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Nach Ermordung des US-Botschafters: USA senden Kriegsschiffe an Libyens Küste

Säbelrasseln im Mittelmeer: Die USA haben zwei Zerstörer nach Libyen beordert. Offenbar gibt es Hinweise auf eine Verwicklung von al Kaida in den Anschlag auf die US-Botschaft am 11. September.

Nach dem tödlichen Angriff auf Amerikas Botschafter in der libyschen Stadt Bengasi hat die US-Marine zwei Kriegsschiffe an die Küste des Landes geschickt. Die beiden Zerstörer sowie ein 50-köpfiges Marineteam würden als "Präventivmaßnahme" entsendet, sagte ein US-Regierungsvertreter, der anonym bleiben wollte. Bereits zuvor war aus dem Pentagon verlautet, dass die US-Armee eine Anti-Terror-Einheit nach Libyen schickt.

Der TV-Sender CNN berichtete, dass rund 50 US-Marines in Libyen eingetroffen seien, um Amerikaner zu beschützen. Zudem wolle Präsident Barack Obama Drohnen schicken, um mögliche Islamisten-Camps aufzuspüren. Die US-Bundespolizei FBI habe Ermittlungen gestartet. Obama hatte am Mittwoch angekündigt, die "Mörder" zur Verantwortung zu ziehen.

US-Regierung sieht Hinweise auf Al-Kaida-Verwicklung

Unterdessen sind in den USA Spekulationen über eine Verwicklung von al Kaida in den Anschlag laut geworden. Es könne sich um eine gezielte Aktion des Terrornetzwerkes am 11. September gehandelt haben - dem elften Jahrestag ihrer Terrorangriffe auf die USA, sagte der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses im Abgeordnetenhaus, Mike Rogers, in einem TV-Interview. "Dies war ein sehr gut durchdachtes, koordiniertes Ereignis. Ich glaube, es war geplant, dass es an diesem Datum passiert", meinte der Republikaner. "Seit Monaten haben wir beobachtet, wie al Kaida nach westlichen Zielen Ausschau gehalten hat. Das fand überall in Nordafrika statt. Wir haben bestimmte Aktivitäten beobachtet, die einen glauben lassen können, dass es eine mit al Kaida verbündete Gruppe war."

Dass es sich um einen geplanten Angriff handeln könnte, sei "derzeit die Arbeitshypothese", sagte auch ein ranghoher Regierungsvertreter der Nachrichtenagentur AFP. Demnach könnten sich extremistische Angreifer die wütende Menge in Bengasi zu Nutze gemacht haben. Ein hoher Mitarbeiter des Pentagons wollte dagegen nicht bestätigen, dass es sich um einen al Kaida-Angriff gehandelt haben könnte. Er meinte aber, dass es eine "komplexe Attacke" gewesen sei.

Das Konsulat war am Dienstag mit Brandbomben und Panzerfäusten angegriffen worden. Der US-Botschafter Chris Stevens und drei Mitarbeiter wurden getötet, auch mehrere libysche Sicherheitskräfte starben. Seit Dienstag gibt es in zahlreichen Ländern Proteste gegen einen US-Film, in dem der Prophet Mohammed verunglimpft wird. Auch in Kairo hatten militante Islamisten die US-Botschaft gestürmt.

Umstände des Todes von Botschafter Stevens unklar

Die Angreifer in Bengasi hätten das Hauptgebäude und später auch die Nebengebäude mehr als vier Stunden lang beschossen, sagte eine Beamtin des US-Außenamtes in Washington. Das Konsulat habe nach großer Gegenwehr amerikanischer und libyscher Sicherheitskräfte evakuiert werden können.

Botschaftsmitarbeiter und auch die Leichname seien auf die US-Militärbasis im pfälzischen Ramstein gebracht worden. Die Vertretung in Tripolis arbeite nur noch im Notbetrieb. Der genaue Ablauf des Angriffs sei noch nicht klar, sagte die Beamtin weiter. Nicht sicher sei etwa, wer den Botschafter Chris Stevens aus dem brennenden Konsulat in Bengasi holte - und ob er bei der Ankunft in der Klinik bereits tot war oder dort starb. Erst Stunden nach der Attacke sei den Amerikanern die Leiche des Diplomaten am Flughafen von Bengasi übergeben worden. Der Überfall habe am Dienstag um 22 Uhr europäischer Zeit begonnen.

"Romney scheint erst zu schießen und später zu zielen"

Der Vorfall löste mitten im US-Wahlkampf auch eine innenpolitische Debatte aus. Obama kritisierte seinen republikanischen Herausforderer Mitt Romney dafür, dem Weißen Haus vorschnell Vorwürfe gemacht zu haben.

Romney hatte seinem Kontrahenten zuvor mangelnde Führungskraft in der Außenpolitik vorgeworfen. "Romney scheint die Tendenz zu haben, erst zu schießen und später zu zielen", sagte Obama in einem Interview mit dem TV-Sender CBS.

Erneut Anti-USA-Demos in Kairo

Derweil haben vor der US-Botschaft in Kairo erneut Hunderte aufgebrachte Muslime demonstriert. Wie der TV-Sender CNN weiter berichtete, gab es Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten. Die Protestierenden hätten Steine und Brandsätze geworfen, als die Polizei versucht habe, die Menge mit Tränengas auseinanderzutreiben.

Die Polizei habe auch Warnschüsse abgegeben, um die Demonstranten vom Botschaftsgebäude fernzuhalten, berichtete der Sender unter Berufung auf Augenzeugen. Ein Sprecher des ägyptischen Innenministeriums sagte laut CNN, sechs Polizisten seien leicht verletzt worden. Auch einige Demonstranten seien medizinisch behandelt worden. Den Sicherheitskräften sei es gelungen, die Protestierenden von der Botschaft weg Richtung Tahrir-Platz zu drängen. Zwei Polizeifahrzeuge und ein Auto seien in Brand gesteckt worden.

Die Online-Ausgabe der ägyptischen Zeitung "Al Ahram" schrieb von etwa 200 Demonstranten. Die Auseinandersetzungen hätten am späten Mittwochabend begonnen und bis zum frühen Donnerstag gedauert

mad/jar/DPA/AFP / DPA