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Tibet-Proteste: "Nur Härte gegenüber China hilft"

"Reporter ohne Grenzen" wollen es nicht bei der einmaligen Störung des Olympischen Fackellaufs belassen. Jean-François Julliard kündigt im Interview mit stern.de weitere heftige Proteste an und fordert, zumindest die Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in China zu boykottieren.

Herr Julliard, in Griechenland haben Sie die Olympische Zeremonie unterbrochen - sind Sie zufrieden mit der Aktion?

Wir hatten Glück - das Ganze ist gut gelaufen. Wir konnten durch das griechische Sicherheitsnetz durchschlüpfen und unsere Flagge entrollen. Zwar nur kurz, aber immerhin.

Was wollen Sie mit den Protesten bezwecken?

Wir wollen die Welt auf die Zustände in China aufmerksam machen. Die chinesische Regierung hat eine Reihe von Zugeständnissen gemacht, als sie zum Austragungsort für die Olympischen Spiele auserkoren wurde. Diesen Zugeständnissen ist sie jedoch nicht gerecht geworden. Die Welt soll sich darüber bewusst werden, dass die Menschenrechtssituation in China sich nicht verbessert, sondern verschlechtert.

Wollen Sie die Olympischen Spiele boykottieren?

Nein. Wir rufen zu einem Boykott der Eröffnungszeremonie auf. Die Spiele zu boykottieren wäre ja unfair - so würden die Sportler bestraft. Die können nichts für die Situation und haben sich auch nicht ausgesucht, dass die Spiele in Peking stattfinden. Wenn hingegen die Eröffnungszeremonie boykottiert wird, wäre das eine sehr starke, politische Geste. Es wäre bedeutend, wenn Staatschefs, Regierungschefs und Adlige, die ja eingeladen sind, bekanntgäben, dass sie sich zwar die Spiele selbst ansehen, nicht aber die Zeremonie.

Aber was würde das bringen?

Es könnte die chinesische Regierung dazu zwingen, ihr Verhalten zu ändern, die Menschenrechtslage zu verbessern und festgenommene Journalisten und politische Gefangene freizulassen. Jedenfalls hoffen wir das.

Wäre es da nicht besser, direkt mit der Regierung zu reden, als zu einem solchen Boykott aufzurufen?

Nein, überhaupt nicht. Regierungskonsultationen gibt es seit Jahren - zum Beispiel zwischen China und der EU. Und getan hat sich rein gar nichts. Deswegen ist es nötig, China gegenüber eine härtere Position einzunehmen. Dazu rufen wir die demokratischen Regierungen der Welt auf.

Kann es nicht sein, dass China gerade bei einem solchen Boykott alle Anstrengungen in Sachen Menschenrechte unterlässt?

Nein, die Erfahrung hat das Gegenteil gezeigt. Jedes Mal, wenn Regierungen eine harte Position gegenüber China eingenommen haben, hat das Wirkung gezeigt. Als zum Beispiel die amerikanische Regierung eine Liste mit Journalisten in chinesischer Gefangenschaft und politischen Häftlingen veröffentlichte, wurden daraufhin einige von diesen Häftlingen freigelassen. Eine harte Linie erscheint uns also effektiver als ein konstruktiver Dialog, der sich über Jahre hinziehen wird - während derer die Häftlinge vor sich hinvegetieren.

Haben Sie außer Ihrer Aktion noch andere Proteste gegen China vor?

Natürlich. Darüber kann ich aber jetzt noch nicht sprechen - einerseits, weil unsere Pläne noch nicht feststehen, andererseits weil wir sie im Voraus natürlich nicht enthüllen wollen. Aber wir werden versuchen, diese Art von Aktionen zu häufen, und das bei allen sich bietenden Gelegenheiten. Gerade ist die Flamme in Griechenland, aber sie durchläuft ja noch so die eine oder andere Region. Wir werden das Olympische Feuer noch öfter stören.

Wollen Sie die Olympische Fackel stoppen?

Nein, nicht direkt. Obwohl natürlich nichts dagegen spräche. Jede Demonstration ist willkommen, die erlaubt, die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf China zu lenken und darauf, dass die Chinesen den olympischen Geist nicht respektieren, und die zeigt: 'Olympische Spiele sollten nicht unter solchen Umständen stattfinden".

Sind denn nur die Chinesen die Sündenböcke? Es gab doch auch Berichte von Tibetern, die Chinesen attackieren.

Nicht unbedingt. Wir sagen ja nicht, dass die Tibeter komplett unschuldig sind und nur die Chinesen Schuld an der Situation. Aber ein klares Bild können wir uns nur machen, wenn ausländische oder chinesische Journalisten nach Tibet reisen dürfen. Wir fordern also, dass die Regierung das "Black out" in Tibet aufhebt. Dann können Journalisten endlich mit den Menschen vor Ort reden und Augenzeugenberichte einsammeln. Erst dann werden wir genau wissen, was dort passiert.

Denken Sie, Sie werden Erfolg haben mit ihrer Strategie?

Ja. Unsere Strategie wird sich auszahlen, sie ist positiv und wird die Dinge ins Rollen bringen.

Interview: Lisa Louis