Schiiten Mit Allah an die Macht


Jahrzehntelang waren die Schiiten im Irak die unterdrückte Mehrheit - jetzt nutzen sie die neue Freiheit. Die Ayatollahs wollen den Staat erobern - und bekämpfen sich dabei gegenseitig.

Als Erstes sind die meterhohen Banner zu sehen. Grün, schwarz und weiß tauchen sie aus dem fahlen Dunst des Staubsturms auf. Mit Tüchern vor Sand und Lehmstaub geschützt, kämpfen sich die Marschierenden durch den Wind: eine endlose Karawane, zehn, zwanzig, fünfzig, am Ende fast hundert Kilometer lang. Viele waren schon aufgebrochen, als im Land noch gekämpft wurde. Wie Trommelschläge klingt es, wenn sie die Hände synchron in die Höhe schnellen, wieder herabfallen lassen, bis Unter- und Oberarm ein V bilden, und dann auf die Brust schlagen. "Ya Husain! Ya Karbala!", skandieren die Sprechchöre.

Überall am Strassenrand stehen Menschen,

haben Zeltplanen gespannt, Datteln aufgehäuft, schleppen Joghurt herbei und Salatköpfe für den endlosen Passionszug. Unter gerahmten Bildern der heiligen Imame rasten die Erschöpften. Im Schatten einer Palme ruhen drei aus Nasiriya. "Die Amerikaner haben uns das nicht erlaubt", sagt mit frohem Grinsen ein Mann namens Abbas, "aber wir gehen trotzdem! Wir sind selbst unter Saddam gegangen, auf Feldwegen, ohne Fahnen, aber wir sind gegangen! Niemand konnte uns aufhalten! Niemand wird uns mehr aufhalten!" Und so ziehen sie zu Fuß durchs wüste Land, unbewaffnet und unerschüttert, manche barfuß, die Sandalen in den Gürtel geklemmt zum Zeichen, das eigene Maß der Leidens noch erhöhen zu wollen.

Jählings, wie die Banner tragenden Pilger aus dem Nichts des Staubnebels, sind die Schiiten des Irak auf der Landkarte der Macht aufgetaucht. Die größte Glaubensgruppe im Lande, der 60 Prozent aller Iraker angehören, nutzt die neu gewonnene Freiheit - aber nicht, um sich als Erstes an ihren Peinigern zu rächen, sondern um mit aller Inbrunst einem 13 Jahrhunderte alten Ritus zu folgen: Im Jahre 680 stellte sich Imam Husain, ein Enkel des Propheten, bei Karbala der Übermacht des Kalifen von Damaskus. Husain war Anführer jener Gläubigen, die beseelt waren davon, dass nur ein leiblicher Nachfahre Mohammeds ihr Anführer sein dürfe.

Die Muslime, die sich Schiiten nannten, hatten ihn gerufen: Sie würden ihm beistehen im Kampf gegen die ungläubigen Beherrscher des Thrones im neuen islamischen Reich. Und dann hatten sie ihn verkauft an den Kalifen von Damaskus, dessen Heer Husains Kopf als Trophäe zurückbrachte. 40 Tage danach reute es die Untreuen, und seither marschieren sie jedes Jahr zur selben Zeit, und nie, nie wieder, schwören sie, werden sie Husain verraten. Eher sterben.

Dies ist der Glaubenskern der Schiiten:

das Leiden auf sich zu nehmen und die Rebellion gegen die Ungerechtigkeit als heiliges Gut zu betrachten. Die Mienen der Marschierer sind ernst, manche Männer weinen um das Los ihres Imams, der sein Leben hingab, weil er nicht dem falschen Glauben der Eroberer huldigen wollte. Dessen Getreue zehn Tage lang Durst litten, weil sie verraten worden waren. Diese kollektive Passionsgeschichte treibt die Menschen voran, bewegt Massen. Es ist eine ungeheure Energie. Saddam Hussein hat sie mit aller Gewalt unterdrückt, nun schreien die Gläubigen ihre Treueschwüre laut hinaus.

Leiser zeigen die schiitischen Geistlichen zugleich ihre Macht: Binnen Tagen füllen sie jeden Winkel des Vakuums, den Saddams implodierender Staat in Bagdad und im Süden hinterlassen hat. Überall tauchen ihre Zeichen an Hauswänden auf, Bilder, Graffiti, und immer wieder derselbe Name: Sadr. Mohammed Sadiq as Sadr, der einzige gebürtige Iraker unter den schiitischen Großayatollahs, der trotz aller Pressionen im Irak geblieben war. Der wie Husain den Opfertod starb, als Saddam Hussein ihn 1999 ermorden ließ. Sein Porträt, tausendfach kopiert, zeigt ein schlohbärtiges, leicht entrücktes Gesicht.

Kaum ist der Krieg verebbt, organisieren Sadrs Anhänger in den schiitischen Hochburgen die Verteilung von Nahrungsmitteln, die Versorgung der Tankstellen mit Benzin, öffnen die Moscheen, unterbinden Plünderungen, schicken Wachleute in Krankenhäuser und organisieren provisorische Stadtverwaltungen, bevor die Amerikaner überhaupt aus ihren Panzern gekrabbelt sind. "Wir haben eigentlich gar keine Erfahrung mit so etwas. Wir sind doch nur gläubige Menschen", sagt Scheich Hassan Zingani mit selbstbewusstem Understatement. "Aber wir lernen schnell!" Und um Ängste zu zerstreuen, haben mehrere Ayatollahs gemeinsam verkündet, dass alle Iraker, egal, ob Christen, Sunniten oder Schiiten, als Staatsbürger dieselben Rechte haben.

Mehr als eine Million Menschen versammeln sich in Karbala. In einer Stadt, in der es weder Strom, Telefone noch fließend Wasser gibt, und doch haben die Pilger zu essen und zu trinken, es gibt Ordner und Ambulanzen. In weiten Kreisen fluten die Massen um die beiden goldverkleideten Schreine für Husain und seinen Bruder Abbas, manche geißeln sich mit Messern und Ketten, blutüberströmt, aber friedlich.

Karbala ist eine Demonstration der Stärke.

Alle Macht aber geht von Najaf aus, der lange vergessenen Metropole des schiitischen Glaubens. Hier, 80 Kilometer weiter südlich, liegt Ali, der Schwiegersohn Mohammeds und erste Imam, begraben. Hier versammeln die Haussa, die religiösen Seminare, seit Jahrhunderten die mächtigsten und verehrtesten Mardschas, die "Vorbilder der Nachahmung". Die Haussa zu schließen wagte selbst Saddam Hussein nicht. Die größte unter ihnen ist die Haussa as Sadr, das neue Kraftzentrum des schiitischen Irak.

Als wir vor sechs Monaten, beim letzten Besuch in Saddams Reich, hierher kamen, war die Haussa as Sadr ein stiller, zeitenthobener Ort. Wie im Mittelalter scharten sich die Schüler unter den Kuppeln eines riesigen Saals um ihre Meister. Die Gegenwart schien bedeutungslos, die Themen drehten sich um die richtige Haltung beim Gebet, um das Fastenbrechen auf Reisen und die Bedeutung des Wortes Chalid im Koran: wann es als Eigenname gelte und wann als Adjektiv mit der Bedeutung "ewig".

Auf dem Friedhof, dem heiligsten und größten der schiitischen Welt, der sich Jahr um Jahr weiter in die Wüste frisst, sagte ein ansonsten schweigender Torwächter: "Najaf ist keine Stadt der Lebenden. Najaf ist eine Stadt der Toten."

Welche Macht einst von Najaf ausging,

schien vergessen. Dabei haben alle Großen, die den schiitischen Islam zum politischen Kampf weiterdachten, in Najaf gelehrt, hat Khomeini hier seine Revolution geplant. Doch wer es wagte, sein Wort zu erheben wider Saddam, verwirkte sein Leben und oft genug auch noch das seiner Neffen und Enkel. "Die Gefängnisse, Friedhöfe und das Ausland sind voll von jenen, die sprechen wollten", sagt Scheich Zingani, einer der Manager der neuen schiitischen Macht: "Und hättest du mich eine halbe Stunde vor Saddams Sturz gefragt, hätte auch ich ihn in den Himmel gelobt. Jetzt aber ist er niedriger als die Erde selbst", und er tritt auf den staubigen Boden. Binnen Tagen ist Najaf wieder zum Epizentrum der Glaubensmacht geworden.

Aber während vor den Pilgern Weisheit und Einheit der Gelehrten beschworen werden, tragen die Anhänger der konkurrierenden Haussa ihren Machtkampf erbarmungslos aus. US-Kommandos bringen Anfang April Abdul Majid al Khoei in die Stadt, den nach London emigrierten Sohn eines hoch angesehenen, verstorbenen Großayatollahs. Khoei will seine Machtansprüche anmelden. Und trifft sich mit Haider al Kilidar, dem verhassten, von Saddam Hussein eingesetzten Verwalter des Schreins. Ein Treffen, das beide nicht überleben: Mit Messern werden sie im Vorhof der Moschee niedergemetzelt. Noch am selben Tag sammeln sich Bewaffnete vor dem Haus des 73-jährigen Großayatollahs Ali Sistani, der bis zu Saddams Sturz 18 Jahre lang unter Hausarrest stand. Er ist der Letzte, der dem Machtanspruch der Haussa as Sadr im Wege steht. Sie geben ihm 48 Stunden, die Stadt zu verlassen. Und verschwinden erst, als Sistanis Anhänger aufmarschieren.

Amerikas Besatzungspolitiker wiederum,

ohnehin vollkommen überrascht von der schiitischen Reconquista, warnen nun den Iran davor, sich einzumischen - und haben gar nicht begriffen, was um sie herum geschieht. Denn Ayatollah Mohammed Baqir al Hakim, Exiliraker und Teherans verlängerter Arm im Irak, würde sich zwar furchtbar gern einmischen, hat aber keine Chance dazu. Wo immer seine Gefolgsleute demonstrieren, sammeln sich ein paar Dutzend. Sadr dagegen bringt Zigtausende auf die Beine.

Sadr heisst die neue Macht, der fast alle folgen, und niemand, niemand kann es wagen, sich ihr in den Weg zu stellen. Die Haussa as Sadr hat nur ein Problem: Mit den Geistlichen ließ Saddam Hussein meist auch ihre Familien ausrotten. Lediglich zwei Söhne von Sadiq as Sadr haben überlebt. Der eine hat sich einer weltlichen Karriere zugewandt. Der andere, Muqtada, Führer der Haussa, ist erst Ende 20 und beim besten Willen nicht als Führer anzuerkennen. Er hat noch nicht einmal den Rang, Fatwas zu erlassen, und beruft sich auf die religiösen Urteile seines Vaters. Was sein Gegenspieler Sistani zum Anlass nimmt, seinerseits eine Fatwa herauszugeben, dass nur die Urteile lebender Gelehrter Gültigkeit haben dürften. Woraufhin Muqtada eine Allianz mit einem zwar unbekannten, aber ranghöheren Ayatollah im Iran eingeht, der Fatwas erlassen darf.

Beim heiligen Fest in Karbala ist kein einziger der Großen zu sehen. Die bleiben alle in Najaf und entsenden ihre Stellvertreter. "Natürlich gebührt uns die Führung", verkündet Said Mustafa, einer der Assistenten von Muqtada, "denn as Sadr hat sich für den Irak geopfert! Die anderen sind abgehauen, erlassen höchstens dann und wann mal eine Fatwa." Sistanis Männer preisen demgegenüber die Weisheit ihres Herrn. Und Ayatollah Hakims kleine Anhängerschaft hat einen schweren Stand, erst recht, als ein Gerücht durch die Gassen Karbalas eilt: Sie hätten vergiftete Tunfischsandwichs verteilt, um die Anhänger von Sadr umzubringen. Als sich zwei Ambulanzen mit Blaulicht ihren Weg durch die Menge bahnen, kippt die Stimmung ins Hysterische. Es genügt das bloße Gerücht, jener Mann, der gerade im Taxi abtransportiert werde, sei einer der Täter - und mit einem Schrei stürzen sich Dutzende mit Stangen und Brettern aufs Auto, den Mann zu lynchen. Mit knapper Not schaffen ihn die Ordner ins provisorische Gefängnis.

