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Doppelanschlag in Israel: Blutbad in Beerscheba

Der Doppelanschlag auf zwei Busse in Beerscheba, zu dem sich die Hamas bekannte, hat einer Zeit der relativen Ruhe in Israel ein jähes Ende gesetzt. Die Bluttat dürfte den Widerstand gegen den Gaza-Abzug weiter stärken.

Bei dem schwersten Anschlag in Israel in diesem Jahr haben zwei palästinensische Selbstmordattentäter am Dienstag mindestens 16 Menschen mit sich in den Tod gerissen. Bei den fast zeitgleichen Explosionen in zwei Bussen im Zentrum der Wüstenstadt Beerscheba wurden nach Angaben von Sanitätern rund 100 weitere Menschen verletzt. Bundesaußenminister Joschka Fischer zeigte sich entsetzt über diesen "schrecklichen Akt des Terrors", zu dem sich der bewaffnete Arm der radikalislamischen Hamas-Bewegung bekannte.

Fischer übermittelt Mitgefühl

Fischer, der am Vortag in Israel Gespräche geführt hatte, übermittelte den Angehörigen der Opfer sein Mitgefühl. Der Anschlag mache erneut deutlich, dass alle Anstrengungen unternommen werden müssten, um Frieden und Stabilität in der Region zu erreichen, sagte Fischer im ägyptischen Alexandria.

Augenzeugen berichteten aus Beerscheba, die Attentäter hätten ihre Sprengsätze fast zeitgleich gezündet. "Der Autobus flog in die Luft und innerhalb von Sekunden fand ich mich auf den Treppenstufen wieder", erzählte ein Mann, der nach dem lauten Knall über Gehörschwierigkeiten klagte. Einer der Busse ging nach der Explosion in Flammen aus und musste von der Feuerwehr gelöscht werden. "Hier herrschte die blanke Hysterie", erzählte ein Feuerwehrmann, der die Explosionen zufällig von seinem Auto aus beobachtete. "Menschen sprangen aus den Fenstern, Verletzte riefen um Hilfe."

Die beschädigten Busse lagen in etwa hundert Meter Entfernung voneinander im Stadtzentrum in der Nähe des Rathauses. Nach Einschätzung der israelischen Sicherheitskräfte kamen die Attentäter aus dem Bereich der Stadt Hebron im südlichen Westjordanland. Dort ist die israelische Sperranlage noch nicht aufgebaut. "Es ist eine Tatsache, dort, wo der Zaun steht, gibt es keinen Terror", sagte der stark rechtsorientierte israelische Minister für Interne Sicherheit, Zachi Hanegbi. "Und wo kein Zaun steht, gibt es Terror." Die Polizei geht davon aus, dass sich die Bombenanschläge vom Bereich Tel Aviv in Richtung Süden verlagert haben, weil die Extremisten dort keine Sperre überwinden müssen. Erst am Dienstagmorgen hatten israelische Soldaten einen Selbstmordanschlag am Eres-Kontrollpunkt zwischen Israel und dem Gazastreifen verhindert. Sie nahmen einen Palästinenser mit einem Sprengstoffgürtel fest.

"Reaktion auf Liquidierung"

Der bewaffnete Arm der Hamas-Bewegung, die Gruppe Issedin-el- Kassam, erklärte, die Selbstmordanschläge seien eine Reaktion auf die Liquidierung der Führungsmitglieder Scheich Ahmed Jassin und Abdel Asis Rantisi im Frühjahr gewesen. Zudem handele es sich um ein "Geschenk für die hungerstreikenden Häftlinge in den zionistischen Gefängnissen". Sprecher der Bewegungen Hamas und Islamischer Dschihad lobten die Tat. Die Anschläge seien "eine natürliche Reaktion auf die täglichen israelischen Verbrechen im Westjordanland und im Gazastreifen", sagte Hamas-Sprecher Moschir el Masri.

Die Palästinensische Autonomiebehörde beeilte sich, die Anschläge klar zu verurteilen. Die radikalen Gruppen Hamas und Islamischer Dschihad frohlockten hingegen über den ersten schweren Anschlag seit Monaten. Der bewaffnete Hamas-Arm Issedin-el-Kassam, der sich in einem Flugblatt zu der Tat bekannte, sprach von Rache für die Liquidierungen der Führungsmitglieder Scheich Ahmed Jassin und Abdel Asis Rantisi im Frühjahr. Die Explosionen seien "eine natürliche Reaktion auf Israels Liquidierungen, Tötungen, Vorstöße und Zerstörungen" in den Palästinensergebieten, sagte Hamas-Sprecher Moschir el Masri in Gaza. Angesichts des am Mittwoch beginnenden neuen Schuljahrs versetzte Israel seine Polizeikräfte aus Furcht vor weiteren Anschlägen in höchste Alarmbereitschaft.

UN-Generalsekretär Kofi Annan forderte die Palästinenserbehörde auf, für die Unterbindung aller Terrorarakte zu sorgen. Die Verantwortlichen für solche "verabscheuungswürdigen Verbrechen" müssten verfolgt und bestraft werden, erklärte Annan in New York. Der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon sagte in einer ersten Stellungnahme, der Kampf gegen den Terror werde "mit aller Kraft" fortgesetzt. Vertraute des Premiers gingen davon aus, dass palästinensische Extremisten mit der Tat Scharons Abzugsplan aus dem Gazastreifen schaden wollten. Am Abend wollte Scharon mit der Militärführung über die Lage beraten.

"Der Räumungsplan wird umgesetzt"

Nur Stunden vor dem Doppelanschlag hatte Scharon einen Zeitplan für die Vorbereitungen der von ihm angekündigten Räumung des Gazastreifens vorgelegt. Angesichts starken internen Widerstands gegen den Plan betonte Scharon vor seiner Likud-Fraktion: "Der Räumungsplan wird umgesetzt - Punkt aus." Der Zeitplan sieht die Billigung eines Gesetzesentwurfs über die Räumung aller Siedlungen im Gazastreifen durch das "Sicherheitskabinett" am 14. September vor. Anfang November soll der Entwurf, bei dem es vor allem um die Entschädigungszahlungen für die Siedler geht, dem Parlament in erster Lesung vorgelegt werden. Die blutige Tat dürfte dem starken Widerstand in seiner eigenen Likud-Partei gegen den angekündigten Abzug weiter stärken.

Sara Lemel/DPA / DPA