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Urlaub in Nordamerika: Er wollte in die USA einreisen und musste 40 Tage in Haft – die fürchterliche Knast-Odyssee von Oliver R.

Oliver R. wollte nur kurz nach Mexiko rüber, bei seiner Rückkehr in die USA wurde aus seinem Urlaubstrip eine Knastrundreise. Fünf Wochen wurde der Mann aus Heidelberg von einem Gefängnis ins nächste überstellt - wegen eines kleinen Einreisefehlers.

US-Einreise: Er wollte in die USA und landete 40 Tage in den Gefängnissen der Staaten

Das letzte, was Oliver R. als freier Mann sah, war ein Ort, an dem er sich nicht wohlfühlte. Tijuana war nichts für ihn. Also beschloss er, wieder in die USA zurückzukehren. "An der Grenze habe ich gesagt, dass ich gerne mein Visum verlängern möchte. Der Beamte nickte und meinte, ich solle einfach 100 Meter weiter fahren." Was er tat. Doch dort wurde der Ton plötzlich harsch. Man bat ihn aus dem Auto heraus, in einen Raum hinein und dann machte es Klick: "Sie haben mir Hand- und Fußschellen angelegt." Warum? "Das habe ich erst Tage später erfahren."

36 Gefangene auf fünf mal zehn Metern, drei Toiletten

Der Augenblick als aus dem Touristen Oliver R. ein illegaler Einwanderer und ein Teil der amerikanischen Knastindustrie wurde, ist nun knapp zwei Monate her. "Ich war 40 Tage grundlos eingesperrt. Zuerst waren wir 36 Gefangene auf fünf mal zehn Metern, hatten drei Toiletten hinter einer Metallblende, ausreichend Hygieneartikel gab es nicht", sagt der 30-Jährige aus Bammental bei Heidelberg. "Die meisten Insassen haben nur vor sich hinvegetiert, außer es gab etwas zu essen, dann durften wir den Raum verlassen. Dreimal am Tag. "Wenn es nach mir geht, gibt es ein Nachspiel, mein Ziel ist es, die zu verklagen." Geld dafür sammelt er mit Hilfe einer Spendenaktion eines Freundes.

Besonders gute Chancen wird er nicht haben. Schon unter Barack Obama sind die US-Grenzbehörden nicht besonders zimperlich mit illegalen Einwanderern umgesprungen und Donald Trump hat den Umgang mit ihnen noch einmal verschärft. Die Praxis des "Catch and Release" etwa, nach der ertappte, unerwünschte Migranten bis zur Anhörung auf freien Fuß kommen, ist weitgehend abgeschafft. Für einen Großteil der 341.000 "Illegalen", die vergangenes Jahr an der US-Südgrenze festgesetzt wurden, bedeutete das: ab hinter Gitter. Und das sind nicht nur Lateinamerikaner, auch Europäer verfangen sich immer mal in den Tücken der amerikanischen Visums- und Einwanderungsbestimmungen. 

Ein Fehler, den kaum einer kennt

, Experte für US-Visumsrecht bei der Frankfurter Kanzlei Winheller, kennt Fälle, in denen auch Deutsche Probleme an der Grenze haben und dann in Abschiebehaft landen. "Das kann schnell gehen, zum Beispiel wenn ein Rückflug erst am nächsten Tag möglich ist. "Meistens aber handele es sich dabei um einen unfreiwilligen Aufenthalt von ein paar Stunden oder einem Tag. Dass Oliver R. nicht mehr in die USA gelassen wurde, lag wohl an einem Fehler, "von dem nicht alle wissen, dass er überhaupt einer ist und zum Problem werden kann", wie Schwab sagt.

Denn der 30-Jährige war ursprünglich mit dem Visa-Waiver-Programm in die USA eingereist. Das ist kein Visum im klassischen Sinne, sondern nur die Erlaubnis, sich 90 Tage in den USA aufhalten zu dürfen. Verlängerung nicht möglich. Eine Ausreise etwa nach Kanada oder eben ist zwar möglich, allerdings werden die dort verbrachten Tage auf die erlaubten 90 Tage draufgeschlagen. Anders gesagt: "Wer 70 Tage in den USA verbringt und 20 in Mexiko, den wird der US-Grenzbeamte in der Regel nicht wieder zurück in die Vereinigten Staaten lassen", so Schwab.

Als R. von Tijuana zurück nach San Diego wollte, war seine Aufenthaltserlaubnis nur noch einen Tag gültig, eine Rückreise aber nicht gebucht. "Ich hatte dem Grenzer noch gesagt, dass ich bei Problemen sofort nach Mexiko zurückgehe. Und auch, dass ich 2000 Dollar dabei habe, um sofort nach Deutschland zurückzufliegen." Damit machte er sich bei den ohnehin misstrauischen US-Grenzbeamten offenbar noch verdächtiger. Und in den USA liegt es nur im Ermessen der Grenzbeamten, ob sie jemanden einreisen lassen oder nicht.

Gefangen in der Knast-Industrie

An diesem 14. November 2017 wurde aus einem entspannten Westküstentrip eine Knastrundreise. Sie führte ihn von Kalifornien aus ins San Luis Detention Center, Arizona. Dann zum Stewart Detention Center, weiter ins Folkston ICE Processing Center, Georgia und Irwin County Detention Center ebenfalls Georgia.  Allesamt Gefängnisse, die von privaten Firmen betrieben werden: Geo, LaSalle, CoreCivic – Großkonzerne, die Milliarden mit der Verwaltung und Aufbewahrung von Menschen umsetzen. 

Vor allem das Stewart Detention Center ist berüchtigt, das Magazin "Vice" nannte es einmal das "schwarze Loch des amerikanischen Einwanderungssystems." Wer hier landet, ist im wahrsten Sinne verloren. Lumpkin, der angrenzende Ort des 1700-Mann-Knasts, liegt so weit draußen, dass sich nur wenige Anwälte hierher verirren, um Partei für die Abschiebehäftlinge zu ergreifen. Doch ohne Rechtsbeistand gibt es keine Hoffnung auf Aufenthalt, selbst wenn es gute Gründe dafür gäbe. Folge: Weniger als zwei Prozent der Insassen genehmigt das Gericht den Verbleib in den USA. Ironischerweise hatte Oliver R. ausgerechnet in Stewart seinen kürzesten Aufenthalt. Gerade einmal 20 Stunden.

Routine Gefängnis-Check-in

Die Verlegungen von Knast zu Knast laufen immer gleich ab: "Man wird, meist nachts, aus seiner Zelle gerufen, es werden einem Hand- und Fußschellen angelegt, man bekommt seine Sachen ausgehändigt, wird in einen Bus gesetzt und in die nächste Anstalt gefahren", sagt R. Ebenfalls immer gleich: die Gefängnisaufnahme. Check der persönlichen Sachen, Check der Gesundheit, wiegen, messen, Fotos. "Wenn da 80 Mann ankommen, dann dauert das ganze auch schon mal drei, vier Stunden."

Warum Oliver R. überhaupt in die Mühlen der US-Justiz geraten war, wusste er lange nicht. Erst nach vier Tagen gab es ein Gespräch. "Es war relativ unspektakulär, wie das normale Geplänkel bei der Einreise." Seine Bitte, telefonieren zu dürfen, sei zunächst abgelehnt worden, sagt R. Erst später, gegen 19 Uhr, "durfte ich dann die Botschaft anrufen. Die waren dort nicht entzückt." Kein Wunder, Ausländer sollten eigentlich innerhalb von 24 Stunden bei ihren Vertretungen gemeldet werden. 

Oliver R. Gefängnis USA Ausweis

R.'s Gefängnisausweis

Aber trotzdem: weiter keine Auskünfte. "Wenn ich gefragt habe, wurde mir gesagt, ich sei nicht eingesperrt, sondern in einer Sicherheitseinrichtung – zu deiner eigenen Sicherheit." Davon aber hat Oliver R. nicht viel mitbekommen. Er sagt, er habe mit Leuten zusammengesessen, die hatten Knasttränen unterm Auge und Gangtattoos auf dem Arm. Zum Beispiel von der MS-13, der berüchtigten Bande, die sich von Los Angeles aus nach Mittelamerika ausgebreitet hat und von der Trump-Regierung als Wurzel des Einwanderungsübels bekämpft wird. "Ich wurde bedroht und beschimpft und nicht nur einmal wollte man mich in Schlägereien verwickeln", sagt Oliver. Bis auf eine durch einen Sturz geprellte Hand ist ihm nichts passiert.

Erst später, in Arizona, hieß es, in seinem Auto seien Drogen gefunden worden, auch von Menschenschmuggel war die Rede. Doch die Vorwürfe verpufften. Was blieb, war illegale Einreise. Dagegen aber konnte auch das Auswärtige Amt nicht mehr viel unternehmen. Sein Fall ist dort bekannt, er selbst hatte irgendwann regelmäßigen Kontakt mit dem deutschen Konsulat in Atlanta, auch Besuch eines Mitarbeiters habe er einmal gehabt. Und doch: "Ich hatte das Gefühl, dass die Botschaft sich etwas zurückgehalten hat, um Konflikte mit den USA zu vermeiden."

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Weniger "Illegale", mehr Gefangene

Der harte Sound, den Donald Trump gegenüber Einwanderern an den Tag legt, ist überall zu spüren im Land und außerhalb. So sank 2017 zwar die Zahl der an der US-mexikanischen Grenze aufgegriffenen "Illegalen" um 40 Prozent auf 341.000 – gleichzeitig aber wurden insgesamt dreimal so viele Menschen ohne Papiere inhaftiert. Ein Grund: Die US-Regierung hat die Behörden angewiesen, auch diejenigen festzunehmen, die sich ansonsten nichts haben zu Schulden kommen lassen. Das war unter Barack Obama noch anders. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch klagte erst kürzlich: "Illegale Migranten sind zur Abschiebung freigegeben, es drohen Schnellverfahren, Haftverlängerungen und härtere Verfolgung von Einwanderungsdelikten. Die Politik der Trump-Regierung bedroht ohnehin verletzliche Menschen und untergräbt die Menschenrechte."

Raus kam R. nachdem er herumgenervt hatte und angab, es psychisch nicht mehr lange aushalten. Kurz vor Weihnachten ging es von Atlanta aus nach Hause. Als er und seine Freundin im August vergangenen Jahres in die USA aufgebrochen waren, stand für die beiden nicht nur ein Besuch bei ihrem Bruder in Las Vegas an. Es sollte auch eine Art Abschiedstour für den 30-Jährigen werden. Denn wenige Monate zuvor war seine kleine Tochter gestorben. Bronchitis, sie wurde nur vier Jahre alt. "Die Reise sollte doch eigentlich nur der Abschluss einer schwierigen Zeit sein."

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