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"Unschuld der Muslime": Der Hass-Phantomfilm und seine mysteriösen Macher

Zwei Stunden soll "Unschuld der Muslime" lang sein. Doch bekannt sind nur 15 Minuten, die weltweit Muslime auf die Barrikaden bringen. Das Hetzwerk und sein Regisseur geben ein Rätsel zu viel auf.

Von Niels Kruse

"Unschuld der Muslime": Das steckt hinter dem Skandalfilm

Fünf Millionen hat der Film "Die Unschuld der Moslems" gekostet, finanziert, ausgerechnet, von 100 jüdischen Sponsoren. Zwei Stunden dauert das Hetzwerk in Gänze, ein 14-minütiger Zusammenschnitt ist bei Youtube zu sehen - mittlerweile auch mit arabischen Untertiteln. Der plump produzierte Anti-Islam-Streifen, der den Propheten Mohammed als vertrottelten Lüstling darstellt, hat gläubige Muslime derart entrüstet, dass sie zum Sturm auf US-Vertretungen in Kairo und Bengasi geblasen haben - diverse Tote, darunter der US-Botschafter in Libyen inklusive. So lautete die gängige Meinung über die jüngste antiamerikanische Protestwelle in arabischen Ländern bislang.

Doch nun, zwei Tage nach den Attacken und weiteren Protesten vor den US-Botschaften im Jemen und Tunesien, mehren sich die Zweifel an eben dieser Version. Etwa über die Hintergründe der Angriffe auf das Konsulat in Libyen. US-Geheimdienste vermuten, dass al Kaida hinter dem Sturm der diplomatischen Vertretung stecken könnte. Die Attacke trage die Handschrift des Terrornetzwerks, heißt es aus dem Geheimdienstausschuss des US-Repräsentantenhaus. Möglich sei, dass sich extremistische Angreifer die wütende Menge in Bengasi zu Nutze gemacht haben könnte.

Ist Bacile Jude oder radikaler Christ?

Daneben gibt auch der Film "Die Unschuld der Moslems" Rätsel auf. Bislang hatte es geheißen, ein jüdischer Amerikaner namens Sam Bacile sei dafür verantwortlich. Doch offenbar handelt es sich bei dem Namen um ein Pseudonym - das zumindest behauptet Steve Klein, nach eigener Aussage ein militanter Christ, der den Machern bei den Dreharbeiten beratend zur Seite gestanden haben will. Das US-Magazin "The Atlantic" hat ein Interview mit dem Mann geführt. "Viele Menschen im Nahen Osten benutzen Pseudonyme", so Klein, der zudem bezweifelt, dass Regisseur Bacile überhaupt ein Jude sei. In Israel, als dessen Staatsbürger sich der Filmemacher ausgibt, ist er jedenfalls nicht bekannt.

Aber wer ist Sam Bacile überhaupt? Britische und amerikanische Zeitungen berichteten über ein Gespräch, dass die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) telefonisch mit ihm geführt habe. Der Kontaktmann sei ein gewisser Nakoula Basseley Nakoula, der maßgeblich an "Die Unschuld der Muslime" mitgearbeitet habe. Die Mobilfunknummer von Bacile aber führt den Angaben zufolge unmittelbar zur Adresse von eben jenem Nakoula. Im Gespräch mit AP habe der 55-Jährige die Vermutung zurückgewiesen, unter dem Pseudonym die Hetztirade gedreht zu haben, hieß es in den Medienberichten. Die Aussage zum Islam, mit der der Mann zitiert wird, passt jedenfalls zum Duktus des Films: "Der Islam ist ein Krebsgeschwür. Punkt."

Niemand in Hollywood hatte je von dem Film gehört

Steve Klein, der "Berater" sagte, der Hauptverantwortliche des Films sei ein US-Amerikaner, der Großteil der Mitarbeiter stamme aus arabischen und islamischen Staaten: Syrien, Türkei, Pakistan und Ägypten. "Einige von ihnen sind Kopten aber die Mehrheit sind Evangelikale." Die christlichen Kopten leben vor allem in Ägypten und sind dort zunehmend Repressalien durch Islamisten ausgesetzt. Daher ist es wohl kein Zufall, dass der Film ausgerechnet von einem konservativen koptischen Aktivisten aus den USA prominent weiterverbreitet wurde und schnell beim berüchtigten Pfarrer und Islamhasser Terry Jones landete. Der machte 2010 Schlagzeilen, weil er zum jüngsten Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September öffentlichkeitswirksam den Koran verbrennen wollte. Angesichts des Todes von vier US-Botschaftsangehörigen in Bengasi zog er seinen Plan zurück, "Die Unschuld der Muslime" in seiner Gemeinde zu zeigen.

Dabei ist es ohnehin nicht sicher, was genau die interessierten Zuschauer zu sehen bekommen hätten. Denn in Hollywood, wo der Film gedreht worden sein soll, hatte bis vor kurzem niemand von diesem Streifen gehört. Der britische "Guardian" bezweifelt sogar, dass es überhaupt eine Zwei-Stunden-Version gebe. Nach Aussagen des ominösen Sam Bacile seien bei der Uraufführung im Sommer auch nur ein paar Zuschauer anwesend gewesen. Das Blatt zitiert zudem den Nachrichtenblog "Buzzfeed", der sich "Die Unschuld der Moslems" genauer angeschaut haben will beziehungsweise den viertelstündigen Zusammenschnitt. Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass das Werk "eine dilettantisch synchronisierte und schlecht zusammengeschnittene Abfolge von Material ist, das ursprünglich wohl aus einem oder mehreren anderen Filmen stammt".

Ursprünglich hieß Mohammed "Master George"

Die Schauspielerin Cindy Lee Garcia, die in "Die Unschuld der Muslime" mitgespielt hat, distanzierte sich von dem Machwerk. Dem Klatsch- und Tratschdienst "Gawker" sagte sie, sie sei geschockt, dass der Film stark umgearbeitet worden sei. Ihrer Aussage nach handelte die ursprüngliche Geschichte vom Leben von vor 2000 Jahren und hieß "Wüstenkrieger". Der Hauptcharakter habe während der Aufnahmen "Master George" geheißen und weder etwas mit Mohammed noch mit Religion zu tun gehabt.

Einiges deutet daraufhin, dass hinter diesem Film christliche Fundamentalisten stecken, die trotz offenkundigem Dilettantismus durchaus wussten, was sie tun. Sam Bacile wird mit den Worten zitiert, Die USA hätten "jede Menge Geld und Menschen in Kriegen im Irak und in Afghanistan verloren, aber wir kämpfen mit Ideen". Natürlich bedauere er den Tod der Amerikaner in Bengasi. Doch er machte mangelnde Sicherheitsvorkehrungen verantwortlich.

Die Macher wussten, was sie tun

Sein Kollege Steve Klein gab unumwunden zu, dass die Empörung der Muslime einkalkuliert war. "Wir haben die Sache angefangen, wissend, dass so etwas vermutlich passieren wird." Widerstand gegen das Machwerk formiert sich derweil auf Facebook. Innerhalb kürzester Zeit haben sich diverse Gruppen gegründet, die zum Boykott von "Die Unschuld der Muslime" aufrufen.