US-Präsidentschaftswahl McCain setzt auf Schlammschlacht


Die Wirtschaftskrise in den USA beschert dem demokratischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama glänzende Umfragewerte. Sein Rivale John McCain greift in der Not in die unterste Schublade der Wahlkampfkiste. Das zweite TV-Duell könnte seine letzte Chance sein, den Wahlkampf noch einmal zu drehen.
Von Tobias Betz

Er muss wieder kämpfen. Gegen einen übermächtigen Rivalen. Gegen die Medien. Gegen den aktuellen Trend. John McCain muss die Lawine aufhalten, die momentan seinen Wahlkampf zu überrollen droht. Die Lawine heißt Wirtschaftskrise, und sie kommt McCain schon bedrohlich nahe. Er muss es selbst schaffen, heute Nacht, bei der zweiten Präsidentschaftsdebatte im amerikanischen Wahlkampf. Es könnte seine letzte Chance sein.

Denn in den Umfragen fällt er immer weiter hinter den demokratischen Präsidentschaftsbewerber Barack Obama zurück. In allen nationalen Befragungen liegt Obama mittlerweile vor seinem republikanischen Konkurrenten. Nach einer aktuellen Umfrage von CNN würden derzeit 53 Prozent der Wähler für Obama stimmen, nur 45 Prozent unterstützen McCain. Vor allem bei den Wechselwählern, den Parteilosen und Frauen, konnte Obama seinen Vorsprung ausbauen.

Noch bedrohlicher, weil für die Wahl entscheidend: Auch in den umkämpften Staaten, den so genannten "Swing-States", setzt sich Obama langsam von McCain ab. In Ohio liegt er nach einer Umfrage von "Washington Post" und "ABC News" mit sechs Punkten vor McCain. Hier muss McCain aber unbedingt gewinnen. Kein Republikaner konnte bislang die Präsidentschaftswahlen für sich entscheiden, ohne Ohio gewonnen zu haben. Und der Erdrutsch setzt sich fort. Nach aktuellen Umfragen muss McCain auch um schon sicher geglaubte Staaten, wie North Carolina und Indiana, bangen.

Wirtschaftskrise schadet McCain

Beim Thema Wirtschaft vertrauen die US-Bürger traditionell mehr den Demokraten. Dagegen kann McCain kaum etwas machen. Hinzu kommt, dass mit George W. Bush ein Republikaner die vergangenen acht Jahre im Weißen Haus regierte. Bush wird jetzt von vielen für die wirtschaftliche Misere verantwortlich gemacht und McCain gleich mit.

Doch auch McCain hat Fehler gemacht. Vor allem zu Beginn der Finanzkrise patzte er. Mit seinem Entschluss, den Wahlkampf zu unterbrechen und sich in die Verhandlungen über das 700-Milliarden-Rettungspaket einzumischen, wollte er sich als Krisenmanager in Szene setzen. Doch sein Plan schlug fehl. Seinen unorthodoxen Schachzug verstand am Ende niemand mehr - er hatte sich verzockt. In der amerikanischen Wirtschafts- und Finanzwelt brodelte es weiter und McCains Umfragen begannen immer weiter zu sinken. Mittlerweile scheint klar: Solange das Thema Wirtschaft den Wahlkampf dominiert, kann er nur verlieren. Auch das McCain-Lager scheint dies nun verstanden zu haben und läutete den Strategiewechsel ein. Statt einer inhaltlichen Auseinandersetzung, will man in den verbleibenden vier Wochen in den politischen Nahkampf gehen. Keine Lösungsvorschläge für die Bankenmisere. Keine großen Pläne für eine Rettung der amerikanischen Wirtschaft.

Stattdessen will man Obama persönlich attackieren, ihn bei den Wählern unmöglich machen. Am Wochenende wies die republikanische Vizekandidatin Sarah Palin darauf hin, man sollte doch Obamas Kontakte zu dem früheren Extremisten Bill Ayers genauer betrachten. Obama ein Terroristen-Freund? Die Schlammschlacht hatte begonnen.

Republikaner schüren Ängste

Am Montag legte McCain selbst nach. Sein Vorwurf: Obama habe die Wähler belogen. "Er glaubt offenbar, dass eine Lüge geglaubt wird, wenn sie nur groß genug ist und oft genug wiederholt wird", rief McCain bei einem Wahlkampfauftritt in New Mexico der Menge zu. Einen neuen TV-Wahlkampfspot schickten die Republikaner gleich hinterher. Und der Name des kleinen Filmchens ist Programm: "Dangerous".

Gezielte Attacken gegen Obama. Sie dienen nur einem Ziel: McCain will den Wahlkampf zu einem Referendum über Obama machen. Die Wähler sollen sich nicht um ihr Geld und ihren Arbeitsplatz, sondern um Amerika unter einem Präsidenten Obama sorgen. Ist der wirklich schon bereit für das höchste Amt? Kann man ihm vertrauen? Wohin würde ein Präsident Obama Amerika führen? Die Republikaner sind dabei, Ängste zu schüren.

McCain hat damit die Tonart für seinen Wahlkampf vorgegeben. Es dürfte schmutzig werden in den Wochen bis zur Wahl. Doch Obamas Wahlkampfteam ist wild entschlossen, die Attacken nicht einfach hinzunehmen. Sie wollen zeigen: Auch Demokraten können kräftig austeilen. Der Angst-Kampagne der Republikaner setzen sie eine dreizehnminütige Dokumentation über McCains Verstrickungen in den Keating-Skandal entgegen. Damals soll McCain zusammen mit vier anderen Senatoren während einer Kredit-Krise dem Banker Charles Keating unter die Arme gegriffen haben, der ihn zuvor finanziell im Wahlkampf unterstützt hatte.

Harte TV-Debatte erwartet

Leidtragender bei all dem ist der amerikanische Wähler. Und das wahrscheinlich schon bei der heutigen Debatte. Es wird wohl deutlich härter zugehen, als noch beim ersten Aufeinandertreffen der beiden Präsidentschaftskandidaten. Vor allem McCain dürfte auf Angriff setzen und Obama direkt attackieren.

Es dürfte spannend werden bei der TV-Debatte an der Belmont Universität in Nashville, Tennessee. Und das nicht nur wegen der Wortgefechte im Vorfeld, sondern auch wegen des Formats. Denn dieses Mal werden die Fragen vom Publikum gestellt, "town hall meeting" nennen dies die Amerikaner. Das Format der Bürgerversammlung kommt McCain gelegen - wirkt er doch deutlich lockerer mit einem Mikrofon in der Hand in kleiner Runde. Obama muss beweisen, dass auch er in dieser intimeren Atmosphäre überzeugen kann. Bleibt er frei von Patzern, dürfte auch ein kämpferischer Auftritt von McCain in der Wählergunst verpuffen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker