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Truppenaufmarsch Russland verlegt Luftabwehrsysteme an Ukraine-Grenze – für Militär-Experten ein Alarmsignal

Ein Buk-Luftabwehrsystem bei einer Ausstellung. Ähnliche Waffen verlegt Russland jetzt offenbar an die Grenze zu Ukraine. 
Ein Buk-Luftabwehrsystem bei einer Ausstellung. Ähnliche Waffen verlegt Russland jetzt offenbar an die Grenze zu Ukraine. 
© Alexey Kudenko / Picture Alliance
Plant Russland einen Einmarsch in die Ukraine? Westliche Geheimdienste vermuteten bislang ein erneutes Muskelspiel Putins hinter den Truppenverlegungen. Doch nun nimmt die Situation eine ernsthafte Wendung. 

Zwischen 75.000 und 100.000 Soldaten hat Russland nach Erkenntnissen der Nato an der Grenze zur Ukraine zusammengezogen. US-Geheimdienste sprechen von 100 taktischen Bataillonen sowie schweren Panzern und Artillerie, die bereits verlegt worden sind. Die Entwicklungen schüren die Befürchtung vor einem offenen, direkten und nicht mehr nur verkappt "hybriden" militärischen Zusammenstoß zwischen Russland und der Ukraine und wecken Erinnerungen an 2014. Damals hatte sich Russland nach dem Umsturz in der Ukraine die Halbinsel Krim einverleibt und in der Ostukraine Separatistenbewegungen organisiert und unterstützt — bis heute hält Moskau die Hand über die selbstproklamierten separatistischen Republiken im Osten der Ukraine. 

Ein Gespräch zwischen Wladimir Putin und Joe Biden sollte Entspannung in die Situation bringen und für Aufklärung sorgen. Zwei Stunden konferierten am vergangenen Montag die beiden Staatschefs per Video. Das Ergebnis war keine Sensation. Die Positionen bleiben dieselben: Der russische Präsident fordert Garantien, dass die Nato nicht nach Osten expandiert und die Ukraine nicht zum Sprungbrett für den Einsatz westlicher Angriffswaffensysteme wird. Biden wiederum warnt Putin vor einer Invasion in die Ukraine und droht ihm mit beispiellos harten Sanktionen.

Doch Putin scheint gewillt, das Spiel zur nächsten Eskalationsstufe zu treiben. Anstatt Truppen von der Grenze abzuziehen, scheint er die Konzentration der Militärkräfte weiter vorantreiben zu wollen. In den sozialen Netzwerken sind nun Videos aufgetaucht, die auf Züge verladene Luftabwehrsysteme des Typs Buk-M1 samt zugehöriger Ausrüstung auf einem Rangierbahnhof nahe der Grenze zur Ukraine zeigen. Aus solch einem System wurde 2014 die malaiische Passagiermaschine MH17 abgeschossen. 

Die Aufnahmen, die nun kursieren, sind auf den 6. Dezember datiert. Laut dem Tracking-Dienst gdevagon.ru befinden sich die Züge aber immer noch auf dem Bahnhof in der Nähe des Truppenübungsplatzes Pogonowo bei Woronesch. Bislang hat das Gespräch mit dem amerikanischen Präsidenten also nicht zum Abzug der russischen Truppen geführt. 

Verlegung von Buk-Systemen 

Für den Militärexperten Konrad Muzyka, Analyst des unabhängigen Beratungsunternehmens für Luft- und Raumfahrt und Verteidigung Rohan Consulting, ist die Verlegung von Buk-Luftabwehrsystemen an die Grenze ein Warnsignal. Dadurch gewinne die aktuelle Situation einen anderen Charakter als die bisherigen Manöver, bei denen russische Militärkräfte im Rahmen von Muskelspielen nach Westen verlegt wurden. 

"Diese Buks gehören wahrscheinlich zur 49. Flugabwehrbrigade der 1. Garde-Panzerarmee. Der Nachweis ihrer Verlegung ist aus zwei Gründen wichtig", erklärte der polnische Militärexperte im Gespräch mit dem unabhängigen Sender "Radio Swoboda." "Erstens ist dies ein weiterer Beweis dafür, dass der Truppenübungsplatz Pogonowo als Sammelplatz dieser Armee ausgewählt wurde und mit dem baldigen Eintreffen weiterer Einheiten dieser Armee zu rechnen ist. Zweitens sind Buk-Systeme ein Mittel der Luftverteidigung, die auf der Ebene einer ganzen Armee zum Einsatz kommen: Sie dienen dazu, ihre Einheiten vor Bedrohungen aus der Luft zu schützen", so Muzyka. Für ihn ist dies ein Zeichen dafür, dass wahrscheinlich die gesamte 1. Garde-Panzerarmee in die Nähe von Woronesch verlegt wird — mit Buk-Systemen zu ihrem Schutz.

Operation gegen Ukraine seit März in Vorbereitung? 

