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Anti-Drogen-Krieg der Philippinen: "Ich bringe euch echt alle um"

Die Zahl getöteter Drogendealer auf den Philippinen ist drastisch gestiegen - zum Entsetzen von Menschenrechtlern. Der umstrittene Präsident Rodrigo Duterte bläst zur Menschenjagd - und muntert das Volk zur Selbstjustiz auf.

Krieg gegen Drogendealer

Ein Bild geht um die Welt: Ein mutmaßlicher Drogendealer liegt tot in den Armen seiner Freundin.

Kaum ein Bild verdeutlicht den Krieg gegen die Drogen auf den Philippinen so drastisch: Eine Frau hält ihren Freund in den Armen - er wurde auf offener Straße erschossen. Neben ihm liegt ein Schild mit den Worten "I’m a Pusher", was so viel heißt wie "Ich bin ein Dealer". Es gab keine Anklage gegen den Mann, keinen Prozess. Eine Kugel beendete sein Leben. Seit dem Amtsantritt des umstrittenen Präsidenten Rodrigo Duterte ist die Zahl getöteter mutmaßlicher Drogendealer drastisch gestiegen - ganz wie es Duterte in seinem Wahlkampf immer wieder versprochen hatte. Erst am Freitag betonte Duterte erneut mit drastischen Worten seine Warnung an Dealer: "Ihr Hurensöhne, ich bringe euch echt alle um". Eine große Mehrheit der Philippiner hat Duterte gewählt - gerade weil er versprach, mit aller Härte gegen Kriminelle vorzugehen. Und genau dies scheint nun zu geschehen.

Die trauernde Frau auf dem Foto gab an, ihr Freund sei ein einfacher Rikscha-Fahrer gewesen. Als Duterte mit der Aufnahme konfrontiert wird, die seinen erbarmungslosen Kampf gegen die Dealer so verdeutlicht, ist von Mitleid keine Spur: "Wenn man nicht sterben will, sollte man seine Hoffnungen nicht in Priester oder Menschenrechte setzten. Diese können den Tod nicht aufhalten. (…) Dann endest du ausgestreckt auf dem Boden und du füllst die Titelseiten der Zeitungen, wie Maria die den toten Körper von Jesus Christus hält. Tja, das ist schon sehr dramatisch", zitiert ihn die "New York Times".

465 mutmaßliche Rauschgifthändler umgebracht 

Es ist nur eines von hunderten Schicksalen, bei denen mit mutmaßlichen Drogendealern kurzer Prozess gemacht wurde. Acht Wochen ist Rodrigo Duterte nun auf den Philippinen an der Macht, und schon jetzt hinterlässt seine Amtszeit eine Blutspur quer durchs Land. Wie mehrere Medien berichten, sind in den letzten zwei Monaten 465 mutmaßliche Rauschgifthändler umgebracht worden. Zwischen Januar und Juni waren es nach Polizeiangaben 68.

Doch es scheint so, als wären die zahlreichen Morde der vergangenen Monate nur der Auftakt von Dutertes erbarmungsloser Verfolgungskampagne. Über die Selbstjustiz, die auf den Philippinen um sich greift, sind Menschenrechtler weltweit alarmiert. Sie werfen Duterte vor, Todesschwadronen zu dulden. Auch in Davao, wo Duterte vor Amtsantritt Jahrzehnte lang Bürgermeister war, wurden mehr als 1000 Kleinkriminelle auf offener Straße oder in ihren Hütten ermordet. Die Täter entkamen immer. Familien und Augenzeugen trauten sich selten, Aussagen zu machen.

"Wir erfahren nicht, wer hinter den Tötungen steckt"

In einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" (SZ) warnt die philippinische Juristin Josalee Neidl vor einer Spirale der Gewalt durch Selbstjustiz und Vergeltungsmorde: "Wir erfahren nicht, wer hinter solchen Tötungen steckt". Es dränge sich der Eindruck auf, "dass viele der jüngsten Einsätze weniger darauf gerichtet sind, jemanden festzunehmen als ihn gleich vor Ort zu erschießen", so Neidl zur SZ.

