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Very British: Gordon und der Geist von Teflon-Tony

Staatschef Gordon Brown tappst von einem Skandal in die nächste Katastrophe. Kein Wunder, dass die Briten Ex-Premier Tony Blair als Lichtgestalt aus der Schublade holen. In ihrer Kolumne beschreibt Cornelia Fuchs diesmal den Kampf zwischen Teflon-Tony und Velcro-Brown.

Maul- und Klauenseuche, Überflutungen, Terroralarm, Datenverluste und Spendenskandale - es gab keinen Monat seit dem Amtsantritt von Gordon Brown als britischer Premier Ende Juni vergangenen Jahres, der ohne größere Zwischenfälle verlief. Brown kämpft inzwischen gegen das Image des ewigen Pechvogels - und gegen die Rückkehr des ewigen Blair.

Es war ein Mitglied der oppositionellen Liberaldemokraten, das es im britischen Unterhaus auf den Punkt brachte: Der neue Premier, dem früher einmal vorgeworfen wurde, er pflege einen diktatorischen Führungsstil, habe sich verändert. Er sei nicht mehr ein Abbild Stalins - sondern ein zweiter Mr. Bean.

Tatsächlich scheint der ernsthafte Premier im stets dunklen Anzug von einem Unglück ins nächste zu tapsen. Seitdem Gordon Brown Premierminister geworden ist, sind weite Teile des Landes mehrfach in Fluten untergegangen, hat sich die Maul- und Klauenseuche zurückgemeldet, die Weltwirtschaft kracht über ihm zusammen und Staatsbedienstete verlieren gleich mehrfach Datenträger mit den Adressen, Bankkonten und Passnummern von Millionen Kindergeldempfängern, Soldaten, Patienten und Fahrschülern.

Großbritannien war beschwingter unter Blair

Bei soviel negativen Schlagzeilen bleibt es nicht aus, dass sich die ersten politischen Kommentatoren den Premier Blair zurückwünschen. Während seiner Amtszeit gab es zwar auch viel, über das man sich beschweren konnte, vom Irak-Krieg bis zum Skandal über käufliche Oberhaus-Sitze. Aber irgendwie scheint im Rückblick die generelle Lage Großbritanniens wenn nicht perfekt, so doch beschwingter gewesen zu sein.

Nicht umsonst wurde der Premier Blair Teflon-Tony genannt, ein politisches Unikum, an dem alle Probleme und Skandale abperlten - wie der erste Spendenskandal, zum Beispiel, kurz nach Blairs Wahl in die Downing Street im Jahr 1997. Damals gab der Formel-1-Impresario Bernie Ecclestone der Labour-Partei eine Million Pfund. Darauf wurde das Autorennen vom allgemeinen Verbot der Tabakwerbung ausgeschlossen. Blair hat das damals nicht geschadet.

Browns Kampf gegen Skandale

Gordon Brown dagegen schreien gerade Schlagzeilen entgegen, die eine offenbar fehlgeleitete Parteispende von 3000 Pfund zur mittleren Katastrophe erklären. Der Premier wird von ersten Kommentatoren "Velcro-Brown" genannt, der Klettverschluss-Premier, an dem alles hängen bleibt.

So kämpft Brown gerade nicht nur mit einem, sondern gleich drei Spendenskandalen. Nicht alle sind so harmlos wie die 3000 Pfund, die der alte Labour-Haudegen Alan Johnston irgendwie vergessen hatte. In den beiden anderen Fällen geht es um über hunderttausend Pfund, die beide über teilweise ahnungslose Mittelsmänner in die Parteikassen gelangten. In keinem Fall hat Brown unmittelbar etwas mit den Vorgängen zu tun, doch alle drei lassen ihn wie einen schlechten Parteioberen aussehen.

Kaum drei Wochen nach Beginn des neuen Jahres ist die Regierung Brown wieder genau da, womit sie eigentlich Ende des Jahres aufhören wollte: Sie versucht, ihr Ansehen zu retten. Doch alle diese Versuche enden in schlechten Schlagzeilen. Brown holt ein Finanz- und PR-Genie als Unterstützung ins Kabinett; am nächsten Tag kommt heraus, dass genau dieser Mann durch falsche Informationen viele Anleger um ihr Geld gebracht hat. Browns Innenministerin verkündet neue Sicherheits-Maßnahmen, damit sich die Bürger auf der Straße sicher fühlen können - und gibt im selben Interview in einem Nebensatz zu, dass sie sich im Dunkeln in London nicht mehr auf die Straße traut. Brown verkündet eine Initiative zur besseren Ausbildung des einfachen britischen Arbeiters - und wählt als einen der ersten Betriebe mit neuen Zertifikaten ausgerechnet McDonald's, was der Initiative gleich den Namen "McAbitur" einbringt außerdem die Ablehnung einer großen Anzahl von Universitäten, die diese Zertifikate anerkennen sollen.

Blair stiehlt Brown die Show

Wie schwierig das Verhältnis zwischen Brown und seiner Nation geworden ist, sieht man vor allem daran, dass ein Gesicht plötzlich wieder häufiger zu sehen ist in den Nachrichten: Tony Blair. Während seine Arbeit als Vermittler des Nahost-Quartetts in den ersten Monaten fast komplett ignoriert wurde, wird er jetzt wieder interessant.

Während Gordon Brown im dunklen Anzug durch die Hitze Indiens reist und anschließend auf dem Weltwirtschafts-Forum die Journalisten mit einer Rede langweilt, die von "langfristigen Prognosen", "Fiskalpolitik" und "vielen Herausforderungen" spricht, beschreiben Zeitungsartikel das spannende Leben Blairs zwischen Jerusalem, China, Washington und London. Blairs Aussichten auf das Amt des europäischen Präsidenten werden offen diskutiert - wäre das nicht etwas, was dem Ansehen von Großbritannien in der Welt weiter helfen würde?

Angeblich soll Blair positiv überrascht darüber sein, dass der französische Präsident ihn gerne als ersten europäischen Präsidenten sehen will. Brown dagegen scheint alles andere als erfreut. Jeder Wähler in Großbritannien weiß, dass er zehn Jahre lang Premierminister anstelle des Premierministers Blair werden wollte. Es ist anzunehmen, dass er kein großes Interesse hat, Blair in Brüssel zu unterstützen. In einer BBC-Talkshow sagte er auf die Frage, ob er sich Blair in diesem Amt vorstellen könnte: "Ich weiß nicht, ob er den Job will. Das ist wirklich seine Angelegenheit."

Die Konservativen dagegen nehmen die Aussicht eines EU-Präsidenten Blair schon jetzt als Anlass, sich weitere Slapstick-Einlagen des glücklosen Brown vorzustellen, wie der Außenpolitiker William Hague ausführte: "Stellen wir uns das Gesicht unseres armen Premiers vor, wenn der Name "Blair" von einem Staatsoberhaupt nach dem anderen nominiert wird. Und dann der Auftritt des neuen Präsidenten in der Downing Street: die zusammengebissenen Zähne, die abgekauten Fingernägel, der Premier tritt aus der Tür und würgt ein "Mr President" heraus. Und dann beginnt das ganze Spiel zwischen den beiden von vorne, wenn Brown hinter geschlossener Tür wieder fragen muss: ‚Wann wirst Du endlich die Macht an mich abgeben?'"