HOME

Schuldenstreit: Griechenland, am Montag nach dem Ultimatum

Vier Tage haben die Eurostaaten und Griechenland Zeit, eine Lösung im Schuldenstreit zu finden. Am Montag dann bricht eine andere Zeit an - für diesen Tag danach gibt es im Grunde nur zwei, unschöne Szenarien.

Von Niels Kruse

Grieche sitzt und wartet

Warten auf ein Wunder: Spätestens ab Montag, den 13. Juli, brauchen die Griechen viel Geduld und gute Nerven

60 Euro am Tag. Mehr ist nicht drin, beziehungsweise, mehr kommt nicht raus aus den Geldautomaten. Und das auch nur, wenn den Maschinen nicht schon längst die Euro-Scheine ausgegangen sind oder die Menschen überhaupt noch so viel auf dem Konto haben. Nicht wenige Griechen müssen mit 40 oder 20 Euro am Tag auskommen -  nicht für sich, oft genug für sich und die ganze Familie. Griechenland zehn Tage nach Einführung der Kapitalverkehrskontrollen ist ein Land am Abgrund, vielleicht sogar schon ein Schritt weiter. Nur wer Kreditkarten hat, ist finanziell etwas unabhängiger, auch wenn das griechische Plastikgeld längst nicht mehr überall und von jedem akzeptiert wird.

Wie stark Griechenland jetzt schon unter der Krise leidet, zeigen folgende Meldungen:

  • Täglich werden Schätzungen zu Folge rund 200 Millionen Euro abgehoben, in zwei, drei Tagen aber geht den Banken das Geld aus - dann sitzt ein ganzes Land auf dem Trockenen.
  • Flugtickets zum Beispiel gibt es ab sofort nur noch gegen Barzahlung oder gegen Zahlung mit einer nicht in Griechenland ausgegebenen Kreditkarte. Mehr als 35 Airlines akzeptieren nur Cash direkt am Flughafenschalter.
  • Wegen des Geldmangels brechen langsam Verkehr und Transport zusammen: Die Transportunternehmen können wegen des 60-Euro-Limits ihre Lastwagen nicht betanken. Hunderte griechische Lastwagenfahrer im In- und Ausland haben keine Möglichkeit die Treibstoffe zu bezahlen. Eine Lastwagenfahrt von Deutschland nach Griechenland kostet aber rund 4000 Euro.
  • Weil den Logistikern das Geld für ihre Lieferungen fehlt, drohen vor allem den griechischen Inseln in den kommenden Tagen ernsthafte Engpässe bei Lebensmitteln und andere Waren des täglichen Bedarfs.
  • Erste deutsche Pharmafirmen drosseln bereits den Verkauf von Medikamenten, weshalb bald ein Arzneimittelmangel droht: Standard-Produkte wie Kochsalz-Lösungen würden schon seit März nicht mehr nach Griechenland geliefert, heißt es bei Fresenius aus Bad Homburg.
  • Weil sämtliche Waren nur noch gegen Vorkasse verkauft werde, könnten vor allem importierte Lebensmittel bald rare Güter werden. Der Hotelverband rechnet etwa damit, dass den Gasthäusern Mitte Juli die Nahrungsmittelvorräte ausgehen könnten. Damit wäre auch der Tourismus, die Haupteinnahme Griechenlands, unmittelbar gefährdet.

Aufwachen in einer anderen Zeit

Wenn die Griechen am Montagmorgen aufwachen werden, am Tag nach Ende des Ultimatums, dann tun sie dies in einem anderen Land. So oder so. Möglichkeit eins: Europa kriegt gerade eben noch die Kurve und kann sich mit dem griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras auf ein Rettungspaket einigen. Damit wäre der Großbrand zwar unter Kontrolle, aber längst nicht gelöscht. Möglichkeit zwei: Europa und Griechenland finden keine gemeinsame Lösung. Für diesen Fall will griechisches Regierungsmitglied nicht einmal mehr Revolten und Hungeraufstände ausschließen.


