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Simon Kremer: Lost in Nahost: Meisterzwang in Deutschland? Wie mich tunesische Handwerker Demut lehrten

In der Heimat soll wieder der Meisterzwang für einige Handwerker her. Warum? Mit dem Streben nach Perfektion schaden wir uns nur selbst. Was wir brauchen ist mehr Demut. Und den lernt Simon Kremer im Umgang mit Handwerkern in Tunesien.

Nahost Strom Symbolbild

Wenn es kribbelt, wo es nicht kribbeln sollte - "irgendwas ist da mit dem Strom nicht richtig"

Getty Images

Ich stehe unter der Dusche, als mein Körper zu kribbeln anfängt. Es ist kein leichtes Kribbeln, das sich von den Händen über die Arme und dann immer weiter über den Rücken bis in die Fußspitzen ausbreitet. Es ist plötzlich überall, so als würde mein Körper unter Strom stehen. Nicht schmerzhaft, aber irgendwie besorgniserregend. Jedes Mal wenn ich am Wasserhahn drehe.

Kaputte Türschlösser - pah!

Wir sind gerade frisch eingezogen und noch freue ich mich, dass die Wohnung in dem Vorort von Tunis nur kleinere Mängel hat. Gut, nicht alle Türschlösser funktionieren immer einwandfrei, weswegen ich in jedem Raum dünne Kleiderbügel versteckt habe, damit man sich zur Not aus einem mit hakendem Schloss verschlossenen Zimmer befreien kann, denn die Fenster sind alle vergittert und der Fluchtweg darüber ist also versperrt. Mit der Zeit bin ich dadurch jetzt sogar nicht nur ein Experte geworden, um mich aus verriegelten Zimmern zu befreien, ich bin sogar schon in andere Wohnungen und Häuser HINEIN gekommen. Man muss es positiv sehen. Und funktionierende Schlösser sind doch nun wirklich Details.

Von der perfekten Wohnung habe ich mich nach knapp 30 Besichtigungen verabschiedet. Irgendwas ist immer und besser geht es auch immer. Schritt eins auf dem Weg: "Scheiß auf Dich, Perfektion!" ist gemacht. Schließlich gibt es in unserer Wohnung warmes Wasser. Wenn nur nicht dieses Kribbeln wäre…

Ich schreibe vorsichtig der Vormieterin: "Sag mal, hattet ihr das auch? Oder mache ich was falsch?" Ihre Antwort kommt umgehend zurück: "Sorry, haben wir vergessen Euch zu sagen. Geht am besten mit Gummilatschen in die Dusche. Und auch wenn ihr in der Küche abwascht. Irgendwas ist da mit dem Strom nicht richtig." Mein Körper steht unter der Dusche also wirklich unter Strom.

Wenn die Handwerker kommen, fluche ich

Wie sich rausstellt hat ein Techniker offenbar vergessen, die Leitungen zu erden. Und es gibt deswegen immer mal wieder kleinere Elektroschocks, wenn man die Wasserhähne anfasst.

Es wird nicht das erste Mal sein, dass wir einen Handwerker zuhause haben. Am Anfang fluche ich noch. Sorry, aber da kommt der Deutsche in mir durch. Ich komme nicht klar mit dem - nennen wir es noch - "Service"-Gedanken einiger Handwerker hier in der arabischen Welt.

Dabei ist das natürlich kein lokales Problem. Die meisten, die auch in Deutschland schon mal einen Handwerker zuhause hatten, werden das kennen. Oder ich habe einen extrem motzwütigen Bekanntenkreis. Aber gerade hat auch der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks selbst noch gemotzt: Über den Wegfall der Meisterpflicht in immer mehr Handwerksberufen. Man könne ja nicht jeden drauflos arbeiten lassen, hat er gesagt. Wo das hinführt, denke ich mir dann, sieht man aber. 

Klar, es wird hier in Tunesien und den anderen Ländern in der Region nicht so viel Elektroschrott weggeschmissen. Es ist echt erstaunlich, was man noch so alles reparieren kann. Und meine Vespa kriege ich in der Garage um die Ecke für umgerechnet drei Euro wieder in Schuss gebracht. Seit dem letzten Besuch röhrt der kleine Motor meines Rollers auch tatsächlich nicht mehr wie eine aufgebohrte Harley - dafür wackelt jetzt die Tankanzeige im Takt, wenn ich nach rechts blinke. Leer, voll, leer, voll.

Aber was würde es bringen, sich aufzuregen? Der Kreativität der Ausreden sind schließlich keine Grenzen gesetzt. "Alles nicht so schlimm". "Wir machen das dann morgen - inshallah - wenn Gott will".

"Die Matratze soll zu kurz sein, mein Herr?", fragt mich ein Lieferant, als ich ihn auf die 20 Zentimeter lange Lücke zwischen Bettgestell und der frisch gelieferten Matratze hinweise. Er zieht die Matratze nach unten. Die Lücke klafft jetzt am Kopfende. "Passt doch!" Also fluche ich wieder und schimpfe und streite mich.

Ihren Fernseher ab-, meinen anknipsen

Ich schreie sogar lauthals, als ich mit dem Fernsehtechniker auf dem Dach stehe, so dass die Nachbarn auf die Straße kommen. Er sollte die Satellitenschüssel anschließen, kappte einfach das Kabel der Vermieterin, steckte mein Kabel in ihre Schüssel und sah sich dann nicht mehr zuständig: "Ich sollte DEINEN Fernseher anschließen, nicht IHREN."

Der Umgang mit Handwerkern hier in der arabischen Welt macht demütig. Er könnte auch verrückt machen oder permanent cholerisch oder zu einem dauerhaften Magengeschwür führen. Aber wem wäre damit geholfen?

Mit der ständigen Sucht und Suche nach Perfektionismus schaden wir uns letztlich doch nur selbst. Es gibt zahlreiche Studien und Psychologen, die vom “Optimierungsdruck” sprechen . Statt gelassen fühlen wir uns häufig gestresst, weil uns irgendetwas stört, weil wir die Dinge in unserem Leben optimieren möchten. Spätestens wenn man einem Handwerker hier versucht, mit Argumenten beizukommen, versteht man, dass Perfektion nur eine Illusion ist.

Das Loch hätte nicht sein müssen...

Als ich mit dem Fernsehtechniker auf dem Dach stehe schreie erst ich, dann der Techniker und ein Nachbar kurz drauf auch noch. Der Fernseher läuft immer noch nicht. Weder meiner, noch der frisch abgeklemmte der Nachbarin. Manchmal hilft es, sich das klar zu machen.

"Das riesige Loch da in der Wand: Das hätten Sie da doch jetzt gar nicht reinbohren müss...", will ich gerade noch sagen. Aber wäre das Loch davon verschwunden? Vermutlich haben wir noch irgendwo was, das man davor stellen kann. Inshallah.