US-Wahl Mit der Minderheit zur Mehrheit

Im Rennen um die US-Präsidentschaft führt US-Präsident George W. Bush, doch John Kerry holt auf. Der allerdings muss zunehmend um die entscheidenden Stimmen der Minderheiten bangen - einst treue Wähler der Demokraten.

Vier Wochen vor der US-Präsidentenwahl ist der Umfrage-Vorsprung von Amtsinhaber George W. Bush vor seinem Herausforderer John Kerry leicht geschmolzen. Wie aus einer am Mittwoch veröffentlichten Umfrage des US-Senders ABC hervorging, wollen 49 Prozent der befragten Wähler ihre Stimme dem Republikaner Bush geben. Der demokratische Kandidat Kerry käme auf 47 Prozent der Stimmen. In einer vergleichbaren Umfrage wenige Tage vorher hatten sich noch 51 Prozent der Befragten für Bush ausgesprochen. Auf Kerry entfielen 45 Prozent der Stimmen.

Bush und Kerry hatten sich in der vergangenen Woche in ihrer ersten Fernsehdebatte einen harten Schlagabtausch über die Irak-Politik geliefert. Hatte Kerry vor dem Fernsehduell in allgemeinen Umfragen noch hinter Bush gelegen, sahen ihn einige Umfragen danach vor Bush, andere sahen Bushs Vorsprung schwinden. Am Freitag findet die zweite Fernsehdebatte statt.

38,8 Millionen Latinos spielen Zünglein an der Waage

Das Zünglein an der Waage werden auch in diesem Wahlkampf wieder die beiden größten Minderheiten spielen – Afroamerikaner und Latinos. Die Hispanics, sind mit geschätzten 38,8 Millionen Mitgliedern mittlerweile die größte Minderheit in den USA. In den vier Bundesstaaten Arizona, Colorado, Nevada und New Mexiko sowie im bevölkerungsreichen Florida können deren Stimmen wahlentscheidend sein. Obwohl die Latinos Bush grundsätzlich mögen, seien viele enttäuscht, weil der Präsident eine versprochene Einwanderungsreform nicht umgesetzt habe und Lateinamerika in der Außenpolitik nur geringe Aufmerksamkeit schenke, schreibt die Tageszeitung "Denver Post".

Latino-Bevölkerung in den entscheidenden Swing-States

StaatWahlsieger 2000Latino-AnteilDifferenz 2000WahlmännerFloridaRepublikaner16,8 %537 Stimmen/0,01% Stimmen27 WahlmännerNew MexicoDemokraten42,1%366 Stimmen/0,06% Stimmen5 WahlmännerNevadaRepubikaner19,7%21.597 Stimmen/3,5% Stimmen5 WahlmännerArizonaRepublikaner25,3%96.311 Stimmen/6,3% Stimmen8 Wahlmänner

Andere Kommentatoren erinnern daran, wie erfolgreich Bush vor vier Jahren die Latino-Gemeinde umgarnt und seine Familienbande zu ihnen ausgenutzt habe. Damals spannte er seinen Spanisch sprechenden Neffen George P. Bush, dessen Mutter Mexikanerin ist, geschickt in die Wahlkampagne ein. Als Ergebnis bekam Bush 35 Prozent der Latino-Stimmen, mehr als jeder republikanische Kandidat seit 1984.

Für die Demokraten dagegen scheinen die guten alten Tage vorüber zu sein, als die Latinos im Verhältnis 2:1 oder 3:1 für sie stimmten, sagt Meinungsforscher Sergio Bendixen. Vor allem die neuen Einwanderer hätten keine oder eine nur sehr geringe Bindung zu einer der beiden Parteien. Die Latinos könnten damit zur größten Gruppe von Wechselwählern werden.

Kerry erwähnt die Schwarzen mit keinem Wort

Auch die Afroamerikaner neigen traditionell eher den Demokraten zu. Allerdings fühlen sich die Schwarzen von den Demokraten zurzeit vernachlässigt. Kerry, so die Klage, habe in seiner Rede auf dem Wahlparteitag in Boston nicht ein einziges Mal Schwarze oder Afroamerikaner namentlich erwähnt. Ein anderer Vorwurf: Kerry sehe die Stimmen der Schwarzen als selbstverständlich an.

Vor vier Jahren stimmten für den damaligen Präsidentschaftskandidaten Al Gore neun von zehn Schwarze. Für den jetzigen demokratischen Herausforderer John Kerry müsste diese Wählergruppe eigentlich ein Heimspiel sein. Die Arbeitslosigkeit unter Schwarzen ist mit 10,4 Prozent fast doppelt so hoch wie der Landesdurchschnitt. Außerdem ist die schwarze Bevölkerung nach Umfragen vor allem auf soziale Themen wie Gesundheitsfürsorge fixiert. Anders als Al Gore muss sich der Senator aus Massachusetts um seine Klientel jedoch Sorgen machen.

Kerry werden zwar nach einer Umfrage der "Washington Post" 79 Prozent Unterstützung vorausgesagt. Sein Albtraum-Szenario sei aber, dass Schwarze am Wahltag einfach zu Hause blieben, weil ihre Interessen vernachlässigt worden seien, schreibt das Blatt. Nach Angaben der "Unity ’04 Voter Empowerment Campaign", einem Zusammenschluss aus 160 Gruppen, hatten sich bis Anfang September rund sieben Millionen wahlberechtigte Afroamerikaner überhaupt noch nicht als Wähler registrieren lassen.

Bürgerrechtsgruppen erinnern im übrigen daran, dass Amtsinhaber George W. Bush wahrscheinlich nicht ins Weiße Haus eingezogen wäre, wenn vor vier Jahren im Bundesstaat Florida nicht mehr als 95.000 Stimmen von Schwarzen als ungültig gewertet worden wären. Bush gewann damals mit dem hauchdünnen Vorsprung von 537 Stimmen.

Mit Material von DPA/AP AP

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