Es scheint, als sei niemand vor der Rache des Präsidenten sicher - schon gar nicht in den eigenen Reihen: "Wenn ihr Ämter bekleidet, Soldaten, Polizisten oder Bürgermeister seid, seid ihr als erstes dran", warnt Duterte. Fünf ranghohe Polizeioffiziere hat er bereits des Drogenhandels bezichtigt, drei davon noch in Amt und Würden. Sie haben sich den Ermittlungen gestellt. Duterte habe dutzende weitere Würdenträger auf seinen Listen, sagte sein Sprecher. Die Namen werde er in Kürze veröffentlichen. 

Gnadenloser Kampf gegen Kriminelle: Vorhof zur Hölle - erschütternde Bilder aus einem philippinischen Knast
Die Häftlinge in dem Quezon-Gefängnis in Manila schlafen dicht gedrängt in einem Treppenaufgang, weil sonst nirgendwo mehr Platz ist. Die Bedingungen für die 3800 Insassen sind absolut menschenunwürdig. Gebaut wurde der Knast für 800 Personen.

Die Häftlinge in dem Quezon-Gefängnis in Manila schlafen dicht gedrängt in einem Treppenaufgang, weil sonst nirgendwo mehr Platz ist. Die Bedingungen für die 3800 Insassen sind absolut menschenunwürdig. Gebaut wurde der Knast für 800 Personen.


Wie die Nachrichtenagentur DPA berichtet, meldete sich am Dienstag ein untergetauchter Bürgermeister unter Dealerverdacht bei der Polizei. Ihm hatte Duterte ein Ultimatum gestellt. Wenn er sich nicht innerhalb von 24 Stunden stelle, habe die Polizei Schießbefehl, sollte er sich einer Festnahme widersetzen. Kurz darauf ergab sich der flüchtige Bürgermeister. Sechs Begleiter des Bürgermeisters wurden bei einer Schießerei mit der Polizei in der Nacht zum Mittwoch getötet. Der Sohn des Bürgermeisters, der ebenfalls unter Verdacht steht, mit Drogen zu handeln, befindet sich weiterhin auf der Flucht.

Der philippinische Polizeichef Ronald de la Rosa rief den Sohn des Bürgermeisters auf, sich zu ergeben. "Wenn du nicht aufgibst, wirst du sterben, also ergib dich lieber, denn dein Leben ist wirklich in Gefahr". Die Lage auf den Philippinen gleicht einer Menschenjagd, die sich womöglich erst in ihrer düsteren Anfangsphase befindet.

"Tut es selbst, wenn ihr eine Waffe habt"

Wiederholt hat Duterte betont, dass die Bürger der Philippinen während seiner Präsidentschaft das Ende von Kriminalität erleben werden. Und offenbar hat Duterte auch nichts dagegen, wenn die Bürger gleich selbst zum Richter werden. In einer Rede ans Volk sagte Duterte, "Wenn ein Krimineller kämpft, und das bis zum Tod, dürft ihr ihn töten (…) Bitte zögert nicht uns anzurufen, oder die Polizei, oder tut es selbst, wenn ihr eine Waffe habt … ihr habt meine Unterstützung." Die Nation befände sich schließlich im Krieg, nicht in einer Krise.

Besonders makaber an der derzeitigen Situation: Trotz Dutertes unmissverständlichen Worten, auf die immer mehr grausame Taten folgen, gibt man sich von offizieller Seite diplomatisch: "Die philippinische Nationalpolizei billigt keine Selbstjustiz. Ich persönlich werde aufmerksam gegen Selbstjustiz vorgehen", so Polizeichef de la Rosa, der gerade erst mutmaßlichen Dealern offen mit dem Tode drohte.

mit Agenturen