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TV-Duell Clinton vs. Trump: Der rasende Bulle läuft ins Leere

Hillary Clinton könnte die erste Frau an der Spitze der USA sein. Im TV-Duell attackierte Donald Trump sie heftig, aber sie bewahrte Ruhe. Reicht das für ein Comeback?

Donald Trump und Hillary Clinton in ihrem ersten TV-Duell

Schonungsloser Schlagabtausch: Donald Trump und Hillary Clinton in ihrem ersten TV-Duell.

Es war ein guter Anfang. Wie Hillary Clinton in ihrem roten Hosenanzug auf die Bühne kam, auf Donald Trump zuging, ihn regelrecht abfing und begrüßte: "Hallo Donald". Da wirkte sie dynamisch. Angriffslustig. Kraftvoll. Und er geradezu sanft und unbeholfen.

Millionen Frauen und Twitterer jubelten da. Ihr roter Hosenanzug wurde gelobt. Die Ohrringe schlicht, die Haare perfekt. Und als sie dann noch gefühlvoll von ihrer Enkelin Charlotte erzählte, schien es, als hätte Hillary Clinton endlich ihren Ton gefunden. Empathisch und gewinnend wirkte sie. Als hätte sie eine Chance an diesem Abend. Als könnte sie ihren Kontrahenten Donald Trump vielleicht mit einem Wirkungstreffer niederstrecken.

Endlich, nach zwei Wochen in denen sie nur Schläge bezogen hatte. Erst, weil sie Trumps Wähler beschimpfte und dann weil sie ihre Lungenentzündung verschwieg. So etwas mögen Amerikaner nicht sonderlich gerne, wie heute veröffentlichte Umfragen bestätigen. Danach ist von dem ehemals soliden Vorsprung, den Clinton kürzlich noch hatte, nichts mehr geblieben. In wichtigen Staaten wie Florida oder North Carolina liegt sie nahezu gleichauf mit Donald Trump. Umso wichtiger war deswegen ihr Auftritt bei der ersten Debatte. CNN-Moderator Anderson Cooper hatte noch kurz vor Beginn gesagt: "Heute Abend kann die Wahl entschieden werden."

Donald Trump, "ein rasender Bulle"

Sollte Hillary Clinton auch bei ihrer zweiten Bewerbung um die Präsidentschaft als Verliererin nach Hause gehen? Nach zehn Minuten sah es plötzlich danach aus. Es waren Momente, in denen Donald Trump einfach Donald Trump war. Er attackierte, wurde laut und polterte los. Clinton kam kaum mehr zu Wort. Sie wirkte verloren neben dem Mann, der sie auch körperlich weit überragt. Er tat genau das, was er schon in den Debatten der Republikaner getan hatte. Er mobbte und log. Das "New York Magazine" nannte ihn in dieser Phase "einen rasenden Bullen." Manchmal sah es aus, als würde Hillary Clinton nie wieder zu Wort kommen.

Aber gerade weil er so brüllte, weil er so aggressiv war, sorgte Donald Trump für Hillary Clintons besten Moment. Denn die Frau, der viele in den USA nachsagen, sie sei eiskalt, wirkte plötzlich zerbrechlich. Und man konnte fast Mitleid mit ihr haben.

Ihre größte Stärke im Duell mit Donald Trump war, dass sie Ruhe bewahrte. Ihr war anzusehen, dass sie mit sich rang. Soll sie dazwischen gehen? Oder soll sie ihn weiter wüten lassen? Sie entschied sich für Geduld. Und verkniff sich jedes Augenrollen. So liefen Trumps wilde Attacken irgendwann ins Leere.

Sie wirkt oft hölzern und verkrampft

Aber trotzdem tat sich Hillary Clinton schwer, Trump wirklich weh zu tun, an diesem Abend in der Hofstra University. Sie ist alles andere als eine begnadete Rednerin. Sie kennt alle wichtigen Fakten. Aber das ist genau ihr Problem. Sie wirkt oft hölzern und einfach nur verkrampft. Fast immer klingt sie, als habe sie ihren Text auswendig gelernt. Sie hätte auch mal über echte Menschen reden können. Warum schrie sie nicht einfach mal zurück? Trump, du Lügner. Du Betrüger? Du Rassist?

Es dauerte fast bis zum Schluss, dann hatte Hillary Clinton endlich doch noch einen großen Moment. Sie griff Trump für seine sexistischen Sprüche an. Sie sprach davon, wie er eine Teilnehmerin eines Schönheitswettbewerbes erst "Schwein" genannt habe. Und später, als er erfahren habe, dass sie Latina war, habe er sie "Putzfrau" getauft. Trump machte die Situation für sich noch schlimmer, als er Clinton in einem Zwischenruf nach dem Namen der Frau fragte. "Alica Machado", erwiderte die ehemalige First Lady triumphierend. Ihre Message war klar: Für Trump sind Frauen nur ein Stück Fleisch.

Seine Antwort blieb kläglich. Er jammerte darüber, dass Clinton so viel Geld ausgebe, um ihn in Werbekampagnen schlecht zu machen. Dann stammelte er daher, er könnte jetzt etwas ganz schreckliches über die Clintons erzählen. Tat es aber nicht. Das überließ er nach dem Ende der Debatte seinem Wahlkampfteam. Er habe über die Untreue Bill Clintons reden wollen, aber aus Respekt vor Chelsea Clinton, die im Saal saß, darauf verzichtet, ließ er so durchsickern.

Sie wollen mit Eliten und Establishment brechen

Also, Hillary Clinton die Siegerin des Abends? Wenn die Wahl dieses Jahr nur so einfach wäre. Trump hat alle Regeln, die bislang galten, außer Kraft gesetzt. Er hat schon so viel gesagt, was andere Kandidaten vor ihm ruiniert hätte. Mit seinem Auftritt in der Debatte hat er sicher seine Anhänger noch näher um sich gesammelt. Sie lieben gerade diesen ungehobelten Typen, der den Politikern ihre Versäumnisse an den Kopf schmeißt. Sie wollen mit den Eliten und dem Establishment brechen. Egal wie.

Ob Hillary Clinton stark genug war, um ihren stetigen Abstieg in den Umfragen zu bremsen, kann jetzt noch niemand sagen. Sicher, sie hat bei weiblichen Wählern gepunktet. Aber die hatte sie ja schon vor der Debatte auf ihrer Seite. Die wichtige Frage ist, ob sie neue Wähler überzeugen konnte. Reicht ein guter Moment aus?

Einiges deutet derzeit darauf hin, dass die Stimmung in den USA gerade perfekt für Trump ist. Viele wollen den radikalen Umbruch. Sie haben die Nase von den Clintons schlichtweg voll. Dafür sind sie bereit, einen angeblichen Milliardär zu ihrem Präsidenten zu wählen, von dem niemand wirklich weiß, wie reich er wirklich ist.

Donald Trump