Szenario 1 - die Gläubiger und Griechenland einigen sich

Die Regierung in Athen hat bereits einen Antrag beim europäischen Rettungsfonds ESM gestellt. Der muss aber wohl noch nachgebessert werden. Das Problem: Die Auflagen, die an die Auszahlungen der Hilfsgelder gestellt werden, sind aber noch höher als die, die die Eurogruppe zuletzt von Griechenland gefordert hat. Und die per Referendum abgelehnt wurden. Sollten sich Tsipras und seine Kollegen dennoch darauf einlassen, wird es aber dauern, bis die Milliarden ausgezahlt werden. Wochen, vielleicht Monate. Im besten Fall fühlt sich die Europäische Zentralbank (politisch) ermächtigt, die griechischen Banken weiter mit Notkrediten zu versorgen (die so genannten ELA-Hilfen). Damit könnte zumindest der vollständige Zusammenbruch der Wirtschaft für das Erste verhindert werden.

Für die Menschen aber wird sich so schnell kaum etwas ändern. Die mittlerweile völlig überschuldeten Banken, werden weiterhin Geldtransfers beschränken müssen, allein schon, um ihre eigenen Kredite halbwegs bedienen zu können. Besonders der Handel mit dem Ausland wird dadurch behindert. Auch die Aussicht darauf, dass das Rettungspaket mutmaßlich weitere Einsparungen bei Renten, Staatbediensteten und anderen staatlichen Leistungen vorsehen wird, dürfte nicht dazu führen, dass die Griechen plötzlich in einen Konsumrausch verfallen. "Selbst wenn der Grexit letztlich vermieden werden kann, sehen wir für Griechenland den Rückfall in eine schwere Rezession", sagt der Chefvolkswirt der DZ Bank, Stefan Bielmeier. Und eine Rezession wird die griechische Arbeitslosenquote, die mit rund 26 Prozent ohnehin die höchste in der EU, noch weiter steigern, so Bielmeier.

Kurzum: Selbst im für Griechenland besten Fall wird die Krise der letzten Monate erst einmal weiter gehen.

Szenario 2 - die Gläubiger und Griechenland einigen sich nicht

Am Donnerstag will die Athener Regierung neue, detaillierte Reformvorschläge präsentieren. Stoßen die bei den Gläubigern aber auf Ablehnung, tritt der "GAUro" ein, der "Größte anzunehmende Accident von EU und EuRO". So düsterste Szenario wird sich in etwa so abspielen: Die Banken, ohnehin seit ein, zwei Tage barmittellos, stehen vollkommen blank da. Von der Europäischen Zentralbank, die ihre Notkredite eingestellt hat, ist auch nichts mehr zu erwarten. Die Geldhäuser kollabieren de facto, die Griechen kommen nicht mehr an ihr Geld, selbst wenn sie noch welches haben. Der gesamte Handel kommt zum Erliegen, die Wirtschaft stirbt einen zähen Tod. Vermutlich beginnt die Regierung ihre Verbindlichkeiten (etwa Renten und Beamtengehälter) in Schuldscheinen auszuzahlen. Noch allerdings schließt die Regierung diese Option aus. Zudem ist aber noch vollkommen unklar, ob diese Wechsel von den Bürgern überhaupt als Zahlungsmittel akzeptiert werden - denn ein bankrotter Staat genießt nicht allzu viel Vertrauen.

Zu dem Zeitpunkt könnte auch langsam die Versorgung mit Lebens- und Arzneimitteln knapp werden - daraus folgende Unruhen nicht ausgeschlossen. Auch besonders Volkswirt Stefan Bielmeier: "Eine Schockstarre würde die gesamte hellenische Volkswirtschaft erfassen, die schnelle Rückkehr des griechischen Staates an den Kapitalmarkt wäre noch unwahrscheinlicher."

Kurzum: Ohne Einigung droht Griechenland "Katastrophe, Aufruhr und Chaos", so Frankreichs Notenbankchef Christian Noyer. 

stern-Herausgeber Andreas Petzold beschreibt hier detailliert, was Griechenland in der nächsten Zeit blühen könnte.