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Ukrainer berichten: "Beendet diesen Albtraum"

Der Ukraine-Konflikt nimmt kein Ende. Wie geht es den Menschen im Land? Drei Berichte von drei ukrainischen Frauen.

Von Maren Christoffer

Kämpfe in Donezk, Luhansk, Mariupol - immer mehr russische Truppen im Osten, Tote, Flüchtlinge, Elend. Und jeden Tag steigen die Spannungen zwischen Russlands Präsident Putin und dem Westen. Hier soll es ausnahmsweise einmal nicht um Militärstrategien, Sanktionen oder politische Szenarien gehen, sondern um die Menschen. Wie leben sie, was denken sie, wovor haben sie Angst? Drei Frauen waren bereit, mit dem stern zu sprechen. Die O-Ton-Protokolle.

Kate K., Studentin, Odessa

"Die Situation hier im Land ist schlimm. Wir haben Krieg im Osten, unsere Jungs sterben dort. Die Regierung gibt uns keine klaren Informationen darüber, wie viele Opfer wir im Moment zu verzeichnen haben.

Das schlimmste ist, dass wir einen Bürgerkrieg zwischen zwei Gruppen haben.

Die einen sind sehr patriotisch, sie glauben an den Euromaidan und denken, dass es im Winter 2013 eine Revolution der Ehre gegen eine korrupte Regierung gab. Sie sind sicher, dass die Krim von Putin besetzt wurde und er nun einen Teil unseres Landes haben will.

Die andere Gruppe glaubt, dass die USA und Europa Russland versklaven wollen und das auf dem Rücken der Ukraine austragen. Deshalb ist unser Land ein strategisches Objekt. Sie denken, unsere Regierungsmitglieder seien Banditen und unwichtig, sie seien nur Marionetten des Westens.

Im Wesentlichen sind wir gestresst und angespannt. Tausende Menschen sind aus dem Osten geflohen und versuchen irgendwie zu überleben. Ich lebe in Odessa, im Süden der Ukraine, und heute oder morgen könnten wie hier einen Krieg haben. Die Leute sind total verängstigt."

Yana G., Studentin, Odessa

"Die Medien und unsere Regierung erzählen uns, dass Russland die Probleme verursacht. Sie sagen, dass Putin für alles, was in der Ostukraine passiert, verantwortlich ist. Meiner Meinung nach ist unsere Regierung schuld an dem Konflikt. Als die Maidanbewegung passierte, wollten die Ukrainer eine Regierung ohne Korruption. Aber jetzt sitzen im Grunde wieder die gleichen Leute im Parlament.

Jeder Ukrainer nimmt den Konflikt wahr, erlebt ihn. Ich persönlich unterstütze die Veränderungen, obwohl sie mit Schwierigkeiten, Blut und Verlust verbunden sind. Ich glaube daran, dass sich bald alles ändern wird und die Ukraine ein neues Level erreicht. Es wird zehn bis 15 Jahre dauern, aber besser spät als nie.

Tragischerweise müssen wir sagen, dass in der Ostukraine Krieg herrscht. Es ärgert mich so sehr, dass wir unser Militär dorthin geschickt haben. In den Nachrichten hörst du, dass unsere Armee alles hat, aber das ist falsch. Die Soldaten haben nichts zu essen, keine normale Ausrüstung. Sie müssen Munition und Körperpanzer für 1.000 Hrywnja [umgerechnet rund 60 Euro] kaufen. Es ist schrecklich. Wir ärgern uns darüber, dass die Männer, die jetzt an der Macht sind, nicht ihre Kinder in den Krieg schicken. Ihre Kinder sind zuhause geblieben oder im Ausland. Es sind die gewöhnlichen ukrainischen Jungen, die im Krieg kämpfen. Unsere Armee ist in einem verheerenden Zustand, sie braucht unbedingt externe Unterstützung. Es ist wirklich schwierig abzuschätzen, wie dieser Konflikt ausgehen wird. Normalerweise wollen Menschen keinen Krieg.

