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Unruhen in Tibet: Die neue Protest-Generation

Die Zeiten des friedlichen tibetischen Protests sind vorbei: Mit Brutalität wehren die Tibeter sich gegen die ökonomische Hegemonie Chinas. Mit Aussicht auf Erfolg? Nicht ohne internationale Unterstützung. Die Chancen darauf stehen schlecht – mit China verscherzen wollen es sich nämlich die wenigsten.

Von Teja Fiedler

Die Gesichter sind meist jung und voller trotziger Hoffnung. Eine etwa hundertköpfige Schar von Exil-Tibetern ist im Norden Indiens symbolisch auf dem Weg in ihr Heimatland, um der Welt und den Chinesen zu zeigen: Dort gehören wir hin. Ihr Protestmarsch endete jedoch vor der Grenze. Die Chinesen dulden keine "aufwieglerischen Elemente" in der "autonomen chinesischen Provinz Tibet". Dem im Westen hoch verehrten Dalai Lama, der samt einer tibetischen Exilregierung in Dharamsala am Fuße des Himalaya residiert, sind diese Protestler im wahrsten Sinn des Wortes enteilt. "Er hat seine eigene Sicht der Dinge und die respektieren wir", sagt die Studentin Dolma, "doch es ist Zeit, den Chinesen mit gleicher Münze zurückzuzahlen."

Die junge Generation im Ausland hält nicht mehr viel vom behutsamen Kurs ihres geistlichen Oberhaupts, das nach seiner Flucht aus Tibet im Jahr 1959 Schritt für Schritt seine Ziele zurückgesteckt hat, seit 1988 die Oberhoheit Chinas über die ehemalige Theokratie Tibet anerkennt und heute nur noch eine nicht genau definierte "wirkliche Autonomie" für sein Land fordert. Erst seit es in der vergangenen Woche bei Protestaktionen in Tibets Hauptstadt Lhasa Dutzende von Toten gab, schwenkte der Dalai Lama auf einen härteren Kurs ein. Er bezeichnete die chinesische Politik in Tibet als "Terrorregime" und "kulturellen Völkermord" und forderte eine UN-Untersuchung der Zustände in seinem Land, ohne allerdings bisher den Aufruf zum aktiven Protest ausdrücklich zu unterstützen. Und während die Marschierer in Indien Transparente mit der Aufschrift "Boykott der Olympischen Spiele in Peking" mit sich tragen, sprach sich der Dalai Lama noch einmal für Spiele in Peking aus.

Brutalität gegen "mörderische Banden"

Wie soll die "gleiche Münze" aussehen, von der die Exil-Tibeter sprechen? Chinesische Sicherheitskräfte scheinen die Lage in Lhasa inzwischen im Griff zu haben, auch wenn jetzt außerhalb der Hauptstadt an mehreren Orten neue Unruhen aufflackern. Die Behörden haben Montag um Mitternacht als Termin gesetzt, spätestens bis dann müssen sich "Kriminelle" ergeben, um auf Milde hoffen zu können.

Die von den Chinesen abhängige Regierung hat jedoch auch durchaus eine Handhabe gegen die gewaltsamen Protestierer. Nach einigen Tagen friedlicher, meist von Mönchen geführter Demonstrationen waren zum Wochenende Polizeistationen, Streifenwagen, chinesische Geschäfte und Banken in Flammen aufgegangen. Die Behörden antworteten mit noch mehr Brutalität. "Ich kann Panzerfahrzeuge auf der Straße sehen. Feuer an vielen Stellen überall in der Stadt", schilderte ein chinesischer Restaurantbesitzer am Handy die Situation, "mörderische Banden durchstreifen die Stadt und attackieren uns Chinesen und unser Eigentum."Wir warten dringend, dass die Regierung etwas unternimmt." Ein dänischer Tourist berichtete, Tibeter würden an ihre Haustüren die traditionellen weißen Gebetsschals hängen, um vor Übergriffen ihrer Landsleute sicher zu sein.

Ökonomische Hegemonie Chinas

Tibet ist heute – mehr als fünfzig Jahre nach dem Einmarsch von Maos Revolutionsgarden – ethnisch kein eindeutiges Land mehr. Eine bewusste Politik der Ansiedlung von Chinesen hat dazu geführt, dass inzwischen beide Volksgruppen etwa gleich stark sind – und die Chinesen haben mehr oder weniger das Wirtschaftsleben in der Hand. Der Protest der Tibeter richtet sich mindestens genauso gegen diese ökonomische Hegemonie der Chinesen wie gegen die kulturelle Überfremdung. Aus der Sicht Pekings hat die Angliederung Tibets an China dem Land Vorteile gebracht, stolz weisen sie auf die 2006 eröffnete höchste Eisenbahn der Welt hin, die Lhasa mit Zentralchina verbindet. Sie hat dem Tourismus Tibets unbestreitbar Auftrieb gegeben und praktisch den gesamten Güterverkehr mit dem Ausland übernommen. Für die meisten Tibeter ist die Bahnlinie hingegen ein weiteres Instrument der Überfremdung.

China hat sich mit der Annexion Tibets nie im Unrecht gefühlt. Das Land stand über Jahrhunderte erst unter mongolischer, dann unter chinesischer Oberhoheit, im Gegenzug dafür hatten die buddhistischen Herrscher Chinas dem Dalai Lama, seiner Mönchskaste und den tibetischen Feudalherren im Inneren freie Hand gegeben. Erst 1913 wurde Tibet ein unabhängiger theokratischer Staat. Der kommunistische Machtpolitiker Mao konnte zumindest vor sich selbst die Besetzung als revolutionären Akt rechtfertigen.

China wird seinen eisernen Griff nicht aufgeben

Heute bekennen sich der Dalai Lama und die Exilregierung in Dharamsala zu einem demokratischen Tibet mit freien Wahlen. Die Chancen für dessen Verwirklichung stehen schlecht. Auch die jungen Marschierer wissen, dass der tibetische Protest bestenfalls punktuelle Erfolge erzielen kann. Zwar sind die Chinesen höchst interessiert, im Vorfeld von Olympia nicht als brutale Kolonialherren zu erscheinen – das könnte sie zu einigen kosmetischen Zugeständnissen bewegen –, doch ihren eisernen Griff auf die "Provinz Tibet" werden sie nicht aufgeben, selbst wenn das ihr Image heftig beschädigen sollte. Und die Reaktion des Auslands zeigt: die Bereitschaft, China ernsthafte Konsequenzen für sein Verhalten spüren zu lassen, ist gering. Ein Boykott der Spiele von Peking im August wird von Politikern allenthalben abgelehnt.

Besonders Chinas Anrainer zeigen wenig Neigung, den großen Nachbarn zu reizen. Indien, das 1961 mit China einen Grenzkrieg über tibetisches Territorium geführt hatte, heute aber auf relativ gutem Fuß mit Peking steht, verbot anfangs sogar den Protestmarsch der Tibeter. In Delhi endete der Versuch von Exilgruppen, vor der chinesischen Botschaft zu protestieren, mit Prügeln durch die indische Polizei und mehreren Festnahmen. Und der Gebirgsstaat Nepal sperrte auf Bitten Chinas vorsorglich die Anstiegsroute zum Mount Everest zwischen dem 1. und dem 10. Mai für alle Kletterer. In diesem Zeitraum soll die olympische Fackel als Zeichen von Frieden und Verständigung auf den höchsten Gipfel der Erde getragen werden. Da könnten die Chinesen medienwirksame Proteste, vielleicht gar verbunden mit dem Entrollen der tibetischen Nationalflagge, in ganz dünner Luft wirklich nicht gebrauchen.