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Unruhen in islamischen Ländern: Zorn der Muslime trifft auch Deutschland

Die Proteste gegen das Schmähvideo richten sich nicht mehr nur gegen die USA: Im Sudan haben Muslime die deutsche Botschaft angegriffen. Bei Demonstrationen in Tunis gab es erneut Tote.

Die Proteste der islamischen Welt gegen einen Schmähfilm aus den USA treffen nun auch Deutschland: In der sudanesischen Hauptstadt Khartum haben aufgebrachte Demonstranten am Freitag die deutsche Botschaft gestürmt. Sie rissen die deutsche Flagge herunter und setzten das Gebäude der Vertretung in Brand.

Die Botschaft sei zwar "in Flammen gesetzt worden", es sei aber "glücklicherweise kein Personenschaden entstanden", sagte Außenminister Guido Westerwelle am Freitag in Berlin. In einem Telefonat mit seinem sudanesischen Amtskollegen habe er anschließend "die umgehende und umfassende Sicherung" der diplomatischen Vertretung verlangt. Diese sei ihm zugesagt worden.

Auch die britische Botschaft wurde attackiert. Später zogen mehrere Hundert Demonstranten vor die US-Botschaft. Dort kam es zu schweren Zusammenstößen mit Sicherheitskräften. Nach Informationen des Nachrichtensenders Al Arabija wurden zwei Demonstranten getötet, als Sicherheitskräfte mit Tränengas auf die Menschenmenge vor der US-Botschaft in Khartum feuerten. Auch ein Kameramann sei verletzt worden.

Sicherheitsvorkehrungen verschärft

Westerwelle verurteilte den Angriff in Khartum aufs Schärfste. Zugleich äußerte der Außenminister aber auch Verständnis für den Unmut in der islamischen Welt, der sich gegen ein in den USA produziertes Video richtet. "Ich verurteile dieses schändliche Video. Aber das ist keine Rechtfertigung für Gewalt."

Aus Sorge vor weiteren Übergriffen wurden auch in anderen islamischen Ländern die Sicherheitsvorkehrungen rund um die deutschen Auslandsvertretungen verschärft. Am Freitag sind dort die Botschaften aber in der Regel ohnehin geschlossen. Auch die deutsche Botschaft in Khartum hatte Ruhetag. Von den 22 Mitarbeitern war zum Zeitpunkt der Angriffe niemand im Gebäude.

Tote in Tunis

Auch in zahlreichen anderen Ländern gingen Zehntausende auf die Straße.

In der tunesischen Hauptstadt stürmte der Mob die US-Botschaft. Dabei wurden mindestens drei Menschen getötet worden. Mindestens 28 Menschen seien verletzt worden. Zwei der Verletzten schwebten in Lebensgefahr. Mehrere Demonstranten waren über eine der Mauern geklettert. Nachdem die Menge Molotowcocktails auf das Gelände geworfen hatte, brannten mehrere Fahrzeuge. Die Menschen riefen "Allahu Akhbar" (Gott ist groß) und schwenkten schwarze Fahnen des Dschihad, des heiligen Krieges gegen die Ungläubigen. Die Polizei setzte zunächst Tränengas ein. Später schossen die Sicherheitskräfte. Laut der Nachrichtenagentur TAP setzten Demonstranten auch die wenige Meter entfernte US-Schule in Brand und plünderten die Ausrüstung der Schule. Am Abend kehrte zunächst Ruhe ein.

Im westafrikanischen Nigeria hat die Polizei am Freitag muslimische Demonstranten mit Schüssen in die Luft auseinandergetrieben. In der Stadt Jos habe die Menge gegen das Mohammed-Schmähvideo protestiert, berichteten die Zeitung "Daily Trust".

"Wir wollen den Papst nicht"

Bei den Protesten in der libanesischen Stadt Tripoli kam ein Mann ums Leben, 25 Menschen wurden nach Angaben aus Sicherheitskreisen verletzt. Die Demonstranten hatten eine Filiale der US-Imbisskette KFC angegriffen und sie in Brand gesetzt. Die staatliche Nachrichtenagentur NNA meldete, die Polizei habe in die Luft geschossen, um die Demonstranten zu vertreiben.

Kurz vor den Ausschreitungen war Papst Benedikt XVI. in der libanesischen Hauptstadt Beirut eingetroffen. Die Demonstranten in Tripoli riefen nach Berichten von Augenzeugen: "Wir wollen den Papst nicht" und "Keine Beleidigungen mehr".

Großdemos nach Freitagsgebeten

Allen Appellen um Mäßigung zum Trotz warfen Demonstranten in der Umgebung der US-Botschaft in Kairo mit Steinen auf Polizisten. Sicherheitskräfte setzten Tränengas ein. In Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, skandierten rund 10.000 Demonstranten antiamerikanische Parolen. Auch eine US-Flagge ging in Flammen auf. Die Polizei war mit einem Großaufgebot im Einsatz und verhinderte, dass die Menschen bis zur US-Botschaft ziehen konnten.

Jeweils mehrere Hundert Menschen gingen in Pakistan und Afghanistan auf die Straße. Auf Spruchbändern war unter anderem zu lesen: "Gotteslästerung hat nichts mit Meinungsfreiheit zu tun." In der pakistanischen Hauptstadt Islamabad kam es zu Rangeleien zwischen Demonstranten und Polizisten.

Das in den USA produzierte Amateur-Video stellt den Propheten Mohammed als Homosexuellen, Kinderschänder und Schürzenjäger dar. Bereits 2006 war es nach der Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen in einer dänischen Zeitung zu einem weltweiten Gewaltausbruch gekommen. Damals kamen im Nahen Osten, Asien und Afrika mindestens 50 Menschen ums Leben.

US-Justizminister bricht Nahost-Reise ab

Nach den Ausschreitungen brach US-Justizminister Eric Holder seine Nahost-Reise ab. Holder hatte sich persönlich um das Verfahren zum Tod vom US-Botschafter in Libyen und drei seiner Mitarbeiter kümmern wollen. Der Justizminister habe sich entschlossen, aus der katarischen Hauptstadt Doha abzureisen und in Washington das Strafverfahren zu leiten, sagte sein Sprecher. Eigentlich standen noch weitere Gespräche in Katar sowie in Saudi-Arabien und in der Türkei auf Holders Programm, die Reise sollte bis Dienstag dauern.

Das US-Verteidigungsministerium entsandte unterdessen eine Anti-Terror-Einheit in den Jemen, um die US-Botschaft vor den anhaltenden Protesten zu schützen. Die etwa 50 US-Marineinfanteristen seien bereits in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa, sagte ein Pentagon-Sprecher.

swd/fw/DPA/Reuters/AFP / DPA / Reuters