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Russland: Minus 51°

Hier gefriert das Benzin, und die Milch liegt als Scheibe im Keller. 2300 Menschen leben in Ojmjakon im Nordosten Russlands. Und mehr denn je sehen sie ihre Heimat als das Ende der Welt. Ein Besuch in der Kälte.

Von Andreas Albes

Wenn die Eisangler von Ojmjakon einen Fisch aus dem Wasser ziehen, ist er binnen 30 Sekunden stocksteif gefroren. Milch wird hier nur in marmorfarbenen Eisblöcken verkauft. Ab 52 Grad minus gibt es an der Schule kältefrei, und das größte Ereignis des Jahres ist das Kältepol-Festival. Dann lädt Dschis Chan, der Herr über den jakutischen Winter, verkörpert vom Sportlehrer des Ortes, seine Kollegen Väterchen Frost aus Moskau und Santa Claus aus Finnland ein, zu Rentierkoteletts und sehr viel Wodka. Beim letzten Mal hätte Santa Claus die Party fast geschmissen, weil er gegen die Kälte in 48 Stunden gleich zehn Flaschen leerte. Ojmjakon ist der Kältepol der Erde, dort herrschte 1926 die niedrigste Temperatur, die jemals in bewohntem Gebiet gemessen wurde: 71,2 Grad unter dem Gefrierpunkt. Ojmjakon liegt auf einer Hochebene 750 Meter über dem Meeresspiegel im Nordosten Russlands. Der Winter dauert mindestens neun Monate.

Um an diesen unwirtlichen Ort zu gelangen, stehen wir bei 34 Grad minus in Jakutsk am Flughafen und warten darauf, dass sich die zugefrorene Flugzeugtür endlich öffnet. An Bord der Propellermaschine mit hellblauen Gardinen an den Fenstern tragen die Passagiere Stiefel aus Rentierfell. Die Stewardess verteilt die Tageszeitung. Irgendwo in den Bergen hat sich ein Rentierzüchter, der sich beim Sturz vom Pferd schwer verletzte und wochenlang auf Hilfe warten musste, mit einem Jagdmesser selbst die erfrorenen Zehen amputiert - und überlebt. Das Foto zeigt einen typischen Einheimischen, klein und drahtig, das Gesicht blass, mit runden Wangen, flacher Nase und Augen, die sich hinter winzigen Schlitzen verbergen.

Die Kuh kommt fast nie vom Eis

Als wir nach zweieinhalb Stunden in Ust-Nera, einem Goldgräbernest, landen, herrschen bereits minus 42 Grad. Es ist kurz nach 15 Uhr, Sonnenuntergang. Weiter geht es mit einem Kleinbus, seine mit Klebeband angebrachten Doppelscheiben verhindern, dass sich im Inneren eine dicke Eisschicht bildet. Als Wladimir Putin die Region besuchte, warnte die örtliche Regierung davor, einen Dienst-Mercedes ohne Doppelscheiben einzufliegen. Der Kreml ignorierte die Empfehlung. Und so kam der Präsidentenwagen gerade bis zur ersten Reklametafel hinterm Flughafen.

Unser Fahrer Kolja hat einen dünnen Dschingis-Khan-Bart. Nach vier Stunden durch Schlaglöcher und über zugefrorene Flüsse kündigt er an, dass es mit dem guten Zustand der Straße nun vorbei sei. Weiter geht es auf der Kolyma-Trasse, jener Straße, die Stalin von Strafgefangenen bauen ließ, um Jakutiens Bodenschätze, vor allem Gold, ausbeuten zu können. Alle 30 Kilometer stand hier ein Gulag. Die meisten Häftlinge starben nach drei Monaten. Sie wurden einfach unter der Fahrbahn verscharrt. Hier liege alle vier Meter ein Toter, erklärt Kolja. Man nennt die Kolyma-Trasse deshalb auch Straße der Knochen.

