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US-Vorwahl South Carolina: Das Arbeitstier und ihr Pitbull

Mit einem Sieg bei den Vorwahlen in South Carolina konnte Hillary Clinton nicht unbedingt rechnen. Aber die Niederlage fiel deutlicher aus als erwartet. Nun setzt sie auf den "Super Tuesday" - und die Angriffslust ihres Mannes.

Von Jan Christoph Wiechmann Columbia, South Carolina

Als Barack Obama im Kongresszentrum der Hauptstadt Columbia seine Siegesrede beginnt, hat Hillary Clinton South Carolina längst verlassen. Als er von der Einheit der Nation schwärmt und seinem Kampf gegen das Establishment, ist sie schon auf dem Weg nach Nashville/Tennessee. Als er noch ein kleines Bad in der jubelnden Menge nimmt und seinen fulminanten Sieg feiert, lässt ihr Ehemann Bill Clinton die Nation wissen: In South Carolina hat früher auch der schwarze Bürgerrechtler Jesse Jackson schon gewonnen. Wurde er deswegen Präsident? Nein. Das Rennen um die Kandidatur der Demokraten steht nach Obamas gestrigem Sieg 2:2. Aber das eigentliche Drama hat gerade erst begonnen.

Die Niederlage hat Clinton schwer getroffen, aber sie lässt es sich nicht anmerken. Sie lässt sich selten etwas anmerken. Sie spricht vor einem gemischten Publikum in Nashville und erwähnt South Carolina nur am Rand. Sie spricht kurz über Sachthemen, wie stets, und beantwortet dann Fragen, und eine besonders gern. Ist Amerika bereit für eine Frau als Präsidentin? Will ein Mann wissen. Sie lacht und antwortet "Natürlich" und ist bei dem Thema, das sie jetzt braucht: Eine Frau an der Spitze. Eine Frau im höchsten Amt. Damit will sie in den nächsten Tagen vor allem die Stimmen der Frauen gewinnen.

Obama will die Zukunft sein

Obama betritt die Bühne mit seiner Frau Michelle an der Hand und umarmt sie ein paar Mal zärtlich. Er tritt an den Pult mit dem Schriftzug "Change we can believe in" und liest wie immer von einem Teleprompter ab. Die großen Reden hält er nie frei, und diese soll wieder eine große Rede werden. Er spricht wie immer vom Hunger nach Wandel, der durchs Land geht und von den Zynikern, die ihm diesen Erfolg nicht zugetraut haben. Er spricht oft von diesen Kräften, die ihn stoppen wollen. Er braucht diese Kräfte. Er braucht diese schier unbezwingbaren Gegner. Sie machen ihn größer. Aber diesmal spricht er vor allem über Hautfarben, über Ethnien, über das Thema, das die nächsten Tage prägen wird: "Es geht bei diesen Wahlen nicht um Arm gegen Reich, Jung gegen Alt, und es geht nicht um Schwarz gegen Weiß. Es geht um Vergangenheit gegen Zukunft." Die Vergangenheit sollen die Clintons sein. Die Zukunft ist er.

Im Publikum stehen vor allem Schwarze, darunter viele Schüler und Studenten, aber für das Fernsehbild hat Obamas Team die wenigen Weißen genau hinter ihm platziert. Die Umfragen ergeben, dass nur ein Viertel der weißen Wähler in South Carolina für ihn gestimmt hat, aber Obama spricht von der buntesten Koalition, die Amerika seit langer Zeit gesehen hat. Er weiß, was ihn erwartet. Am 5. Februar, dem Super Tuesday, finden Wahlen in 22 Staaten statt, und nun zählen nicht mehr die Besuche in Schulen und Tischgespräche in Restaurants. Nun geht es um die Zahl der Fernsehspots, den Schwerpunkt der Medienberichterstattung und die großen Fragen: Ist dieser Mann etwas für die ganze Nation? Kann er sie einen? Kann er Latinos für sich gewinnen? Und weiße Frauen? Und weiße Arbeiter?

Eine Aufgabe für das "Arbeitstier"

Die Clintons haben eine ganze Woche lang versucht, Zweifel zu streuen am Kandidaten Obama - und sind zunächst gescheitert. Am Vorabend noch stand Hillary Clinton im Ballsaal A des Kongresszentrums von North Charleston und versuchte einen letzten Angriff. Es sollte ihr großer Auftritt werden vor der Wahl, doch der Saal war nur halb gefüllt, die meisten Zuschauer waren Frauen, weiße Frauen. Clinton rasselte ihre schier endlose Liste von gewaltigen Herausforderungen herunter, die auf den nächsten Präsidenten zukommen: den Irakkrieg beenden, den Afghanistan-Krieg gewinnen, die Gesundheitspolitik reformieren, die Energiepolitik revolutionieren, den Ruf Amerikas retten und das Land auch noch aus der Rezession ziehen.

