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Nach Johnson-Verzicht Neuer britischer Premier: Alles spricht für Rishi Sunak, doch Penny Mordaunt kämpft um eine Stichwahl

Rishi Sunak im weißen Hemd
Rishi Sunak sind Tory-Vorsitz und Amts des Premierministers kaum noch zu nehmen. Er wäre der erste britische Premier, der einer ethnischen Minderheit im Vereinigten Königreich angehört.
© Daniel Leal / AFP
Die Frist läuft ab. Bis zum Nachmittag können Bewerber:innen um den Tory-Vorsitz und damit auch um das Amt des Premiers ins Rennen gehen. Der Verzicht von Boris Johnson hat den Weg für Rishi Sunak freigemacht. Doch noch kämpft eine Frau um eine Stichwahl.

Hat Großbritannien am Ende des Tages einen neuen Premier? Boris Johnsons Rückzieher im Rennen um das Amt des Regierungschefs hat Rishi Sunaks Chancen auf einen Einzug in die Downing Street deutlich erhöht. Für den Ex-Finanzminister haben sich nach Zählung der BBC bereits mehr als 155 Parlamentarier öffentlich ausgesprochen. Noch hat er keinen Gegenkandidaten, doch die Ministerin für Parlamentsfragen, Penny Mordaunt, arbeitet daran, dass es zu einer Stichwahl um die hohen Ämter kommt – angeblich nähert sie sich der nötigen Marke von 100 Unterstützern, hieß es aus ihrem Umfeld.

Bleibt Sunak der einzige Kandidat im Wettstreit um die Nachfolge der scheidenden Premierministerin Liz Truss, der den nötigen Rückhalt erreicht – und danach sieht es im Moment aus –, wird er noch am Abend umgehend Parteichef und Premierminister. Er wolle das Land mit "Integrität und Professionalität" durch die Krise führen, schrieb Sunak auf Twitter, als er am Sonntag seine Kandidatur offiziell machte.

Prominente Johnson-Unterstützer wechseln zu Rishi Sunak

Bis zum Nachmittag (15 Uhr MESZ) können Kandidaten noch ins Rennen gehen. Chancen auf das Amt hat jedoch nur, wer den Rückhalt von 100 Abgeordneten der Tory-Fraktion für sich beanspruchen kann. Die neben Sunak noch kandidierende Penny Mordaunt konnte bis zum Sonntagabend weniger als 30 Abgeordnete für ihre Seite verbuchen. Dass sich noch genügend Abgeordnete für Mordaunt entscheiden, gilt als eher unwahrscheinlich – zumal am Vormittag prominente Johnson-Unterstützer wie Außenminister James Cleverly, Ex-Innenministerin Priti Patel und Ex-Minister Nahim Zahawi ins Sunak-Lager wechselten. Sollte Penny Mordaunt dennoch genügend Unterstützer zusammenbekommen, würde zunächst die Fraktion zwischen den beiden abstimmen. Wollen danach noch beide Finalisten weiter im Rennen bleiben, hätte die Parteibasis das Wort.

Über das Wochenende hatte sich zunächst ein Duell zwischen Sunak und Ex-Premier Johnson abgezeichnet, der sich nach Truss' Rücktritt nach sechs beispiellos chaotischen Wochen im Amt schnell für ein Comeback ins Gespräch brachte. Der 58-Jährige hatte am Wochenende seinen Familienurlaub in der Karibik abgebrochen und alle Hebel für die Operation "Bring Back Boris" in Bewegung gesetzt. Zwar bestätigte er bis zuletzt nicht offiziell seine Kandidatur, ließ jedoch Unterstützer Gerüchte streuen und die Spekulationen heiß laufen.

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Boris Johnson bläst Operation "Bring Back Boris" ab

Am Sonntagabend dann die Kehrtwende: "Ich hätte gute Chancen auf Erfolg in der Parteibasis und könnte womöglich am Freitag zurück in der Downing Street sei", schrieb Johnson. Er habe den Rückhalt von 102 Abgeordneten und könne damit eine Bewerbung einreichen. Diese Zahl konnte von britischen Medien nicht verifiziert werden. Deutlich weniger Unterstützer hatten sich öffentlich für Johnson ausgesprochen.

Dennoch sei er zu dem Schluss gekommen, dass dies nicht der richtige Weg sei, schrieb Johnson weiter. "Man kann nicht effektiv regieren, wenn man keine geeinte Partei im Parlament hat." Leider sei auch keine Einigung mit seinen Rivalen Sunak oder Mordaunt zustande gekommen. "Ich glaube, dass ich viel zu bieten habe, aber leider ist dies wohl nicht die richtige Zeit."

Johnson-Comeback hätte Partei ins Chaos gestürzt

Ein Comeback Johnsons hätte das Potenzial gehabt, die tief gespaltenen Konservativen noch tiefer ins Chaos zu stürzen: Mehrere Abgeordnete hatten für diesen Fall gedroht, Johnson die Gefolgschaft als Premier zu verweigern oder gar die Partei zu verlassen. Über dem Skandalpolitiker schwebt noch immer eine Untersuchung, ob er in der "Partygate"-Affäre das Parlament belogen hat – was als politisches K.-o.-Kriterium gelten würde. Der einflussreiche Brexiteer Steve Baker bezeichnete deshalb ein Comeback als "garantiertes Desaster".

Sunak kann sich indes als Kandidat inszenieren, der in der Lage ist, die Partei zu vereinen. Am Wochenende stellten sich auch Handelsministerin Kemi Badenoch und Ex-Innenministerin Suella Braverman vom rechten Rand der Partei hinter ihn. Zugute kommt dem 42-Jährigen, dass er im vergangenen Wahlkampf um die Parteiführung vor exakt jenem Finanzchaos gewarnt hatte, das Truss mit ihrer Wirtschaftspolitik anrichtete. Als Sohn indischer Einwanderer wäre der in Southampton geborene Sunak der erste britische Regierungschef, der einer ethnischen Minderheit in Großbritannien angehört.

Rishi Sunak – nächster nicht gewählter Tory-Premier

Nach den überraschenden Neuigkeiten am Sonntagabend gab sich Sunak bescheiden. Man nehme nichts als selbstverständlich hin, hieß es aus seinem Lager. Auf Twitter schrieb er, man werde Johnson immer dankbar sein, unter anderem dafür, dass er den Brexit vollzogen habe. Sunak hatte mit seinem Rücktritt als Finanzminister aus Johnsons Kabinett im Sommer maßgeblich dazu beigetragen, den damaligen Premier zu Fall zu bringen. Das Verhältnis der Männer galt schon zuvor als angespannt, seitdem als zerrüttet.

In den Oppositionsparteien und in großen Teilen der Öffentlichkeit herrscht unterdessen Frustration darüber, dass erneut die Tory-Partei allein darüber entscheiden wird, wer das Land in Zukunft regiert. "Die Tories sind kurz davor, Rishi Sunak die Schlüssel für die Downing Street zu überreichen, ohne dass dieser ein einziges Wort dazu gesagt hat, wie er regieren will. Niemand hat das gewählt", sagte die Vize-Chefin der Labour-Partei, Angela Rayner. Wie auch die anderen Oppositionsparteien fordert Labour eine sofortige Neuwahl.

dho DPA AFP

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