HOME

Scheich Ahmed Jassin: Der Terror-Scheich

Der blinde und gelähmte Scheich Ahmed Jassin war der Begründer und geistliche Führer der radikalen Palästinenser-Organisation Hamas, die für zahlreiche Selbstmordattentate auf israelische Zivilisten verantwortlich ist.

Er war an den Rollstuhl gefesselt, schwerhörig und fast blind. Trotzdem galt er den Palästinensern als Autorität und der israelischen Regierung als hochgefährlich. Am Montag wurde Scheich Ahmed Jassin, Gründer und geistliches Oberhaupt der Hamas, von einem israelischen Kampfhubschrauber mit Raketen getötet.

Die Reaktionen auf seinen Tod machten die Bedeutung des in einfachen Verhältnissen in Gaza-Stadt lebenden Scheichs überdeutlich: Zehntausende Palästinenser strömten nach dem Luftangriff auf die Straßen, viele von ihnen unter Tränen. Die Hamas und andere Organisationen schworen blutige Rache. Der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon rechtfertigte den gezielten Angriff als Tötung eines "Erzterroristen".

Er wollte Israel vernichten

Tatsächlich machte Jassin aus seinem Ziel, den Staat Israel zu vernichten, keinen Hehl. An der direkten Planung von Anschlägen war der gelähmte Greis wohl nicht beteiligt, seine Hasstiraden gegen Israel blieben jedoch nicht ohne Wirkung. Nach dem Selbstmordanschlag einer zweifachen Mutter am Grenzübergang Eres im Januar erklärte er, der Heilige Krieg sei "eine Verpflichtung für alle Muslime, Männer und Frauen".

Trotz seiner Gebrechlichkeit und seiner hohen Stimme verfügte Jassin über ein geradezu bezwingendes Charisma. Seine Reden waren mit Koranversen gespickt, die wenigen Handbewegungen, zu denen er noch fähig war, setzte er äußerst wirkungsvoll ein. In den Augen vieler Palästinenser verkörperte er sowohl das Leid, das ihnen durch die israelische Besatzung zugefügt wurde, als auch den unbeugsamen Willen, trotz physischer Unterlegenheit dagegen anzugehen.

In diese Rolle wuchs Jassin während seiner langen Haft von 1989 bis 1997 hinein. Zwar saß der Hamas-Gründer schon seit einem Sportunfall in seiner Jugend im Rollstuhl, im Gefängnis kamen aber eine chronische Bronchitis sowie Augen- und Ohrenleiden hinzu. Jassins Gesundheitszustand verschlechterte sich so sehr, dass die israelische Regierung befürchtete, er könnte sterben - und dadurch in den Augen der Palästinenser endgültig zum Märtyrer werden. Im September 1997 wurde Jassin schließlich im Austausch gegen zwei israelische Geheimdienstmitarbeiter freigelassen.

Zehntausende feierten ihn

Im Fußballstadion von Gaza-Stadt hießen über 10.000 Palästinenser den "heiligen Krieger" und "Scheich der Intifada" willkommen. Trotz alter Rivalitäten schworen Jassin und der palästinensische Präsident Jassir Arafat sich öffentlich brüderliche Treue.

Doch nur ein Jahr später lehnte die Hamas das Angebot Arafats ab, sich an der Regierung der Autonomiegebiete zu beteiligen. Jassin kehrte zu diesem Zeitpunkt gerade von einer dreimonatigen Reise durch mehrere arabische Länder zurück, auf der er über 50 Millionen Dollar Spenden für seine Organisation eingetrieben haben soll. Mit diesen Geldern finanzierte die Hamas unter anderem den Aufbau eines sozialen Netzes, das ihr die Sympathie weiter Bevölkerungskreise sichert.

Auch Jassins asketischer Lebensstil verschaffte ihm unter den überwiegend armen Palästinensern große Achtung. Während die Mitglieder der palästinensischen Autonomiebehörde als korrupt gelten, lebte Jassin mit seiner Frau Halima bis zuletzt in einem einfachen Haus mit drei Zimmern. Dort hatte das Paar auch seine elf Kinder großgezogen. Seine Heimat nahe der Hafenstadt Aschkalon hatte Jassin schon 1948 wegen des israelischen Unabhängigkeitskriegs verlassen müssen. Nach eigenen Angaben war er damals zehn Jahre alt - seinem palästinensischen Pass zufolge wurde er allerdings schon 1929 geboren.

Jassin wurde für die Autonomiebehörde zu einem Problem

In seinen letzten Lebensjahren wurde Jassin auch für die Autonomiebehörde zu einem Problem. Die Beschränkung eines künftigen palästinensischen Staates auf Gazastreifen und Westjordanland schien ihm nur akzeptabel, um auf dieser Basis Israel zu zerstören, wie er mehrfach erklärte. Einen Waffenstillstand mit Jerusalem lehnte er strikt ab. Dabei hatte sich Jassin erst vergleichsweise spät dem bewaffneten Kampf angeschlossen: Als er 1987 die Hamas gründete, kämpfte Arafats Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) schon seit Jahrzehnten gegen Israel.

Spätestens während der Nahost-Friedensverhandlungen von Oslo kehrten sich die Verhältnisse jedoch um. Arafat saß am Verhandlungstisch, die Hamas versuchte seine Bemühungen mit einer Serie von Selbstmordanschlägen zu untergraben. Allein seit Beginn der zweiten Intifada im September 2000 haben Bombenanschläge der Hamas und anderer Gruppen über 450 Menschen das Leben gekostet. Israel reagierte mit gezielten Luftangriffen auf militante Palästinenserführer. Noch im September 2003 entging Jassin haarscharf einem Luftangriff auf ein Treffen der Hamas-Führung. Trotzdem versteckte er sich nicht. Am Montag wurde er nach dem Morgengebet, nur wenige hundert Meter von seinem Haus entfernt, getötet.

Ravi Nessman / DPA