HOME

Gaza: Israel tötet Hamas-Führer

Am frühen Morgen wurde der Führer der Hamas-Organisation, Scheich Ahmed Jassin, bei einem gezielten Luftangriff in Gaza getötet. Israel habe "unseren Bin Laden liquidiert", hieß es. Die Palästinenser schwören blutige Rache.

Im Nahen Osten droht eine dramatische Eskalation der Gewalt: In den frühen Morgenstunden wurde der geistliche Führer und Gründer der Hamas-Organisation, Scheich Ahmed Jassin, bei einem israelischen Luftangriff in Gaza getötet. Hamas drohte Israel umgehend blutige Rache an. Israel, das Jassin für zahlreiche Terroranschläge verantwortlich gemacht hat, riegelte die Grenzen zum Gazastreifen und zum Westjordanland ab. Landesweit wurde höchste Alarmbereitschaft ausgerufen. Tausende Polizisten wurden in den großen Stadtzentren und an zentralen Straßen positioniert, wie israelische Medien berichteten.

Hunderttausende bei Trauerprozession

Mehrere hunderttausend Palästinenser haben an einer Trauerprozession für den einflussreichen Hamas-Gründer Scheich Ahmed Jassin teilgenommen. Die Menge geleitete die in grüne Hamas-Flaggen gehüllten Särge des Scheichs sowie weiterer Anschlagsopfer durch die Straßen der Stadt.

Bei den Palästinensern löste der Angriff äußerste Wut und Empörung aus. Präsident Jassir Arafat rief drei Tage Trauer aus und sprach von einem "Verbrechen", mit dem Israel alle Grenzen überschritten habe. Ein Hamas-Führer sagte nach dem Angriff, Israel führe "Krieg gegen den Islam selbst" und forderte die arabische Welt dazu auf, Israel anzugreifen.

"Tod den Söhnen Sions"

Auch die mit der Hamas rivalisierenden Al-Aksa-Märtyrer-Brigaden kündigten Rache an. "Tod den Söhnen Sions. Die Vergeltung wird in den nächsten Stunden kommen", heißt es in einem Fax, das die militante Organisation der Nachrichtenagentur AP schickte. In der Stadt Gaza strömten zehntausende Palästinenser bei Bekanntwerden der Nachricht auf die Straßen und riefen nach Rache. Bewaffnete feuerten in die Luft und zündeten Autoreifen an, wie Augenzeugen berichteten. Bei den blutigen Zusammenstößen gekommen hätten Soldaten zwei palästinensische Steinewerfer erschossen, berichteten Augenzeugen und Notarzthelfer.

Wenige Stunden nach dem Tod Jassins haben militante Palästinenser offenbar den Grenzübergang Eres zwischen Gazastreifen und Israel beschossen. Am Montagmorgen war dort eine Explosion zu hören, Rauch stieg auf. Die Hamas erklärte, sie habe Raketen auf den Grenzposten abgefeuert. Von israelischer Seite lag zunächst keine Erklärung vor.

"Die Pforten der Hölle geöffnet"

Nach Augenzeugenberichten hatten Kampfhubschrauber drei Raketen auf Jassin und seine beiden Leibwächter gefeuert, als sie im Morgengrauen eine Moschee verließen. Alle drei seien auf der Stelle tot gewesen. Bei dem Angriff wurden nach Krankenhausangaben auch ein Passant getötet und und 17 weitere Menschen verwundet. Augenzeugenberichte sprachen von acht weiteren Palästinenser, die ebenfalls ums Leben gekommen seien.

Palästinensische Organisationen riefen als Reaktionen einen dreitägigen Generalstreik aus. Schulen blieben geschlossen. Die Hamas-Führung kündigte dem israelischen Regierungschef Ariel Scharon Vergeltung an: "Scharon hat die Pforten der Hölle geöffnet. Nichts wird uns daran hindern, ihm den Kopf abzuschlagen."

Nicht der erste Versuch

Der querschnittsgelähmte Jassin, der 1987 Hamas gegründet hatte, ist der ranghöchste militante Palästinenser, der bei den seit über drei Jahren andauernden israelisch-palästinensischen Kämpfen getötet wurde. Er befand sich mehrere Jahre lang in israelischer Haft; 1994 wurde er dann auf freien Fuß gesetzt.

