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Terror: Anschläge auf Istanbuler Synagogen

Bei Bombenanschlägen gegen zwei Synagogen in Istanbul sind mindestens 20 Menschen getötet und über 250 verletzt worden, darunter viele Passanten.

Die Autobomben explodierten nahezu zeitgleich an der Synagoge Neve Shalom und der mehrere Kilometer entfernten Gebetsstätte Beit Israel. Die Anschläge wurde am Sabbat, dem jüdischen Sonntag, verübt. Die Wucht der Explosionen war so heftig, dass an den Gotteshäusern sowie den umliegenden Wohnhäusern und Geschäften schwere Schäden entstanden. Das türkische Fernsehen und der Sender CNN zeigten zahlreiche zerstörte und ausgebrannte Autos auf den Straßen.

Wer hinter den Anschlägen steckt, war zunächst unklar. Israel sprach von "kriminellen Terroranschlägen". Die türkische Regierung vermutete internationale Extremistengruppen wie die El Kaida des Islamisten Osama bin Laden als Täter.

Regierungen in aller Welt reagierten mit Entsetzen und Abscheu auf die Anschläge in der Türkei, die als säkularer Staat freundschaftliche Beziehungen zu Israel unterhält.

Gewaltige Schäden nach den Explosionen

Die türkische Polizei hatte zunächst von 24 Toten berichtet. Fernsehbilder zeigten, wie blutende Menschen, zum Teil auf Tragen, von den Anschlagsorten in Krankenhäuser geschafft wurden. Ganze Häuserfassaden waren von der Wucht der Explosionen aufgerissen, die Straßen übersät von Schutt und Scherben.

Der Oberrabbiner in der Türkei, Jitzhak Halewa, berichtete, er habe gerade seine Predigt in der Synagoge Beit Israel im Stadtteil Sisli gehalten, als dort der Sprengsatz explodierte. "Alle Fenster platzten auf, und ich fand mich entsetzt mitten in einer Qualmwolke wieder." Der Sohn des Rabbiners wurde verletzt.

Schock und Entsetzen auch bei den Menschen an der rund fünf Kilometer entfernten Synagoge Neve Shalom. Helfer bargen auch hier blutende und schreiende Verletzte, darunter viele Passanten. Fernsehaufnahmen zeigten Menschen, die in Panik und weinend auf der Straße umherirrten.

In der Synagoge Neve Shalom, was übersetzt "Oase des Friedens" heißt, hielten sich wegen einer rituellen Feier rund 300 jüdische Gläubige auf, mehr als üblich. Bereits 1986 war diese Synagoge Ziel eines damals von Palästinensern verübten Anschlags gewesen: Dabei starben 22 Menschen.

Türkei vemutet internationalen Hintergrund

Die israelische Regierung verurteilte die Anschläge umgehend als "kriminelle Terrorakte" und bot der Türkei Hilfe zur Aufklärung an. Der türkische Außenminister Abdullah Gül sagte, für ihn sei "klar, dass dies ein Terrorakt mit internationalem Hintergrund ist". Ob die in Autos versteckten Sprengsätze ferngezündet oder von Selbstmord-Attentätern ausgelöst wurden, blieb zunächst unklar. Innenminister Abdülkadir Aksu zog ein bei der Nachrichtenagentur Anatolien eingegangenes Bekenntnis der radikalen Islamistengruppe IBDA/C in Zweifel. Diese Gruppe verfüge vermutlich nicht über die Mittel für eine solche Tat. Ähnlich äußerte sich auch der deutsche Terrorismus-Experte Rolf Tophoven. Der Anschlag trage eher die Handschrift der El-Kaida, sagte Tophoven der Zeitung "Welt am Sonntag".

Ministerpräsident Tayyip Erdogan verurteilte die Bombenanschläge als "Terroranschlag gegen die Menschlichkeit". Außenminister Gül sagte, das NATO-Mitglied Türkei werde sich nicht davon abbringen lassen, auch weiterhin den Kampf gegen den internationalen Terrorismus zu unterstützen. Für die israelische Regierung sind die Anschläge der Beweis, dass der Terrorismus inzwischen eine globale Bedrohung geworden ist. "Erneut wurde deutlich, dass sich der Terrorismus nicht nur gegen Israel und die Juden richtet. Er ist eine globale Bedrohung geworden, die von der internationalen Gemeinschaft gemeinsam bekämpft werden muss", erklärte das Außenministerium in Jerusalem.

Bundeskanzler und Außenminister verurteilten die Anschläge

Bundeskanzler Gerhard Schröder und Außenminister Joschka Fischer verurteilten die Anschläge. Er habe mit Entsetzen die Nachricht vernommen, schrieb Schröder in einem Kondolenzschreiben an Erdogan. "Dass das Ziel der barbarischen Terroranschläge Synagogen waren, in denen sich Betende zum heutigen Sabbat versammelt hatten, erfüllt uns mit besonderem Entsetzen und Empörung", erklärte Fischer. Die Anschläge machten erneut deutlich, "dass der Kampf gegen den internationalen Terrorismus, aber auch gegen den Antisemitismus eine gemeinsame Anstrengung der Staatengemeinschaft sein muss".