Ojmjakon erreichen wir gegen drei Uhr morgens. 51 Grad minus. Ab 45 Grad gefriert Benzin, darum stellt Kolja den Motor unseres Busses nie aus. Die Kälte brennt, als hätte man sich eine Durchblutungssalbe ins Gesicht geschmiert, der erste Atemzug lässt einem fast die Lunge platzen, die Nase ist nach einer halben Minute taub. Kolja versichert, das sei noch gar nichts. Ab minus 64 Grad könne man den Atem gefrieren hören, da fühle sich jeder Knochen im Leib gefroren an, und Spucke würde als Eis auf dem Boden aufschlagen. Da könne einen kein Kleidungsstück der Welt länger als 15 Minuten warm halten. Das extreme Klima verdankt Ojmjakon den Bergketten, die es umschließen und die verhindern, dass die schweren kalten Luftmassen hinausgeweht werden. Wie Blei liegen sie auf dem Tal. Hier ist es zwölf Monate im Jahr absolut windstill. Das macht die Kälte relativ erträglich und lässt die Temperatur im Sommer auf bis zu 35 Grad plus steigen.

2300 Einwohner leben fast wie vor 100 Jahren

Auch nach Tagesanbruch sind keine Menschen auf der Straße. Kerzengerade stehen die Rauchsäulen über den Häusern am wolkenlosen Himmel, die Satellitenschüsseln lassen ahnen, was die meisten Bewohner so treiben. Insgesamt 2300 Einwohner leben hier, der größte Teil - vom Fernsehen abgesehen - wie vor 100 Jahren. Statt Spültoiletten in den Häusern stehen unbeheizte Holzbaracken in den Gärten, Eisblöcke vor der Tür ersetzen fließend Wasser. Ein paar haben Telefon, wer es sich leisten kann, besitzt ein Funkgerät.

"Der mieseste Job ist Pferdezüchter", sagt Fjodor. Er ist einer von ihnen. Den Körper in mehreren Schichten Hosen und Jacken versteckt, eine riesige Mütze aus Fuchsfell auf dem Kopf, steht er auf einer Wiese am Ortsrand und sieht aus wie eine Mischung aus Yeti und Astronaut. Pferdezüchter, erklärt er, seien den ganzen Tag im Freien, weil die berühmten jakutischen Wildpferde, die sich in der Steppe von Ojmjakon besonders wohlfühlen, jeden Stall verachten. Sie fressen Schnee und das darunterliegende Gras.

Zwar sehen die Tiere ganz harmlos aus, mit ihren kurzen Beinen und dem zotteligen Fell, aber sie lassen sich nur widerwillig zähmen. Beim Versuch, die Herde zusammenzutreiben, wird Fjodor zweimal von seinem Hengst abgeworfen. Zappelnd liegt er auf dem Rücken, er kann sich in den dicken Klamotten kaum aufrichten. Wildpferde aus Ojmjakon wurden schon bei Polarexpeditionen eingesetzt, weil sie so widerstandsfähig sind. Fjodor schlachtet sie lieber, denn ihr fettes Fleisch ist vitaminreich und gilt als Delikatesse.

Im Winter geben die Kühe keine Milch

Die meisten Ojmjakoner leben von Zobel- und Hasenjagd oder züchten Kühe und Rentiere. Die einzige Industrie besteht aus einer kleinen Milchfabrik, die ab Oktober den Dienst einstellt. Im Winter ist es den Kühen zu kalt, da geben sie keine Milch, und die Bauern verpacken die Euter der Tiere in Fellsäckchen, damit sie sich nicht verkühlen. Die Milch verdirbt ohnehin nicht, sie lagert gefroren in Kellern etwa einen Meter unter der Erde, wo das ganze Jahr konstant 10 bis 15 Grad minus herrschen.

Jakutien besteht aus Permafrostboden, der nur von Juni bis August an der Oberfläche zu einer schlammigen Schicht auftaut - sie macht das Verlegen von Eisenbahngleisen nahezu unmöglich. Größere Betongebäude müssen auf Stelzen gebaut werden, die metertief in die Erde gerammt werden, damit sie nicht versinken. Aber in Ojmjakon gibt es ohnehin fast nur Holzhütten. Der Boden ist äußerst fruchtbar, sodass die Natur im Sommer förmlich explodiert. Doch der Schlamm beherbergt auch Millionen von Mückenlarven.

