicht nur in Sowjetrussland wurde damals klar, dass die Bolschewiki ein Terrorregime errichtet hatten. Zugleich aber nahm die Regierung manche ihrer radikalen Programme zurück und erlaubte wieder so etwas wie einen Markt, um die katastrophale Lage im Lande zu verbessern.


Während die Situation nach und nach tatsächlich erträglicher wurde, erholte sich Wladimir Iljitsch Lenin nie ganz von den Folgen des Attentats. Zunächst erlitt er einen schweren Schlaganfall, später zwei weitere. Zunehmend verlor Lenin an Kraft und Einfluss, war bisweilen starrsinnig und womöglich nicht immer bei klarem Verstand. Zur selben Zeit wuchs die Macht Josef Stalins innerhalb des Systems. So ging, als Lenin am 21. Januar 1924 mit 53 Jahren starb, auch sein letzter Wunsch nicht mehr in Erfüllung: dass Leo Trotzki und nicht Josef Stalin sein Nachfolger werde.

Moskau wird zur Pilgerstätte

Während die Sowjetunion nach dem Tod Lenins noch diktatorischer und brutaler werden sollte, übte die Vision einer gleichen Gesellschaft, angeführt von den Revolutionären in Moskau, im Westen weiter eine ungeheure Anziehungskraft aus. Linke Politiker wie Schriftsteller pilgerten nach Moskau, fasziniert davon, den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft zu erleben.
Ein bemerkenswerter Ausdruck sowohl für den radikalen Bruch mit der Vergangenheit als auch für die bald einsetzende totalitäre Erstarrung fand sich in der russischen Kunst. Noch zu Zeiten des alten Regimes hatte es 1915 in Petrograd eine wahrhaft revolutionäre Ausstellung gegeben: "0.10" , so ihr Name, kulminierte in einem Bild von Kasimir Malewitsch - im "Schwarzen Quadrat". Ironischerweise in einer Ecke ganz oben aufgehängt - dem Platz für die Ikone in einem russischen Haus -  war dieses Gemälde eine Absage an jeglichen Bezug zur dargestellten Wirklichkeit, selbst zur bloßen Abstraktion der Realität.
Diese radikal kreative Phase der russischen Malerei fand wenige Jahre nach der Revolution ihr Ende. Alles musste sich von nun an dem Dienst der Revolution unterwerfen und damit jenen, die bestimmten, was revolutionär war. In der Kunst hieß das: keine andere Darstellungsform als der glorifizierende sozialistische Realismus. In der Wirklichkeit bedeutete das Millionen von Toten.

Lesen Sie hier den ersten Teil der stern-Russland-Serie: Russland heute - in Wladimir Putins Reich mischen sich Geschichte und Propaganda

Im aktuellen stern finden Sie Teil III: Der mörderische Aufbruch 1924–1953 Stalin lässt Todeslager in Sibirien an legen – deren Spuren bis heute sichtbar sind