Israel hatte im vergangenen September versucht, Jassin zu töten. Bei der Bombardierung seines Hauses wurde der Scheich aber nur leicht verletzt. Der israelische Verteidigungsminister Sejev Boim erklärte in einem Rundfunkinterview: "Ich habe seit langem gesagt, dass Jassin ein Ziel zum Töten ist. Er war nicht immun."

Kureia wirft Israel bewusste Eskalation vor

Der palästinensische Regierungschef Ahmed Kureia warf Israel vor, die Gewalt bewusst zu eskalieren. "Das ist eines der größten Verbrechen, das die israelische Regierung begangen hat", sagte er. Kabinettsminister Sajeb Erakat verurteilte den tödlichen Angriff und erklärte, die Tat gieße nur neues Öl ins Feuer.

Die israelische Offensive in dem Gebiet zwischen Israel und Ägypten dauert bereits seit einer Woche an. Der israelische Armeerundfunk berichtete, die Entscheidung zur Tötung Jassins sei nach den palästinensischen Selbstmordanschlägen auf den Hafen der Küstenstadt Aschdod getroffen worden. Dort hatten zwei Palästinenser zehn Israelis mit in den Tod gerissen.

"Wir haben unseren Bin Laden liquidiert"

Rechtsorientierte israelische Politiker reagierten zufrieden auf den Angriff, Abgeordnete des linken Spektrums verurteilten ihn und warnten, er werde eine neue Welle des Blutvergießens auslösen. Der israelische Finanzminister Benjamin Netanjahu (Likud) sagte, der Angriff beweise, "dass niemand, der dem Terror dient, immun" sei. Landwirtschaftsminister Israel Katz (Likud) meinte, Israel habe "unseren Bin Laden liquidiert". Juri Stern, Fraktionsvorsitzender der ultra-rechten Nationalen Union forderte, Israel müsse nun auch den Palästinenserpräsidenten Jassir Arafat gezielt töten.

Die Abgeordnete Juli Tamir von der oppositionellen Arbeitspartei sprach hingegen von einem "tragischen Fehler, der zu endlosem Blutvergießen führen" werde. "Statt des Abzugs aus dem Gazastreifen wird es jetzt nur Krieg geben", meinte sie. Auch Jossi Beilin warnte, Israel werde für diese Tat "einen teuren Blutzoll zahlen" müssen. Awschalom Wilan von der links-liberalen Meretz-Partei nannte den Raketenangriff auf Jassin "absoluten Wahnsinn".

EU: Situation nur weiter angeheizt

Die gezielte Tötung des radikalen Hamas-Führers Ahmed Jassin durch die israelische Armee hat in der Europäischen Union Sorge vor einer weiteren Eskalation der Gewalt ausgelöst. Ungewöhnlich scharf verurteilten die EU-Außenminister bei ihrem Treffen am Montag in Brüssel das Vorgehen der Regierung in Jerusalem. "Israel hat kein Recht zu außergesetzlichen Tötungen", betonten die EU-Außenminister in einer gemeinsamen Erklärung. "Darüber hinaus hat diese Tötung (Jassins) die Situation angeheizt", stellten sie fest.

Die EU-Minister bekräftigten in ihrer Erklärung zwar Israels Recht, die eigenen Bürger gegen terroristische Angriffe zu schützen. Dies müsse aber unter Beachtung des internationalen Rechts geschehen. Außergesetzliche Tötungen widersprächen nicht nur internationalen Recht. Sie unterhöhlten auch ein Schlüsselelement im Kampf gegen den Terrorismus, nämlich die Herrschaft des Gesetzes. "Gewalt ist kein Ersatz für politische Verhandlungen", bekräftigten die Außenminister.

Fischer: "Dinge nicht einfacher gemacht"

Auch Bundesaußenminister Joschka Fischer äußerte sich besorgt über die Entwicklung. Es gehe jetzt darum, die negativen Auswirkungen so gering zu halten wir nur möglich. Eine Lösung des Konflikts könne nur auf dem Verhandlungswege erreicht werden. Die jetzigen Ereignisse änderten nichts daran, dass am Ende eine Lösung mit zwei unabhängigen Staaten - einem israelischen und einem palästinensischen - stehen müsse. "Der heutige Tag macht die Dinge nicht einfacher." Doch müsse immer wieder ein neuer Anlauf unternommen werden. "Terror und Gewalt werden nur zu weiteren unschuldigen Opfern führen", sagte Fischer.

mit Agenturen / DPA