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Simon Kremer - Lost in Nahost: Bürokratie ist nicht nur lästig – sie sagt auch viel über den Zustand eines Landes aus

Tempolimit, Fahrverbot und die Krümmung von Bananen: Die ausufernde Bürokratie in Deutschland und der EU sorgt bei Vielen für Kopfschütteln. Dabei haben vermutlich nur die wenigsten davon jemals versucht, ein Auto zum Beispiel in Tunesien zu kaufen. 

Von Simon Kremer, Tunis

Sein Auto anzumelden dauert in Tunesien gerne zehn Monate 

Sein Auto anzumelden dauert in Tunesien gerne zehn Monate 

17 Schritte sind es von der Eingangstür bis zum Schalter am gegenüberliegenden Ende der Halle. Es gibt nur zwei Sitzbänke mit jeweils vier dicken, harten Metallgitterschalen. Die meisten der Wartenden lehnen an den Wänden. Die erste der Sitzbänke wackelt, wenn man sich hinsetzt, weil in der rechten Bodenverankerung hinten rechts eine Schraube fehlt. Warum ich das so genau weiß? Ich verbringe jetzt schon mehr als drei Stunden auf der Zulassungsbehörde in Tunis und versuche endlich mein Auto anzumelden, das ich vor zehn Monaten gekauft habe.

Schon allein der Zettel, den mir eine Bekannte gegeben hat, hätte mich stutzig machen sollen. Eigentlich sind es vier (!) Seiten, die ganz genau jeden einzelnen Schritt und jedes Büro exakt beschreiben, das man besuchen muss, sollte man sich auf das Abenteuer "Autokauf" einlassen. Vielleicht sollte ich doch einfach weiter mit dem Roller fahren? Im Umgang mit der Bürokratie eines Landes lernt man viel über die jeweilige Kultur. Syrische Flüchtlinge haben in Deutschland eine eigene App entwickelt, die mit dem Bürokratiewahnsinn in Deutschland helfen soll ("Bureaucrazy") - manchmal würde ich mir das auch für den umgekehrten Weg wünschen.

Denn aus einem eigentlich recht überschaubaren Vorgang, in dem ich am Anfang ein Auto kaufe, den Vertrag legalisieren, dann die Autopapiere beim Zoll noch einmal bestätigen, mir vom tunesischen Tüv die Richtigkeit der Fahrgestellnummer attestieren, anschließend die Attestation beim Zoll wieder eintragen lasse, um mir dann bei der Zulassungsstelle den Fahrzeugschein zu besorgen, wird eine Odyssee tief hinein ins Herz der arabischen Gesellschaft. Denn wer kann auch wissen, dass es verboten ist, eine tunesische Behörde in kurzen Hosen zu betreten? Wieder scheitert ein Versuch und es vergeht ein weiterer Tag ohne Fortschritt.

Zehn Monate für eine Autoanmeldung

Einige Politikwissenschaftler sagen, dass die Bürokratie in Tunesien und Ägypten dabei geholfen hat, die Länder während des sogenannten "Arabischen Frühlings" zu stabilisieren. Denn stoisch verrichteten die Beamten weiterhin ihre Arbeit als jahrzehntelange Regime und Diktaturen fielen und sorgten so dafür, dass zumindest die Grundversorgung der Bevölkerung nicht auch ins Chaos verfiel.

Jetzt wiederum – acht Jahre später - ist die Bürokratie für viele Beobachter ein Hinderungsgrund und einer der gravierendsten Umstände, die dazu führen, dass die Wirtschaft in den meisten arabischen Ländern - den Golf und seine Öl-Monarchien natürlich ausgenommen – nicht auf die Beine kommt.

