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Republikanischer Präsidentschaftsbewerber Herman Cain: Herminator in Nöten

Er ist der Shootingstar der US-Republikaner, liegt in Umfragen vorne: Herman Cain, der schwarze Anti-Obama. Doch jetzt könnten ihm Vorwürfe zum Verhängnis werden, er habe Frauen sexuell belästigt.

Von Florian Güßgen

Es ist Herman Cains erste echte Feuerprobe in diesem Wahlkampf. Und vielleicht auch schon seine letzte. Seit Wochen liefert sich der 65-Jährige im parteiinternen Rennen der US-Republikaner um die Präsidentschaftskandidatur 2012 ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Mitt Romney, dem bisherigen Spitzenreiter in den Umfragen. Zuletzt hatte Cain sogar zumeist die Führung übernommen. Völlig überraschend scheint der erzkonservative Ex-Manager derzeit eine Chance zu haben, in den Vorwahlen zu bestehen und der Herausforderer Barack Obamas zu werden.

Und jetzt das. Am Sonntag berichtete das Online-Magazin "Politico", es stünden Vorwürfe im Raum, Cain habe in den späten Neunzigern, während seiner Zeit als Chef einer Lobbyorganisation der Gastronomie, zwei Frauen sexuell belästigt. Später sei Geld geflossen, um sie zum Schweigen zu bringen. Seither muss sich der eloquente Angreifer Cain verteidigen - und macht dabei keine Figur. Nur scheibchenweise rückt er mit der Wahrheit heraus, widerspricht sich, beruft sich auf Erinnerungslücken, spielt die Vorfälle herunter. Nun droht ihm weiteres Ungemach: Eine der beiden Frauen, die bislang anonym sind, will ihren Fall öffentlich und konkret erläutern.

Es geht zu wie beim "Speed Dating"

Aber der Reihe nach. Die US-Republikaner haben derzeit ein Riesenproblem. Zwar ist Barack Obama schwer angeschlagen, unpopulär, vor allem die hohe Arbeitslosenquote lastet schwer auf dem Demokraten. Seine Gegner haben, wenn es nicht noch einen Schub auf dem Arbeitsmarkt gibt, gute Chancen, den vormaligen Hoffnungsträger im November 2012 aus dem Amt zu kippen. Doch: Sie haben keinen überzeugenden Gegenkandidaten. Über Monate hat sich nun Mitt Romney, vordem Hedgefondsmanager und Gouverneur im liberalen Ostküstenstaat Massachusetts, bei diversen TV-Debatten und in den ständigen Umfragen vorne gehalten. Romney ist ein Politprofi, auch der Mitte vermittelbar, wahrscheinlich durch und durch präsidiabel. Seine Kasse ist gefüllt. Aber er reißt niemanden mit, ruft keine Begeisterung hervor. Vielen gilt er als zu glatt.

Und deshalb sucht vor allem der rechte Parteiflügel, die Tea Party Bewegung, seit Monaten immer gehetzter nach einer charismatischeren Alternative. Vermeintliche Hoffnungsträger werden hochgejubelt und fallengelassen, in einer bemerkenswerten Geschwindigkeit. Zuerst gab es einen Hype um Michelle Bachmann, die Abgeordnete aus Minnesota, dann um Rick Perry, den Gouverneur aus Texas - und in den vergangenen Wochen hieß der neue Darling der Rechten eben Herman Cain. Die britische "Financial Times" bezeichnete die Suche der Republikaner dieser Tage treffend als eine politische Variante des "Speed Dating". Angucken. Und weg. Die Zeit drängt. Schon am 3. Januar beginnen die parteiinternen Vorwahlen mit einer Abstimmung im US-Bundesstaat Iowa. Danach folgen die Voten Schlag auf Schlag.

