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Podcast "Renegades: Born in the USA" Wie die Obamas und andere US-Politiker ihre Werte mit Unterhaltung unters Volk bringen

Zwei vom gleichen Schlag: Barack Obama (re.) und Bruce Springsteen im Blue Room des Weißen Hauses vor der Verleihung der Medal of Freedom an den Rockmusiker im November 2016. Auch Michelle Obama freut sich im Hintergrund.
Zwei vom gleichen Schlag: Barack Obama (re.) und Bruce Springsteen im Blue Room des Weißen Hauses vor der Verleihung der Medal of Freedom an den Rockmusiker im November 2016. Auch Michelle Obama freut sich im Hintergrund.
© Picture Alliance
Wie kann man in einem verkrusteten politischen System Wähler:innen erreichen und von den eigenen Standpunkten überzeugen? Politiker:innen in den USA gehen da zunehmend neue, eher indirekte Wege. Das ist nicht unproblematisch.

Da sitzen sie also. Barack Obama und Bruce Springsteen. Sie lachen, wie Leute lachen, die sich sicher sein können, dass der eine den anderen versteht. Der Ex-Präsident und der Rockstar - sie kennen sich aus dem Wahlkampf 2008, sind seither Freunde, "two of a kind", zwei vom gleichen Schlag. Sie sind "renegades" und sie sind "born in the USA". Vagabunden, die Amerika lieben, soll das wohl heißen, und die sich damit auskennen, wie die Vereinigten Staaten sind - und vor allem: wie sie sein sollten! Darüber unterhalten sich der Barack und der Boss - und sicher hören viele, sehr viele zu.

"Renegades: Born in the USA" ist der Titel des gemeinsamen Podcasts, der seit Kurzem auf Spotify läuft. Und er ist ein prominentes aktuelles Beispiel für einen sich offenbar festigenden Trend, dass Politiker in den USA andere Wege zur Vermittlung ihrer Werte und ihrer Politik wählen als die übliche Agitation oder die gesellschaftliche Debatte, wie das US-Polit-Portal "Slate" analysiert. Denn Obama, 59, und Springsteen, 71, erzählen im Podcast zwar aus ihrem eigenen bewegten Leben, doch es geht um mehr: "Die USA sind so gespalten, wie sie es in unseren Lebzeiten noch nicht waren", sagt der Ex-Präsident in einer Vorschau für den Podcast. "Wie können wir zurückfinden zu einer amerikanischen Geschichte, die uns wieder mehr zusammenbringt?"

Obama: "Wir haben einige Antworten gefunden"

Mit dieser Frage muss sich der neue US-Präsident Joe Biden, bekanntlich früher Obamas Vize, nun tagtäglich abplagen. Kann er etwas erreichen? Das ist offen. Obama, der "Schwarze mit Eltern unterschiedlicher ethnischer Herkunft" und Springsteen, "der weiße Kerl aus einer Kleinstadt in Jersey", müssen nur sich und ihrem Publikum etwas erzählen. "Wir haben bei unseren Gesprächen herausgefunden, dass wir immer noch einen festen Glauben an das amerikanische Ideal haben", erzählt Obama, "nicht als Nostalgie, aber als Kompass für die harte Arbeit, die vor uns liegt." Und dann sagt er noch: "Wir haben einige Antworten gefunden, haben ein paar Sachen gelernt."

Es braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass viele Zuhörer:innen mitlernen werden. Und es braucht ebenso wenig Phantasie, um sich vorzustellen, dass diese Menschen die in den Gesprächen zwischen Obama und Springsteen vermittelte Haltung annehmen und sich vielleicht sogar bei den nächsten Wahlen danach richten. Ein schöner Nebeneffekt oder mehr?

Produktionen zur Verbreitung der eigenen Weltsicht

Der "Renegades"-Podcast ist eine Produktion von Higher Ground Productions, einer Firma im Besitz von Barack und Michelle Obama. Das ehemalige First Couple ist unter ehemaligen US-Politikern besonders umtriebig. Niemand produziert in dieser Gruppe mehr Medien-Inhalte als die Obamas, heißt es - darunter qualitativ Hochwertiges wie die Oscar-prämierte Dokumentation "Amercian Factory" oder eine Adaption des Kinderbuches "Ada Twist, Scientist" als Trickfilm-Serie. Im März soll auf Netflix (mit dem Streamingdienst haben die Obamas einen lukrativen Vertrag) "Waffles & Mochi" anlaufen - eine Kindershow mit zwei Filzpuppen und Michelle Obama zu gesunder und guter Ernährung aus aller Welt. Immer geht es darum, die eigene Weltsicht zu verbreiten: "Wenn wir ein paar bessere Geschichten erzählen und darauf achten, dass wir einander zuhören, werden wir eine Generation erleben, die toleranter, inklusiver und besser auf die Herausforderungen vorbereitet sein wird, die sich uns stellen", verkündete Barack Obama aus Anlass der "American Factory"-Veröffentlichung auf seinem Instagram-Account.

Viele Menschen werden gegen eine solche menschenfreundliche Haltung wenig einzuwenden haben. Dennoch verbreiten die Obamas auf diese unterhaltende Weise ihre Weltanschauung eher unterschwellig. Sie sind damit nicht die einzigen: Hillary und Chelsea Clinton beispielsweise betreiben ebenfalls eine Produktionsfirma, die kürzlich eine Show namens "Gutsy Women" an Apple TV verkaufte. Die Sendung lehnt sich an das gleichnamige Buch von Mutter und Tochter Clinton mit Portraits starker Frauenpersönlichkeiten an. Oder Mike Pence. Der Ex-Vizepräsident kündigte vor Kurzem einen Video-Podcast an, der das politische Erbe seiner vier Jahre an der Seite von Donald Trump in einem guten, dem "richtigen" Licht aus seiner Sicht, erscheinen lassen soll. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Donald Trump

Trump trieb die Entwicklung schon auf die Spitze

Trump aber ist das Stichwort. Der im November abgewählte US-Präsident hat bereits vollendet, so schreibt "Slate", was in dem Trend angelegt ist, politische Weltanschauungen via Unterhaltung zu transportieren. Seine Hire-and-Fire-Fernsehshow "The Apprentice" habe für ihn letztlich die Basis gelegt, ins Weiße Haus kommen zu können. Eigentlich plante Trump ursprünglich keine Polit-Karriere und bestritt selbst im Amt demonstrativ noch, ein Politiker zu sein. Doch einmal in der Machtzentrale angekommen, habe Trump alles daran gesetzt, sich selbst zur Polit-Show zu machen - mit großem Erfolg, wie sich gezeigt hat.

So bestimmen unterhaltende Medieninhalte offenbar zunehmend die politische Willensbildung in den USA - ob konstruktiv oder destruktiv, manipulativ erscheinen sie in jedem Fall. Nicht umsonst fühlt sich so mancher politische Beobachter oder Korrespondent in Washington, als lebe er in der Polit-Fernsehserie "House of Cards". Ob aber Politiker, die Politik als One-Man-Show begreifen, Parteien, die im Widerstreit praktisch nicht mehr zu konstruktiver inhaltlicher Politik fähig sind und suggestive Medieninhalte, die von ehemaligen Akteuren der politischen Bühne gefertigt wurden, das verkrustete politische System der USA lösen oder vielmehr festigen, ist eine Frage, auf deren Antwort mit Bangen geblickt wird.

Quellen: Slate; Twitter/Barack Obama; Twitter/Bruce Springsteen; Spotify; Instagram/Barack Obama; Nachrichtenagentur AFP


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