Die Leute im Osten tun mir leid. Viele von ihnen haben kein Heim mehr und wissen nicht, wo sie hingehen sollen. Sie flüchten aus dem Osten. Viele von ihnen sind nach Russland gegangen, doch es gibt auch einige, die in der Ukraine leben wollen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, an einem Morgen aufzuwachen und nicht zu wissen, wo ich wohnen soll.

Ich kenne viele Leute, die weder die Maidanbewegung, noch unsere Regierung unterstützen. Sie glauben, dass es besser wäre, wenn wir zu Russland gehören. Sie sagen, dass die Ukraine ohne Russland wertlos ist. Deshalb versuche ich mit ihnen nicht über Politik zu sprechen. Sie leben in der Vergangenheit. Sie vermissen die Sowjetzeit in der "alles gut" war. Sie unterstützen Putin und seine Bewegung. Sie hätten nichts dagegen, wenn meine Heimatregion Odessa ein Teil Russlands wäre. Für mich ist das unvorstellbar. Der Ukraine steht eine gute Zukunft bevor, ohne Russland. Ich bin glücklich, wenn Leute sagen, dass sie stolz darauf sind Ukrainer zu sein. Der Konflikt wird eines Tages enden, aber wir werden nicht mehr die Gleichen sein. Die Veränderungen sind gut."

Anastasia G., Finanzbuchhalterin, Kiew

"Unsere Regierung versucht so schnell wie möglich einen Ausweg zu finden, ohne Waffen zu nutzen. Meiner Ansicht nach ist von der Regierung alles politisch korrekt gehandhabt worden. Das Problem ist aber, dass unser Feind - damit meine ich Russland und der größte Teil der Bevölkerung sieht es auch so - nicht fair spielt. Das Ergebnis ist, dass viele Soldaten auf beiden Seiten für ein politisches Spiel sterben.

Es gibt genügend Beweise dafür, dass russisches Militär im Donbass ist. Diese Terroristen sind von Russland finanziert. Das ist kein Bürgerkrieg. Der Krieg ist auf Putins Idee zurückzuführen, das ehemalige russische Land zurückzuholen und in ein großes Imperium zu verwandeln. Das hier ist ein Krieg mit Russland, nichts anderes. Europa ist betroffen und wir brauchen es, aber tatsächlich denken viele Menschen, dass Europa nichts tut. Wenn ich von Russland und Europa spreche, dann meine ich Politiker. Ich kenne nämlich von beiden Seiten Bürger, die Mitgefühl haben und sich sorgen. Ja Russland hat die Vereinbarungen gebrochen, als sie die Krim annektierten, aber Europa hat sie auch gebrochen. Das ist der Grund, warum niemand mehr an die wortreichen Versprechen der europäischen Politiker glaubt.

Ich hoffe, wir können unsere bisherigen Grenzen ohne Veränderungen und Verluste schützen und dass der Protest beendet wird. Aber unglücklicherweise wahrscheinlich nicht mehr in diesem Jahr.

Ich bin wirklich besorgt über die gesamte Situation. Wir haben aufgrund von Gasknappheit in der Zeit von Juni bis Oktober kein warmes Wasser in Kiew. Im Winter werden die Schulen 1,5 Monate lang geschlossen bleiben. Das ist unüblich, aber wir können sie nicht beheizen.

Das größte Problem ist, dass Europa nicht versteht, wie schlimm die Situation wirklich ist. Russland spielt mit jedem und betrügt alle: die russische Bevölkerung, die Medien, einfach alle. Und die Ukrainer sind total sauer und müde nach allem, was im Winter und jetzt passiert ist. Die Menschen wollen schnelle und radikale Entscheidungen, um diesen Albtraum endlich zu beenden. Zu viele Menschen, junge Männer sterben jeden Tag."

Maren Christoffer hospitiert derzeit im Berliner stern-Büro. Ein Semester ihres Studiums hat sie in Litauen absolviert, dort lernte sie auch viele Ukrainer kennen. Viele wollten nicht über die aktuelle Lage sprechen - aus Angst.