Erst spät am Abend beruhigt sich die Lage, als ein Krankenwagen im Schrittempo das Meer der Gläubigen teilt und ein Mullah von Hakims Fraktion per Lautsprecher verkündet: "Achtung! Es sind falsche Gerüchte verbreitet worden! Achtung! Der verteilte Fisch kann bedenkenlos gegessen werden!", und zum Beweis sitzt neben ihm ein opfermutiger Schiit, der demonstrativ Fisch verzehrt.

Eine ganz eigene, jahrzehntelang im verborgenen

existierende Welt ist im Irak ans Licht getreten. Am wenigsten haben die Amerikaner mit ihr gerechnet, deren Irak-Experten in Washington eingestehen, gänzlich überrascht worden zu sein. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die USA vor 24 Jahren Saddams Regime hochrüsteten als Bollwerk gegen die Islamische Republik im Iran - und nun Saddam gestürzt haben mit dem Resultat, dass manche irakische Schiiten ihrerseits eine islamische Republik fordern.

Doch noch ist selbst unter den Geistlichen unklar, welche Richtung sie einschlagen wollen. Manche preisen die Amerikaner als Befreier, andere verwünschen sie als Feinde Gottes. Die mächtige Haussa as Sadr hält sich bedeckt. "Wir warten, was sie sagt", bekundet eine Gruppe ihrer Anhänger. "Wenn sie sagt: Leistet Widerstand gegen die Amerikaner, so werden wir Widerstand leisten!"

Am vorletzten Sonntag haben amerikanische Soldaten

einen Scheich in Bagdads größtem, fast ausschließlich von Schiiten bewohntem Slum verhaftet, das Saddam City hieß und nun Sadr City heißt. Es dauert keinen Tag, da marschieren mehrere tausend Demonstranten auf, diszipliniert in Blöcken, vorneweg die Mullahs, dazwischen die Ambulanzen vom Roten Halbmond. "La Amrika, la Saddam, naam lil-Islam!", nein zu Amerika, nein zu Saddam, ja zum Islam, skandiert die Menge. Block nach Block kommt am Platz vorm Palestine Hotel zum Stehen, wo US-Offiziere und die internationalen TV-Teams Quartier bezogen haben, lässt sich nieder, skandiert weiter, bis die Straße ein Meer von wütenden Menschen geworden ist. Denen gegenüber eine Hand voll sehr nervöser US-Soldaten steht. Es dauert eine halbe Stunde, bis eine Delegation von Unterhändlern mit Siegesmiene vors Hotel tritt: "Scheich Firtousi wird freigelassen!"

Die Menge jubelt, und Abu Nur, Choreograph des Aufmarschs, gewährt uns ein Kurzinterview: "Sie haben uns versprochen, ihn freizulassen!" Wann genau? "Heute oder morgen. Was zählt, ist ihr Wort." Und wenn er nicht freigelassen wird? "Dann kommen wir wieder. Zehnmal so viele. Und werden hier bleiben, bis er freigelassen wird!" Tags darauf ist Scheich Firtousi frei.

Wie sagte doch Abu Nur milde lächelnd: "Wir fordern nur, was die Amerikaner uns versprochen haben - Demokratie und freie Wahlen!" Dabei, so fuhr er fort mit dem Gesichtsausdruck eines Schachspielers, der seinen Gegner schon drei Züge vor Spielende matt weiß, könnten sie schließlich nur gewinnen. Denn auch, wenn der Irak in Zukunft nicht unbedingt von der neuen schiitischen Macht regiert werden wird, ist doch eines mit Sicherheit von ihr zu sagen: dass er sich niemals gegen sie regieren lässt.

Christoph Reuter print

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