Es klang wie ein Mammutunterfangen. Es klang wie eine "Mission impossible" für einen naiven Neuling wie Obama, der gerade mal seit zwei Jahren im Senat ist. Es klang wie eine Aufgabe, die nur sie bewältigen kann, das selbst ernannte "Arbeitstier". Neben ihr stand ihr Ehemann Bill Clinton und strahlte sie an. Sie nannte ihn "meinen Schatz", und er nannte sie "den besten Präsidenten, für den ich in 40 Jahren habe wählen können." Er hat in ihrem Team die Rolle des Angreifers übernommen, des Pitbulls, der Obama attackiert, wo er nur kann. Am Samstagmorgen machte er sich lustig über Obamas "Change"-Slogan. "100 Prozent aller medizinischen Kunstfehler werden von Ärzten verübt. Wenn ihr also nächstes Mal eine Operation braucht, geht zum Elektriker. "Der Elektriker soll Obama sein. Hillary ist die Ärztin.

Hillary rechnete mit der Niederlage

Hillary Clinton hat mit der Niederlage in South Carolina gerechnet, und - wie einer ihrer Mitarbeiter andeutet - die Schlagzeilen fast herbeigesehnt: "Schwarze tragen Obama zum Sieg." "Ein schwarzer Sieg." Genau das wollten die Clintons. Einen schwarzen Kandidaten für die Schwarzen. Keinen für alle Gruppen. Keiner fürs ganze Land. Sie will die weißen Frauen. Und die weißen Männern. Und die Latinos. Die werden den Ausschlag geben in vielen Staaten am 5. Februar, so in New Mexico, Arizona, Kalifornien, New Jersey.

Wie das System der Clintons funktioniert, zeigte sich am Tag vor der Wahl. Bill Clinton hielt eine Veranstaltung in der Stadt Clinton ab und lobte Obama scheinbar in den Himmel. "Ich verstehe, warum viele Afro-Amerikaner denken, es hätte einen großen symbolischen Wert, einen brillanten, eloquenten, visionären Senator Obama zum ersten afro-amerikanischen Präsidenten zu wählen." Er sprach nur von den Afro-Amerikanern. Er sprach nicht von der Sehnsucht der anderen Amerikanern. Das ist die Doppelstrategie der Clintons: Sprich über Obamas Hautfarbe, gern positiv, und halte das Thema damit am Köcheln. Mach diesen Wahlkampf zum Wahlkampf der Gruppen, der Schwarzen, Weißen, Latinos, den kann Obama nicht gewinnen.

Die Zeit der Rechnerei hat begonnen

Kann das ein Problem werden in den nächsten Tagen, fragte stern.de Obamas Wahlkampfmanager David Axelrod nach dem gestrigen Sieg. "Ein Viertel der weißen Wähler zu gewinnen, ist eine Menge", antwortete er. "Hillary bekam auch nur ein Drittel, der Rest ging an Edwards." Erwarte er jetzt mehr Angriffe? - "Ich glaube, unser Wahlsieg war eine Antwort auf die Angriffe, die wir von den Clintons gesehen haben. Sie stehen eben für diese Politik alten Stils: Wenn du zurückliegst, greifst du gnadenlos an. Ich glaube nicht, dass es bis zum 5. Februar funktioniert."

Für beide Kandidaten hat längst die Zeit der Rechnerei begonnen. Jeder hat zwei Staaten gewonnen, doch entscheidend ist die Zahl der Delegierten. Für die Nominierung ihrer Partei brauchen sie 2025 Delegiertenstimmen. Derzeit führt Clinton gegenüber Obama mit 230-152. Keiner der beiden kann am 5.Februar die absolute Mehrheit gewinnen, selbst wenn er alle 1681 dann zu vergebenen Delegiertenstimmen gewänne.

Obama geht nun mit viel Rückenwind in die nächsten Tage, doch Hillary Clinton glaubt sich bei dem derzeit dominierenden Thema Wirtschaftskrise im Vorteil. Auf Obamas Slogan "Stand for Change" kontert sie mit ihrem Slogan "Solutions for America". Es geht nicht um Hoffnung, so ihre Botschaft, sondern um Lösungen. Nicht um Abstraktes, sondern Konkretes. Nicht um Begeisterung, sondern harte Arbeit. Und um einen Kampf: Die weiße Frau gegen den schwarzen Mann.