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Luftangriffe gegen IS und PKK: Türkei attackiert auch autonomes Kurdengebiet

Nach jahrelanger Zurückhaltung hat Ankara am Freitag zum ersten Mal Luftangriffe gegen IS-Ziele angeordnet. Kampfjets bombardierten aber auch fünf Ziele im Kurdengebiet nahe der Grenze zur Türkei.

In der Nacht haben türkische Kampfflugzeuge PKK-Militärlager im Nordirak bombardiert

In der Nacht haben türkische Kampfflugzeuge PKK-Militärlager im Nordirak bombardiert

Die türkische Regierung hat die neuen Luftangriffe auf die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien und kurdische Rebellen im Nordirak offiziell bestätigt. Die Luftwaffe habe Stellungen des IS in Syrien und der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) im Nordirak bombardiert, teilte das Büro von Ministerpräsident Ahmet Davutoglu am Samstag mit. Im Nordirak wurden demnach Ziele wie Unterstände und Waffenlager der PKK angegriffen. Unter den genannten Orten sind auch die Kandil-Berge, wo die Kurdenkämpfer ihr Hauptquartier haben. Neben den Luftangriffen seien auch Artillerieangriffe türkischer Bodentruppen erfolgt. 

Bereits am frühen Freitagmorgen hatte die türkische Luftwaffe Stellungen der IS-Extremisten im Nachbarland Syrien bombardiert. Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden dabei mindestens neun IS-Kämpfer getötet und zwölf weitere verletzt. Der Militäreinsatz gegen den IS habe sein Ziel erreicht und werde fortgeführt, sagte Regierungschef Ahmet Davutoglu nach den ersten Bombardements.


Kehrtwende in Ankara

Es war das erste Mal, dass die türkischen Streitkräfte Angriffe auf IS-Stellungen in Syrien flogen, seit die Miliz im Sommer vergangenen Jahres weite Teile des Landes erobert hatte. Am Donnerstag hatten türkische Panzer bereits Stellungen der Dschihadisten in Syrien beschossen. Zuvor war ein türkischer Soldat durch Schüsse aus dem Nachbarland getötet worden.

Die Luftangriffe auf die IS-Stellungen markieren eine Kehrtwende im Umgang der Türkei mit der Dschihadistenmiliz. Die islamisch-konservative Regierung in Ankara war seit Langem dafür kritisiert worden, zu wenig gegen die Dschihadisten zu tun. Die Türkei beteiligte sich bisher nicht an den US-geführten Luftangriffen gegen den IS in Syrien. Grund für den nunmehr offenen Konflikt Ankaras mit dem IS ist vor allem der folgenschwere Anschlag vom Montag, bei dem im südtürkischen Suruc 32 Menschen getötet und etwa hundert weitere verletzt wurden. Der Selbstmordanschlag wird dem IS zugeschrieben.

Die türkische Polizei hat außerdem bei Anti-Terror-Razzien mittlerweile fast 600 mutmaßliche Mitglieder der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) und der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) festgenommen. Wie Ministerpräsident Ahmet Davutoglu am Samstag mitteilte, wurden seit Freitag insgesamt 590 Verdächtige wegen Verbindungen zu "Terrororganisationen" festgenommen.

PKK-Hauptquartier bombardiert

Auch die Angriffe der türkischen Luftwaffe auf Militärlager der kurdischen Rebellen im Nordirak wurden seitens der Regierung in Ankara bestätigt. Ein Sprecher der PKK im Irak sagte, die Kampfjets hätten am Freitagabend fünf Ziele im autonomen Kurdengebiet nahe der Grenze zur Türkei zu bombardiert. Die Kampfflugzeuge überflogen demnach auch die Kandil-Berge im Nordirak, wo die politische Führung der PKK ihr Hauptquartier hat.

Die Türkei stuft die PKK als "Terrororganisation" ein, Mitglieder des bewaffneten Arms der PKK hatten sich in dieser Woche zur Tötung zweier Polizisten in der Türkei bekannt. Sie bezeichneten die Taten als Vergeltung für das Massaker von Suruc.

Friedensprozess zum Scheitern verurteilt

Die Angriffe auf die PKK-Camps könnten den Friedensprozess mit den Kurden endgültig zum Scheitern bringen. Die PKK kündigte umgehend den Waffenstillstand mit der türkischen Regierung auf. Er sei mit dem Beschuss der PKK-Lager bedeutungslos geworden, erklärte sie auf ihrer Internetseite.

Beide Seiten hatten 2012 Friedensgespräche begonnen. Dabei wurde auch ein Waffenstillstand und ein Abzug der PKK-Kämpfer aus der Türkei in den Nordirak vereinbart. Der Friedensprozess liegt derzeit ohnehin auf Eis.


ivi / DPA / AFP / Reuters