Pizzakönig mit Charisma

Cain hatte sich in den vergangenen Wochen zum Liebling der Rechten entwickelt. Den Ideologietest besteht er spielend. Abtreibungen lehnt er prinzipiell ab, selbst in Fällen von Vergewaltigung, beim Thema Einwanderung gibt er den Hardliner. Kürzlich schlug er vor, an der Grenze zu Mexiko doch einen Zaun unter Strom zu setzen, der illegale Einwanderer töten würde. Das sei doch ein Witz gewesen, sagte er später. Cain ist fromm, singt das Hohelied der Ehe, seit 43 Jahren ist er mit seiner Frau Gloria verheiratet - und inszeniert sich als Außenseiter, als jemand, dem nichts ferner liegt als der so verschriene Washingtoner Klüngel. Die entsprechende Vita hat Cain auch. Er stammt aus kleinen Verhältnissen, aus dem Südstaat Tennessee, hat sich zum Millionär hochgearbeitet. Sein Vater arbeitete zeitweise als Chauffeur bei Coca-Colas Topmanagern.

Auch Cain selbst fing bei dem Getränkegiganten an, bevor er als Manager zum Lebensmittelkonzern Pillsbury wechselte, wo er zum Chef der schwächelnden Tochter "Godfather's Pizza" avancierte. Später kaufte er die Firma auf, wurde zum "Pizzakönig". Seinen Ruhm begründeten dabei auch durchaus denkwürdige PR-Nummern. Bis heute ist im Netz ein Video zu finden, das zeigt, wie Cain, in eine weiße Robe gewandet, auf einer Bühne zur Melodie des John-Lennon-Songs "Imagine" sang: "Imagine, there's no pizza." Mahlzeit. In den Neunzigern arbeitete Cain zudem als Chef des US-Gaststättenverbands, der National Restaurant Association, bevor er sich auf eine Tätigkeit als Gastgeber einer Radio-Talkshow sowie als Buchautor verlegte. Die Pizzakette hat Cain mittlerweile verkauft. Vor ein paar Jahren erkrankte er an Krebs, überstand das Leiden jedoch - und sieht sich dadurch heute in dem Glauben bestärkt, dass sein Weg ins Weiße Haus von Gott vorgegeben sei. Cain ist auch niemand, der Skrupel hätte, genau das öffentlich zu formulieren.

"Ubeki-beki-beki-beki-stan-stan"

Der Mann ist eloquent, hat Witz, kann überzeugen. Dass er schwarz ist, hat für viele Republikaner zudem den Reiz, dem farbigen Präsidenten Obama ebenfalls einen farbigen Kandidaten entgegenzuhalten. Cain selbst sagt, Rasse sei kein Thema. Nur soviel: Er sei kein "Amerikaner afrikanischen Ursprungs" ("African American"). Er sei einfach ein "schwarzer Amerikaner" ("black American"). Seine plakative Forderung nach einem "9-9-9"-Steuermodell sorgte für Aufsehen. Cain schlug einen einheitlichen Steuersatz von 9 Prozent für die Einkommens-, für eine Mehrwert und für die Unternehmenssteuer vor. Die Botschaft lautete: Man kann alles ganz einfach machen, ohne viel Staat. Ein bisschen klang er da wie der Deutsche Paul Kirchhof. Bei Veranstaltungen lässt Cain auch gerne Krista Brachs Tea-Party-Hymne. "I Am America" spielen.