Zu Sowjetzeiten war das Tal berühmt dafür, dass dort ein paar der ältesten Menschen des Landes lebten. Der älteste war Fjodor Amosow, ein Jäger, der 1967 im Alter von 109 Jahren starb. Dr. Innokenti Nowgorodow von der kleinen Poliklinik erzählt, dass hier früher nur die stärksten und gesündesten Kinder überlebt hätten. Die Säuglingssterblichkeit war enorm, Frauen brachten bis zu 18 Kinder zur Welt. Außerdem hätten die Leute keinen Alkohol getrunken, weil es keinen Supermarkt gab, der Wodka verkaufte, und nicht ständig vor dem Fernseher gesessen.

Unter dem weißen Kittel trägt Dr. Nowgorodow dicke Filzstiefel, die Finger zittern ein wenig. Er ist 71. Die Sanitäterin, mit der er zusammenarbeitet, ist 72. Vor Jahrzehnten habe ihn die Partei nach Ojmjakon abkommandiert, erinnert er sich ohne Bedauern, aber das ginge ja heute nicht mehr, deshalb sei es schwer, Nachwuchs zu finden. Andererseits könne man für die Patienten ja doch nichts tun. Das kleine Krankenhaus mit den hellblauen Wänden ist zwar auf Hochglanz gewienert, aber es fehlen Medikamente, vor allem Antibiotika, es gibt weder einen Operationssaal noch ein Röntgengerät. In den elf Betten liegen vor allem Krebspatienten, denen man anderswo nicht mehr helfen konnte - oder wollte.

Das einzelne Leben zählt nicht viel

Neulich, erzählt Nowgorodow, habe er eine 37-jährige Frau mit Leberkrebs im Kleinbus nach Ust-Nera bringen lassen, dort meinten die Ärzte, sie müsse ins Zentralkrankenhaus nach Jakutsk. Doch anstatt sie ins Flugzeug zu setzen, habe man sie wieder nach Ojmjakon geschickt. Von dort sei der Kleinbus dann auf direktem Weg nach Jakutsk aufgebrochen, eine Reise von 35 Stunden. Die Frau starb auf der Fahrt. Nowgorodow zuckt die Achseln. In der Weite Sibiriens zähle ein einzelnes Leben eben nicht viel.

Jakutien ist der Fläche nach die größte russische Republik: drei Millionen Quadratkilometer, neunmal Deutschland. Es ist außerdem eines der reichsten Gebiete der Erde. Hier lagern Platin, Silber, Uran, Erze, Kohle, Öl, Gas. In Jakutien werden 40 Prozent des russischen Goldes gefördert und jeder fünfte Diamant der Welt. Doch die 950.000 Bewohner (0,31 pro Quadratkilometer) leben meist knapp über dem Existenzminimum, aller Reichtum wandert nach Moskau.

Die Jakuten sind ein Turkvolk, das bis heute seine eigene Sprache spricht. Sie besiedelten Sibirien im 14. Jahrhundert vom Baikal aus und wurden dann von den Russen immer weiter in den Norden verdrängt. So kamen sie 1640 bis nach Ojmjakon. Das Tal schien ideal, um sich niederzulassen, da der Fluss Indigirka wegen seiner hohen Strömungsgeschwindigkeit auch beim härtesten Frost nicht zufriert. Im Zweiten Weltkrieg erlangte Ojmjakon sogar strategische Bedeutung, denn hier tankten amerikanische Bomber auf, die Deutschland von Osten her angriffen. Seit dem Ende der Sowjetzeit ist der Flugplatz dem Verfall ausgeliefert.

Die meisten Verbrechen passierten in Verbindung mit Alkohol

In der Dienststelle der Miliz sitzt Leutnant Smirnow unter einem Porträt Josef Stalins in Öl. Smirnow ist einer der drei Polizisten des Ortes. Er wurde hier vor 32 Jahren geboren. "Ojmjakon hat Stalin viel zu verdanken", sagt er. Ohne ihn hätte es die Kolyma-Trasse nie gegeben, der Ort wäre wahrscheinlich bis heute von der Außenwelt abgeschnitten. So würden viele hier denken, selbst wenn sie Angehörige in den Gulags verloren hätten.