Im "Doing Business Report" der Weltbank landen die meisten arabischen Länder weit hinten. In Ägypten etwa dauere es 75 Tage, Eigentum zu registrieren, sagt der Bericht. In Algerien 180 Tage, eine elektrische Leitung zu bekommen, eine Baugenehmigung im Libanon 249 Tage. Meine Autoanmeldung braucht gute zehn Monate. Aber wenigstens hab ich es geschafft und der Wagen steht nicht, wie bei Bekannten, seit zwei Jahren ungenutzt vor dem Haus. Am Ende hatte ich sogar nicht nur den Fahrzeugschein, sondern auch die Handynummer des Chefs der Kfz-Zulassungsbehörde und durfte das Büro durch den Mitarbeitereingang betreten, wir schreiben uns auch weiterhin private Handy-Nachrichten mit dem zuständigen Zollmitarbeiter.

Beamte, die nur körperlich anwesend sind 

Eine Anti-Korruptions-NGO in Tunesien hat mal eine Studie veröffentlicht, nach der der durchschnittliche tunesische Beamte pro Tag effektiv acht Minuten arbeiten würde. Ich würde hinzufügen, dass es im Sommer nur die Hälfte ist, weil dann die sogenannte "séance unique" greift, in der mehrere Monate nur halbtags gearbeitet wird. Verständlich bei der Hitze im klimatisierten Büro.

Behörde in Tunsien

Behörde in Tunesien

Ansonsten sei der Beamte aber nur körperlich anwesend. Und auch das nicht immer (gerade hat die Gewerkschaft übrigens neben Lohnerhöhungen eine Sonderprämie für dauerhafte Anwesenheit herausgehandelt). Ich kenne die Methodik der Studie nicht, würde sie aber unterstreichen. Denn meistens sind die benötigten Beamten gerade in wichtigen Sitzungen oder spielen – als es etwa bei der Ankunft am Flughafen in Saudi-Arabien Probleme mit meinem Visum gibt – zu viert gegeneinander Ballerspiele auf dem Handy. Während ich in der Ecke des Büros sitze, warte und mir Gedanken mache, als plötzlich ein Handwerker mit Kreissäge reinkommt und anfängt, den Boden aufzusägen. Was man eben so macht in einem offiziellen saudischen Büro. 

Dabei spiegelt sich in der ausufernden Bürokratie ein tieferliegendes Problem wider: Das grundsätzliche Misstrauen des Staates gegenüber seinen Bürgern. In gewisser Weise ist das nachvollziehbar, denn inzwischen versucht jeder, der jemanden kennt, der etwas zu sagen hat, damit seine behördlichen Probleme zu umgehen. Was wiederum dazu führt, dass die Zahl der benötigten Stempel und Briefmarken und Beglaubigungen weiter ansteigt. Jeder misstraut jedem. Und der Frust steigt.

Baguette statt Agathe 

Als ich mal wieder auf dem zuständigen Amt eine Steuerbriefmarke für etwa zwei Euro kaufen will, sind die abgeschlossen. Die Mitarbeiter streiken mal wieder unangekündigt. Draußen auf dem Platz wird der Unmut der Menge größer. Plötzlich greift einer der wartenden Männer in seine Hosentasche, holt mehrere Bündel Geldscheine heraus, wirft sie in die Luft und ruft: "Wollt ihr meine Steuern doch nicht? Hier sind sie!"

Das Misstrauen ist so groß, dass für die Registrierung meiner Tochter die offizielle Geburtsurkunde aus dem Einwohnermeldeamt nicht ausreicht. Ich brauche eine Beglaubigung der übergeordneten Stadtverwaltung, die mit Steuerbriefmarke und einem Stempel aus dem dritten Stock noch einmal beglaubigt wird, um eine weitere Beglaubigung im Außenministerium zu bekommen. Weil das alle machen müssen, dauert so ein Ausflug gerne mal fast den ganzen Tag. Und wehe, es fehlt ein Stempel.

Zum Glück hat der Beamte den Namen meiner Tochter richtig geschrieben. Nicht auszudenken, was bei einem Schreibfehler passiert wäre. Nicht so, wie bei einer befreundeten französischen Familie, die ihre Tochter Agathe anmelden wollte – und auf der Geburtsurkunde plötzlich Baguette stand.

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(