Die neusten Aktivitäten des russischen Militärs passen für den Militär-Experten von Rohan Consulting – das sich auf die Beobachtung des russischen und belarussischen Militärs spezialisiert hat – in ein größeres Bild. Im vergangenen März und April hätte Moskau mit der Truppenverlegungen nach Westen womöglich den ersten Schritt eines großen Plans vollzogen. Damals habe das Vorgehen für Rätselraten gesorgt. Doch die Manöver im vergangenen August und September geben der Verlegung nach Ansicht von Muzyka einen Sinn. Laut dem russischen Verteidigungsministerium seien damals Operationen "in südwestlicher strategischer Richtung" geübt worden. "In südwestlicher Richtung liegt die Ukraine", hebt Muzyka hervor.

Für ihn stellen die Manöver des Spätsommers einen Schlüsselmoment dar. Dies sei womöglich der Zeitpunkt gewesen, als die Ausarbeitung einer Operation gegen die Ukraine begonnen habe. "Im März werden Truppen stationiert, im August-September wurden Manöver geübt, jetzt sind sie organisatorisch fertig. Und die dritte Phase könnte ein Angriff sein", erläutert der Militär-Analyst. "Aus meiner Sicht passt das alles perfekt in ein Bild."

Truppenverlegung im Dunkeln 

Was ihn ebenfalls beunruhigt ist die Heimlichtuerei, die derzeit von Moskau betrieben wird. Im Frühjahr seien die Truppenbewegungen "sehr auffällig" gewesen. "Sie fanden bei Tageslicht statt. Alles war ziemlich offensichtlich, wir hatten eine Reihe von Videos, die zeigten, wie militärisches Gerät auf die Krim oder in Richtung der Grenze zur Ukraine transportiert wurde", erklärt Muzyka. In diesem Winter beobachtet man hingegen ein anderes Vorgehen. "Nun finden die Verlegung in der Nacht statt." Dadurch sei es schwer zu ermitteln, welche Truppen verlegt werden. Auch die Nummern der Waggons und Züge seien schwer zu erkennen.

Darüber hinaus habe die Website gdevagon.ru (ein Dienst zur Verfolgung von Eisenbahnwaggons) vor einigen Wochen die Konten westlicher Analysten gesperrt, darunter auch das Konto von Muzyka. "Diese Site war ein sehr nützliches Werkzeug, um herauszufinden, woher und wohin ein bestimmter Zug oder Waggon fährt. Zusammengenommen machten diese beiden Faktoren die Verfolgung von Truppenbewegungen viel schwieriger."

EU droht mit Sanktionspaket: "Aggression muss ein Preisschild haben"

Bislang vermuteten westliche Geheimdienste, dass Russland mit den Truppenbewegungen in Richtung der Ukraine vor allem Zugeständnisse der Nato in umstrittenen politischen und militärischen Fragen erzwingen will. Es sehe so aus, als wenn Russland rechtlich verbindliche Zusicherungen wolle, dass die Ukraine niemals Nato-Mitglied werde, sagte ein ranghoher Nachrichtendienstvertreter kurz vor einem Außenministertreffen der G7-Staaten in Liverpool. Zudem wolle Russland, dass die Allianz von einer dauerhaften Stationierung von Truppen und Ausrüstung in der Ukraine absehe, jede militärische Unterstützung des Landes einstelle und keine Übungen mehr in der Nähe zu Russland durchführe.

Doch die EU nimmt die Truppenverlegungen zunehmend ernst und will Russland mit einem konkreten Sanktionspaket von einem befürchteten Angriff auf die Ukraine abhalten. "Aggression muss ein Preisschild haben", sagte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Freitag am Rande eines Treffens mit dem neuen deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) in Brüssel. "Deshalb werden wir diese Punkte vorweg in angemessener Form (...) nach Russland kommunizieren." Öffentlich darüber sprechen werde man allerdings nicht, ergänzte sie.

"Ich denke, Russland bereitet sich auf eine plötzliche Eventualität vor. Und diese Eventualität heißt Krieg"

Der Militär-Analyst Muzyka geht davon aus, dass Putin zu allem bereit ist. "Ich denke, Russland bereitet sich auf eine plötzliche Eventualität vor. Und diese Eventualität heißt Krieg", sagte er im Interview mit "Radio Swoboda". "Wurde eine politische Entscheidung bereits getroffen? Wahrscheinlich nicht" Aber er ist sich sicher, dass Putin diese Option mit dem russischen Verteidigungsminister schon besprochen hat. "Natürlich stellt sich immer die Frage, ob das nicht wieder ein bloßes Muskelspiel ist. Aber die Anstrengungen, die Russland seit etwa Mitte Oktober unternommen hat, sind enorm. Das ist ein gewaltiger Aufwand. In Kombination mit dem, was wir im März und April sowie im August gesehen haben, ist dies beispiellos. Wir haben solche Aktionen des russischen Militärs seit dem Kalten Krieg nicht mehr gesehen."

Manöver vor ukrainischen Häfen in Vorbereitung

Unterdessen nimmt Moskau offenbar ein weiteres Manöver in Angriff. Am vergangenen Freitag soll Russland für Militärübungen knapp 70 Prozent des Asowschen Meeres um die annektierte ukrainische Halbinsel Krim gesperrt haben. Die russische Flotte plane offenbar Schießübungen vor den ukrainischen Häfen Mariupol, Berdjansk und Henitschesk, teilten Kiews Seestreitkräfte mit. Eine Bestätigung der russischen Seite lag zunächst nicht vor.


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