Da macht es wenig, wenn er sich bei als außenpolitischer Novize outet, wenn ihm nicht einmal die Neokonservativen ein Begriff sind, die die Außenpolitik des jüngeren Bush so nachhaltig prägten. Im Gegenteil. Bei seiner Klientel kann es sogar von Vorteil sein, sich bewusst ignorant zu geben. So sagte Cain: "Wenn sie wissen wollen, wer der President von Ubeki-beki-beki-beki-stan-stan ist, dann werde ich ihnen sagen: Wissen sie, ich weiß es nicht. Wissen sie's?" Das kommt an, ebenso wie der Satz, den er immer wiederholt, wenn es um seinen Kontrahenten Romney geht: "Romney ist ein herausragender Geschäftsmann", sagte Cain neulich bei "Meet the Press". "Er war dabei eher ein Wall Street Manager, ich bin eher ein Main Street Manager." Für Cain scheint es, zumindest auf den ersten Blick, auch kein Nachteil zu sein, dass er nie ein politisches Amt bekleidet hat. Bei seinem Anlauf, 2004 US-Senator in Georgia zu werden, ist er kläglich gescheitert. Auch vermeintliche Unstimmigkeiten bei der Finanzierung seines Wahlkampfs oder Zweifel, ob er finanziell und organisatorisch ausreichend für einen langen Vorwahlkampf gegen Romney gewappnet ist, sind zunächst zweitrangig.

"Man hat mich zu Unrecht beschuldigt"

Viel schwerer wiegen dagegen die Vorwürfe, die seit Sonntagabend erhoben werden. Gegenüber zwei Mitarbeiterinnen des Gaststättenverbandes sei Cain anzüglich geworden, berichtete "Politico". Die Namen der Frauen nannte das Magazin nicht. Um sich der Vorwürfe zu entledigen, sei Geld geflossen, wurde in dem Berichtet behauptet. Daraufhin seien die Frauen aus dem Verband ausgeschieden. Cain spielte das Thema am Montag zunächst herunter. "Nummer eins: In meinen über 40 Jahren im Geschäftsleben habe ich nie irgendjemanden sexuell belästigt", sagte er am Montagmorgen. "Nummer zwei: Als ich beim Nationalen Gaststättenverband war, hat man mich zu Unrecht der sexuellen Belästigung beschuldigt", erklärter er.

Schnell ging er mit Verschwörungstheorien zum rhetorischen Gegenangriff über. Es handele sich um eine Hexenjagd, das Washingtoner Establishment und die Medien verbreiteten Lügen, weil sie seiner politischen Botschaft nichts entgegenzusetzen hätten. In einem TV-Interview sagte er auch, von Zahlungen wisse er nichts. Erst am Montagabend gab er dann zu, dass an eine der Frauen Geld überwiesen worden sei. Er habe sich daran zunächst nicht erinnern können, sagte Cain. Auch die Höhe der Summe war anfangs unklar. Erst hieß es, es seien höchstens drei Monatsgehälter überwiesen worden. Am Dienstag berichtete die "New York Times", dass die gezahlte Summe mit rund 35.000 Dollar doch höher lag, sich etwa auf ein Jahresgehalt belief. Cain beharrt dennoch nach wie vor darauf, dass er niemanden sexuell belästigt habe.

Um welche Vorwürfe es sich genau handelt, könnte aber auch schon demnächst öffentlich bekannt werden. Über ihren Anwalt ließ eines von Cains vermeintlichen Opfern verlauten, es sei bereit, öffentlich über die Vorwürfe gegen Cain zu reden - vorausgesetzt, so die Frau weiter, ihr ehemaliger Arbeitgeber, der Gaststättenverband, entbinde sie von ihrer Schweigepflicht. Ob das geschieht, ist noch offen. Mitt Romney dürfte die Cain-Debatte jedenfalls interessiert verfolgen. Stürzt Cain ab, wird es immer unwahrscheinlicher, dass die Parteirechte noch eine echte Alternative zu ihm aus dem Hut zaubern kann. Die spitzzüngige "New-York-Times"-Kolumnistin Maureen Dowd hat ihr Urteil über Caine jedenfalls schon gefällt: "Der Herminator", schreibt sie, "war nur eine verwegene vorübergehende Phantasie, …, ein Ort, an dem die Republikaner ihre Zuneigung unterbringen konnten, während sie versuchen, ihre Abneigung gegenüber Mitt Romneys Mr. Darcy zu überwinden."