Very British Bombenbauer im Vakuum


Sie wollten Tausende töten, verletzten, verunsichern. Mit selbstgebastelten Flüssigbomben, die sie an Bord von Flugzeugen zünden wollten. Jetzt stehen die acht Terroristen in London vor Gericht in einer Atmosphäre der eigenartigen Unaufgeregtheit.
Von Cornelia Fuchs, London

Das Gerichtsgebäude Woolwich Crown Court liegt im fernen Südosten Londons, regelmäßig dröhnen hier Maschinen im Landeanflug auf den City Airport über die Gegend. Einige Neubaugebiete stehen hier, kaum ein Mensch ist auf der Straße. Das Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh liegt nur wenige Minuten entfernt. Weiße Gefängnistransporter fahren am Morgen an dem Sicherheitszaun des Gerichts vor, die Fenster verdunkelt.

Wer in dieses Gebäude will, wird gleich mehrfach untersucht, muss das Ritual vom Ablegen des Mantels bis zum Abtasten der Schuhe über sich ergehen lassen. Das ist Routine hier. Der Prozess um die "Airline-Plotters", wie die acht Männer inzwischen zur einfacheren Identifikation von der britischen Presse genannt werden, ist schon der vierte Super-Terror-Prozess mit vielen Angeklagten und noch mehr Aktenbergen in der britischen Hauptstadt. Gleichzeitig läuft in London ein fünfter, dort stehen Männer vor Gericht, die den U-Bahn-Attentätern vom 7. Juli 2005 geholfen haben sollen.

Ohrenbetäubende Explosion

Im Woolwich Crown Court geht es seit vergangener Woche um den Plan, der bis zu sieben Flugzeuge in der Luft sprengen wollte. Eine Tat, die von bis zu 18 Selbstmordattentätern hätte ausgeführt werden sollen. Allein das Vorlesen der Beweiskette der Anklage dauerte vier Tage. "Bei ihrer Verhaftung hatten die Männer die Bombe noch nicht fertig", erklärte Steve Wright, Vertreter der Anklage, noch hätte die Mixtur nicht ausgereicht, um eine tödliche Mischung von Explosivstoffen in einer Getränkeflasche herzustellen. Doch es sei nur eine Frage der Zeit gewesen, bis die Männer die richtige chemische Zusammensetzung erkannt hätten. Und dann, so Wright, hätte dies zu einem "unglaublichen Massaker" geführt. Als Beweis zeigte er den Geschworenen die Explosion einer dieser Flaschen, die nach den vorgefundenen Plänen von Sprengstoffexperten zusammengebaut worden war. Die Detonation war ohrenbetäubend.

Die Männer wollten, so die Anklage, Getränkeflaschen zum Beispiel der Marke Lucozade mit Sprengstoff auf Wasserstoff-Peroxid-Basis füllen. Dazu hätten sie die geschlossenen Flaschen zunächst mit einer Spritze entleert, um dann den noch flüssigen Sprengstoff hineinzugeben. Lebensmittelfarbe sollte dem neuen Inhalt den richtigen Farbton geben. Als Zünder sollten ausgehöhlte Batterien dienen, die laut Plan in einer Wegwerfkamera installiert wurden. Im Gerichtssaal sitzen die acht Angeklagten hinter einer Glaswand in einer Reihe, vor ihnen stehen vier Sitzbänke mit den Verteidigern, davor die Anklagevertreter. An jedem Platz stapeln sich die Akten mit Beweismittel-Listen, ausgedruckten Computerdaten, Lageplänen, Kopien von Notizbüchern, Abschriften von überhörten Telefon-Gesprächen.

Gerichtssaal mit Vakuum

Es ist ein endloser Papier-Krieg, der von den Ermittlern geführt werden muss, ein endlos mühsamer Prozess des Durcharbeitens durch tausende und abertausende Datensätze. An jedem Sitzungstag wird viel Zeit darauf verwendet, den Geschworenen jeweils die richtige Seite an der richtigen Stelle vorzulegen, dem Richter die richtige Passage im richtigen Schriftstück zu zeigen.

Die acht Angeklagten sitzen äußerlich ruhig auf ihrer Bank hinter der Glaswand, auch sie blättern in Aktenordnern, einige haben Krawatten angezogen, die meisten tragen Hemden. Es herrscht eine Atmosphäre der eigenartigen Unaufgeregtheit, seltsam, weil über die Mikrophon-Anlage von Plänen erzählt wird, deren Ziel es war, Tausende zu töten, zu verletzen, in Panik zu versetzen.

Doch hier im Gerichtssaal existiert eine Art Vakuum. Hier geschieht, was verfahrenstechnisch notwendig ist, methodisch, genau. Für Emotionen, für Aufregung ist da kein Platz. Der Prozess wird mindestens vier Monate dauern, wahrscheinlich sogar sechs. Sollten die Angeklagten schuldig gesprochen werden, drohen ihnen lebenslängliche Strafen, von denen sie mindestens 40 Jahre absitzen müssten. Der jüngste, Waheed Zaman, ist heute 23 Jahre alt.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker