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Unruhen in Xinjiang: Ein zweites Tibet

Die Ähnlichkeiten sind frappierend: Wie die Tibeter sehen die Uiguren in den Chinesen und der Zentralregierung in Peking nur Besatzer und wollen ihren eigenen Staat. Dass die Gewalt jetzt in der Provinz Xinjiang eskaliert, ist nicht überraschend – und wahrscheinlich erst der Anfang.

Von Janis Vougioukas, Shanghai

Die Straßenschlachten in tibetischen Hauptstadt Lhasa sind gerade erst ein Jahr her. Tausende Mönche und tibetische Jugendliche demonstrierten damals gegen Unterdrückung und Benachteiligung durch die Chinesen. Gerade hat sich die Lage in der Himalaya-Provinz beruhigt, da hat China ein neues Problem: Xinjiang.

Mindestens 140 Menschen starben nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua ("Neues China") bei gewalttätigen Ausschreitungen in Urumqi, der Hauptstadt der autonomen Provinz Xinjiang. In den Straßen stehen ausgebrannte Fahrzeuge. Polizei- und Armeeeinheiten patrouillieren in der Stadt. In der Nacht hatten die Sicherheitskräfte eine Ausgangssperre verhängt. Augenzeugen berichten von einer "Atmosphäre wie unter Kriegsrecht".

Angst vor den Billigarbeitern

Es sind die blutigsten Auseinandersetzungen in China seit der Niederschlagung der Studentenproteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens vor 20 Jahren. Der Konflikt begann Ende Juni in der Industriestadt Shaoguan, tausende Kilometer entfernt. Da tauchte auf der Webseite www.sg169.com eine Beitrag auf, nach dem "sechs Jungs aus Xinjiang" zwei Mädchen in der Xuri-Spielzeugfabrik vergewaltigt hätten. Inzwischen ist bekannt, dass die Nachricht eine Falschmeldung war.

Doch das Gerücht löste eine Wutwelle aus, bei der zwei Arbeiter aus Xinjiang getötet wurden. Erst im vergangenen Monat hatte die Spielzeugfabrik 800 uigurische Arbeiter angestellt. Viele Beschäftigte aus anderen chinesischen Provinzen fürchten seitdem um ihre Jobs. Es heißt, die Arbeiter aus der Armutsprovinz Xinjiang akzeptierten niedrigere Löhne.

Hunderte Demonstranten forderten am Sonntag in Urumqi die Aufklärung der Morde. Offenbar versuchte die Polizei, die Demonstration aufzulösen. Doch der Protest eskalierte. 1000 bis 3000 Demonstranten zogen bewaffnet mit Knüppeln, Messern und Stahlrohren durch die Stadt und attackierten Han-Chinesen, sie demolierten chinesische Geschäfte und Restaurants. Rund 300 Fahrzeuge wurden in Brand gesteckt.

Regierung befürchtet Schlimmes

Es geht um mehr als die toten Arbeiter in der Spielzeugfabrik. In Xinjiang sitzt die Wut tief. Viele der größtenteils muslimischen Uiguren fühlen sich kulturell eher mit den Menschen in den zentralasiatischen Nachbarstaaten verbunden und sehen die Chinesen als Besatzer und fordern die Gründung eines unabhängigen muslimischen Staates. Fast alle fühlen sich von den Chinesen benachteiligt, die oft die gut bezahlten Jobs unter sich aufteilen. 70 Prozent der rund zwei Millionen Einwohner von Urumqi gehören inzwischen zur Volksgruppe der Han-Chinesen; die Uiguren sind im eigenen Land zur Minderheit geworden.

Seit den Terroranschlägen vom 11. September hat sich das Klima in Xinjiang verschlechtert. Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen hat die chinesische Regierung in den vergangenen Jahren hunderte Uiguren unter dem Vorwurf des Separatismus verhaften lassen. Viele Moscheen dürfen nicht mehr per Lautsprecher zum Gebet rufen. Und die Kommunistische Partei kontrolliert die Ernennung der Imame. Die strengen chinesischen Sicherheitsvorkehrungen provozieren auch die friedlichen Uiguren. Während der Olympischen Spiele im vergangenen Jahr wurden Vermieter in ganz Peking angewiesen, keine Unterkünfte an Uiguren zu vermieten.

Auch im streng kontrollierten China gibt es jedes Jahr tausende Demonstrationen. Nur wenige verlaufen so gewaltbereit wie in Xinjiang. Die Regierung in Peking fürchtet, dass sich die Konflikte vom Sonntag in den kommenden Tagen weiter ausweiten. Offenbar ist das Internet in der gesamten Region inzwischen abgeschaltet worden, selbst die Webseiten der lokalen Regierung sind derzeit nicht mehr zu erreichen.