UN-GIPFEL HIV: Ein Erreger im Rampenlicht der Weltpolitik


Mit ihrer Gipfelkonferenz zur Aidsepidemie stellen die Vereinten Nationen erstmals einen Krankheitserreger ins Rampenlicht der Weltpolitik.

Mit ihrer Gipfelkonferenz zur Aidsepidemie stellen die Vereinten Nationen erstmals einen Krankheitserreger ins Rampenlicht der Weltpolitik. Regierungs- und Staatschefs, Minister und hochrangige Experten aus gut 180 Ländern werden zur ersten Sondersitzung der UN-Generalversammlung zum Thema HIV/Aids am heutigen Montag (25. Juni) in New York erwartet. Ihr Initiator, UN-Generalsekretär Kofi Annan, nennt den Kampf gegen die verheerende Seuche »meine persönliche Priorität«.

Nach 20 Jahren Aids, 22 Millionen Opfern und weiteren 36 Millionen Infizierten, jeder Zweite ist noch nicht einmal 25 Jahre alt, will Annan die internationale Gemeinschaft jetzt in die Pflicht nehmen. 16 bis 23 Milliarden Mark pro Jahr sollen vor allem die reicheren Länder des Nordens in den von ihm gegründeten Aidsfonds zahlen, damit Vorbeugung und eine angemessene Behandlung endlich auch in Afrika, Asien und Südamerika zum Alltag gehören. Die von Annan geforderte Summe entspricht gut dem Fünffachen der bisherigen Ausgaben.

Es geht nicht nur um Geld

»An unserem Echo auf diese Katastrophe lässt sich unsere Menschlichkeit messen, kommentiert der Direktor des Aidsinstitutes der Harvard-Universität in Boston, Richard Marlink. Noch immer stehe ein Großteil der Staatengemeinschaft dem entscheidenden Schlag gegen HIV/Aids mit seiner Unkenntnis und Unfähigkeit im Wege, das Ausmaß der Gefahr für die Menschheit zu begreifen. Bei den am schlimmsten betroffenen Länder kämen Angst, Armut und Scham noch hinzu.

Tatsächlich geht es nicht nur um Geld. Dass Tabus die Bezwingung des tückischen Erregers vielerorts fast unmöglich machen, zeigt schon die Vorbereitung einer gemeinsamen Erklärung. Sie soll zum Abschluss der Konferenz sozusagen als Bekenntnis aller Länder zum Kampf gegen HIV/Aids verabschiedet werden. Die 19-seitige »Deklaration« gibt jedem Teilnehmerland feste Ziele auf den Weg und setzt den UN und Hilfsorganisationen detaillierte Strategien gegen die Epidemie vor.

Doch trotz mehr als einmonatiger Verhandlungen fast rund um die Uhr haben sich Diplomaten der UN-Mitgliedsstaaten in New York bisher nicht auf den Text einigen können. Weniger als eine Woche vor Beginn der dreitägigen Konferenz wird

weiter an dem Inhalt und der Sprache des Entwurfs gefeilt. Zu den Reizworten vor allem für streng islamische, aber auch viele katholische Staaten gehören Homosexualität, Prostitution und Drogensüchtige. Das Recht von Frauen auf Selbstbestimmung in Fragen ihrer Sexualität ist ein weiterer Streitpunkt; die USA winden sich noch beim Recht für einen jeden Menschen auf angemessene Behandlung.

Beistand aus der Wirtschaft

Die UN bekommen nun Beistand aus der Wirtschaft. Nachdem sich mehrere Pharmaunternehmen bereit erklärt hatten, ihre kostspieligen Aidsmedikamente in den am schlimmsten betroffenen Ländern Afrikas zum Selbstkostenpreis - oder noch darunter - zu verkaufen, spendete die »Bill und Melinda Gates Stiftung« 100 Millionen Dollar für Annans Aidsfonds. Coca Cola Co. versprach der UN-Agentur UNAIDS, sein Marketing- und Verteilernetz in Afrika für die Aids-Aufklärung und Vorbeugung vor HIV-Infektionen zur Verfügung zu stellen.

Selbst Richard Holbrooke, der Architekt mehrerer Friedensabkommen auf dem Balkan und zuletzt Botschafter der USA bei den Vereinten Nationen, hat sich jetzt dem Kampf gegen Aids verschrieben. Er übernahm diese Woche des Posten des Präsidenten und Geschäftsführers des Global Business Council, eines Verbandes, der die Wirtschaft verstärkt gegen HIV/Aids aktivieren will.

Hunger begünstigt Aids

Unterernährung begünstigt nach Auffassung des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP) die Ausbreitung der Immunschwächekrankheit AIDS. »Der Zusammenhang zwischen Hunger und AIDS wird häufig übersehen«, sagte ein WFP-Sprecher am Freitag in Rom. »Die internationale Gemeinschaft muß diesen Sachverhalt berücksichtigen, wenn sie die Krise in den Griff bekommen will.« Schlechte Ernährung begünstige den Übergang vom AIDS auslösenden HI-Virus zu AIDS, sagte der Sprecher. Von den 36 Millionen Menschen, die sich weltweit mit HIV infiziert haben, leben 95 Prozent in Entwicklungsländern.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker