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Afghanistan Die Taliban bauen ihr Kontrollnetzwerk aus: Was das für die Bevölkerung bedeutet

Proteste Afghanistan
In den Medien präsentieren sich die Taliban friedliebend – die Bevölkerung überzeugt das nicht
© Yui Mok/PA Wire / DPA
"Wir wollen nicht, dass die Menschen in Panik geraten", sagt der Chef der Regionalpolizei der Taliban. In Interviews mit westlichen Medien geben sich die neuen Machthaber in Afghanistan friedliebend – und versprechen andere Zeiten als in den 1990er Jahren. Aber wie ernst meinen sie es damit?

Erst kürzlich haben die Taliban das Frauenministerium in ein Büro der Regionalpolizei umgewandelt. Ein Schild über dem Haupteingang weist das Gebäude nun als "Ministerium für Gebet und Orientierung sowie zur Förderung der Tugend und zur Verhinderung von Lastern" aus. Wer alt genug ist, dürfte sich mit Schrecken an die Herrschaft der Terrorgruppe in den 1990er Jahren erinnern.

Die damaligen Polizeibeamten dienten als brutale Vollstrecker der extremen Auslegung des Islam. Männer wurden in Moscheen zum Beten ausgepeitscht, die Bartlänge war exakt vorgeschrieben. Radios und Fernsehen waren tabu, Frauen, die arbeiteten, ohne männliche Begleitung das Haus verließen oder öffentlich ihr Gesicht zeigten, wurden verhaftet. Und heute?

Überreden – aber wie?

Darf man den Worten Mawlawi Mohammad Shebanis, der jüngst zum Leiter des Provinzbüros zur "Förderung der Tugend und Vorbeugung des Lasters" ernannt wurde, glauben, so stehen der afghanischen Bevölkerung nun bessere Zeiten bevor. Laut den Richtlinien, die dem britischen "Guardian" vorliegen, werde man die Menschen künftig dazu überreden, sich an die neuen Vorschriften zu halten, statt sofort Gewalt anzuwenden. Ganz davon absehen wollen die neuen Machthaber aber nicht. Wer sich den Regeln der Taliban widersetzt, gilt als Straftäter – und für deren Umgang gibt es einen besonderen Plan.

Aufklärung und Druck sollen Widerständler dazu bringen, sich an das Regelwerk zu halten. Wie dieser genau aussieht, erklärte Shebani dem "Guardian" gegenüber nicht. Würden sich die Menschen weiterhin nicht an die Regeln halten, könne Gewalt durchaus eine Lösung sein, heißt es in den offiziellen Richtlinien. "Wenn sich Personen danach immer noch widerspenstig zeigen (mit ihrem beleidigenden Verhalten) und damit Probleme verursachen, können wir sie mit unseren Händen stoppen." Was das genau bedeutet, bleibt ebenfalls unklar – lässt aber Raum für Spekulationen.

Kontrolle vor allem in den Städten

Das neue Regelwerk sieht vor, dass sich Frauen nur mit männlicher Begleitung in der Öffentlichkeit aufhalten. Für Männer ist die Bartlänge erneut vorgeschrieben. Das wirft die Frage auf, was sich seit den 1990er Jahren verändert hat. "Der Unterschied besteht darin, dass wir kein bestimmtes Buch mit Prinzipien hatten. Es gab nur die Mudschaheddin ohne geschriebenen Code“, sagte Shebani mit Blick auf die vergangene Herrschaft.

Wie das neue Kabinett für Laster und Tugenden genau operiert, ist unklar. Als die afghanischen Machthaber Anfang September eine Liste mit neuen Kabinettsernennungen auf Englisch veröffentlichten, fehlte die Übersetzung des Tugend-Ministeriums, berichtet der "Guardian".

Wie Shebani dem Blatt gegenüber erklärte, gebe es in Afghanistan fünf Hauptkontrollpunkte, in denen Beamte des Ministeriums stationiert werden. Sie sollen die Bevölkerung überwachen und sicherstellen, dass die Richtlinien der Taliban befolgt werden. Eine Kampagne soll die Menschen von den gesellschaftlichen Regeln überzeugen. Zuallererst wolle man "über die Prinzipien informieren". Dabei werde sich die Regionalpolizei vor allem auf städtische Gebiete konzentrieren, in denen die Taliban erst seit Kurzem regieren. Im ländlichen Raum hätten die Menschen die Prinzipien bereits erlernt.

"Manche Leute denken, wir seien extremistisch"

Die gefürchteten Kontrollpatrouillen, wie in den 1990er Jahren, schloss Shebani allerdings aus. "Wir möchten betonen, dass wir weder die Häuser der Menschen betreten noch Orte, an denen sie sich treffen, und wir werden keine Gewalt anwenden." Dies sei den Ministeriumsmitgliedern ohnehin verboten – selbst wenn klar sei, dass die Regeln gebrochen werden.

Stattdessen sollen die Bewohner zur Sauberkeit und Nächstenliebe ermahnt werden. Daneben rufen die Richtlinien zur Achtung der Frauenrechte auf. Zwangsheiraten sind demnach ebenfalls verboten, gleichzeitig gibt es die Möglichkeit, sich scheiden zu lassen.

"Manche Leute denken, wir seien extremistisch, aber so sind wir nicht. Der Islam ist eine Religion der Mäßigung, nicht zu viel und nicht zu wenig, alles stimmt", sagte Shebani dem "Guardian". Dass die Taliban in den Medien kein gutes Bild abgeben, ist ihm aber klar. Sie sollten stattdessen die Realität verbreiten, so sein Appell. Zu dieser Realität gehört jedoch auch die gewaltsame Unterdrückung von Protestaktionen und Demonstrationen. Diese sind seit Kurzem ebenfalls verboten. Am Mittwoch hatten Frauen auf Kundgebungen in Kabul demonstriert. Dabei wurden mehrere Journalisten festgenommen und misshandelt.

Quelle: "Guardian"

cl

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