Smirnows Schlagstock baumelt am Garderobenhaken. Er kann sich nicht erinnern, wann er ihn das letzte Mal benutzt hat. Die meisten Verbrechen passierten in Verbindung mit Alkohol, alle paar Jahre auch mal ein Totschlag. Anstrengend seien die Nachbarinnen. die sich ständig anzeigten, wenn etwa die Kuh der einen die Wäsche der anderen von der Leine frisst. Unfälle gebe es Gott sei Dank selten. Vor nicht allzu langer Zeit sei ein Landwirt auf der Straße gestürzt und habe die nahende Rentierherde nicht bemerkt. Von der wurde er überrannt.

Wie überall in der russischen Provinz hört man auch hier häufig den Satz: In der Sowjetunion war alles besser. Tatsächlich gab es zweimal die Woche Hubschrauberflüge nach Jakutsk und sogar ein Kino. Niemanden zog es in die Ferne, weil man ja ahnte, dass es anderswo auch nicht besser war. Jetzt sieht jeder im Fernsehen das Leben von Moskau bis Malibu und versteht, dass Ojmjakon nicht nur Provinz ist, sondern wirklich das Ende der Welt.

Die Schule hatte bis zum vergangenen Jahr nicht mal eine funktionierende Heizung, die Kinder saßen mit Mantel im Unterricht. 300 sind es, gegen Ende der Sowjetzeit waren es noch 400. Die Jugendlichen träumen von einem Café, von Handys, einem Internetklub oder hätten wenigstens gern, dass die Schuldisco wieder den Dienst aufnimmt, aber leider ist die Stereoanlage schon seit Jahren kaputt. Wenigstens organisiert das Haus der Kultur einmal die Woche Tanzabende mit Musik von Boney M. und Dieter Bohlen oder, wie an diesem Samstag, ein Maultrommelkonzert mit Gesangswettbewerb.

Der fensterlose Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Unter den Pelzmänteln kommen kurze Röcke und auch mal ein bauchfreies T-Shirt zum Vorschein. Die Rentierstiefel werden gegen hohe Absätze eingetauscht, die Männer tragen Krawatte. Die Jungen sind voller Optimismus, alle planen eine Karriere als Anwalt, Arzt oder Manager. Andererseits, sagt die 16-jährige Saina, sollten Frauen mit spätestens 24 geheiratet haben, Kinder bekommen und nach Ojmjakon zurückkehren.

Miss Kältepol soll Touristen anlocken

Als Hoffnungsträger des Ortes gilt ein Mann, den die Einheimischen stolz ihren "Oligarchen" nennen. Alexander Krylow, 33, groß, schlank, wurde als Sohn einer Ärztin in Ojmjakon geboren, machte in Jakutsk als Baustoffhändler ein kleines Vermögen und kehrte zurück. Er hat sechs Kinder von drei Frauen und eine Vision: den Tourismus herzuholen. Dazu hat er das Kältepol-Festival ins Leben gerufen und die Wahl zur Miss Kältepol. Außerdem baute er das erste Hotel mit fließend Warmwasser in jedem der zehn Zimmer.

Und tatsächlich, es kamen Touristen. Elke und Ilse zum Beispiel, zwei Rentnerinnen aus Berlin, über die jeder im Tal noch heute spricht, weil man Vegetarier bis dahin nur aus dem Fernsehen kannte. Oder der Hollywood-Schauspieler Ewan McGregor auf seinem Motorrad, allerdings im Sommer. Vergangenen Februar verschlug es gar einen leibhaftigen Scheich nach Ojmjakon. Er stapfte im weißen Gewand durch den Schnee und bestand bei der Gemeindeverwaltung auf einem Stempel im Pass, als Beweis, dass er wirklich am Kältepol war. Etwas naserümpfend betrachtete seine Durchlaucht, Besitzer edelster Vollblüter, die zotteligen Wildpferde mit ihren kurzen Beinen. Wie dicke Esel würden die ja aussehen. Als man ihm jedoch erklärte, dass diese Pferde schon auf Nordpolexpedition waren, entschloss er sich, eines zum Preis von 1000 Dollar zu kaufen. Er begutachtete die alte Landebahn aus dem Zweiten Weltkrieg und kündigte an, bald ein Flugzeug zu schicken, um das Tier abzuholen. Seitdem wartet man in Ojmjakon auf den ersten Privatjet aus Dubai.

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