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Vorwahlen der US-Republikaner: Seine Heiligkeit rüttelt am Favoritenstuhl

Die US-Vorwahl geht heute in die nächste Runde. In seiner Heimat Michigan könnte Mitt Romney seine Favoritenrolle einbüßen - und das ausgerechnet gegen seinen bibeltreuen Widersacher Rick Santorum.

Von Niels Kruse

Mitt Romney hat eine sehr eigene Art, sich bürgernah zu geben: Das bewies er jüngst wieder, als er in Florida ein Nascar-Rennen auf dem Daytona International Speedway besuchte. Dort, bei einem Vorwahlkampftermin, wurde er gefragt, ob er die US-Autorennserie verfolge. "Nicht so intensiv wie einige Fans", antwortete er, "aber ich habe Freunde, denen Nascar-Teams gehören." "Romney - Mann des Volkes" kommentierte die "Huffington Post" den Spruch hämisch. Da war er wieder, der mögliche Präsidentschaftskandidat, der es immer aufs Neue schafft, sich und dem Land zu beweisen, wie weit weg er vom Durchschnittsamerikaner und dessen Durchschnittsleben ist.

Nur wenige Tage zuvor war Romney mit einem anderen Auto-Ausrutscher aufgefallen. In Detroit, dem gebeutelten Geburtsort des Republikaners, berichtete er davon, dass er und seine Frau nicht nur ein oder zwei Autos aus US-Herstellung hätten, sondern gleich vier - darunter ein "paar Cadillacs". Es war als Zeichen des Lokalpatriotismus gemeint, erinnerte die Menschen aber unsanft daran, wie Romney sich vor vier Jahren geweigert hatte, der taumelnden Autoindustrie in Motown staatliche Hilfen zu gewähren. Sein Pech: Das Rettungspaket der Obama-Regierung entpuppte sich als Erfolg, und die Menschen werden ihm sein Nein von damals nun wohl aufs Brot schmieren, wenn die Republikaner am heutigen Dienstag zur Vorwahl schreiten.

Niederlage könnte "vernichtenden" Schaden anrichten

Ausgerechnet hier in seinem Heimatbundesstaat Michigan, wo schon Romneys Vater als langjähriger Gouverneur die Herzen der Menschen erobert hatte, droht dem moderaten Kandidatenkandidaten eine herbe Niederlage gegen seinen Rivalen Rick Santorum. Zumindest sagen das die Umfragen voraus. Seit Tagen schon bemühen Experten martialische Lyrik, um die Bedeutung der "entscheidenden" Abstimmung herauszuheben: Eine Niederlage wäre "psychologisch ein schwerer Schlag" und könne "vernichtenden" Schaden anrichten. Auch wenn der Vorwahlkampf noch lang ist - sollte Romney in Michigan verlieren, wäre er auf jeden Fall seine Favoritenrolle los. Nachdem er zuletzt drei Staaten auf einmal an Santorum verloren hatte.

Es ist ausgerechnet Rick Santorum, der erzkonservative Katholik, der Romney gefährlich wird. Lange Zeit galt er als skurriler Außenseiter, wegen seines Fundamentalismus als im Grunde unwählbar für die meisten Amerikaner, doch mittlerweile rückt er in Umfragen selbst Barack Obama auf die Pelle: Dem Meinungsforschungsinstitut Gallup zufolge würden 49 Prozent der US-Bürger den Amtsinhaber wählen - und 48 Prozent Rick Santorum. Offenbar schert es das Volk nicht, dass er den Präsidenten indirekt mit Hitler verglichen hatte (was der Kandidat später natürlich bestritt), ihn als jemand bezeichnete, der einer "gefälschten Theologie" anhänge und damit eigentlich kein Christ sei (was der Kandidat natürlich so nicht gemeint habe) und dass er ihn einen "Snob" nannte, weil er sich für die Hochschulausbildung von Jugendlichen einsetzt (wofür Santorum selbst aus den eigenen Reihen angegangen wurde).

Es ist nicht alles Wirtschaft

Die "Washington Post" attestiert dem Ex-Außenseiter eine neuartige Wahlkampfstrategie, mit der es ihm gelinge, Religion in seine Botschaft einzubauen. Santorum "setzt darauf, dass die Amerikaner einen Präsidenten wollen, der Religion nicht nur zur Inspiration nutzt, sondern auch zum (politischen) Urteil". Das er damit Erfolg hat, ist umso erstaunlicher, weil sich seine Themen vor allem um das Familien- und Sexualleben drehen (Abtreibung, Verhütungen und Homo-Ehen sind unter allen Umständen verboten) und nicht, wie von vielen Wahlkämpfern erwartet, um die darbende Wirtschaft, die die USA derzeit lähmt. Einzig in seiner Ablehnung gegen die "selbstherrlichen Eliten in Washington" ist er auf gemeinsamem Kurs mit großen Teilen der Opposition.

Den Republikanern indes dürfte die steigende Beliebtheit von Rick Santorum kaum gefallen. Auch wenn er sich in die Herzen der ganz Rechten und Strenggläubigen predigt - bislang wurden Wahlen immer noch durch pragmatisch eingestellte Wechselwähler gewonnen. Und denen liegt der weltliche und gemäßigte Obama dann doch näher als ein Jesus-Kandidat wie Santorum. Deshalb hoffen viele Konservative darauf, dass am Ende Mitt Romney gegen den amtierenden Präsidenten antreten wird. Der Ex-Gouverneur von Massachusetts jedenfalls versucht nun den Fundi mit seinen eigenen Waffen zu schlagen: Glaubwürdigkeit. So musste Santorum zugeben, im Kongress für Gesetze gestimmt zu haben, die eigentlich gegen seine Überzeugungen waren, darunter Haushaltsgesetze und Gesundheitsausgaben, die unter anderem Abtreibung mitfinanzieren.

Stummfilmsatire auf Romney

Doch kaum konnte der Gemäßigte seinen Widersacher etwas entgegensetzen, bläst ihm nun der Wind von der Satirefront entgegen. Der US-Sender NBC hat eine Parodie des Oscar-gekrönten Stummfilms "The Artist" produziert, mit Romney als Hauptdarsteller. Darin erscheint er zunächst als großer Redner, der von einem begeisterten Publikum gefeiert wird. Nach einigen Jubel-Texttafeln kündet eine Einblendung von einem "großen Problem". Es folgt eine kurze Tonaufnahme von einer Rede Romneys, die er jüngst in Michigan gehalten hat und in der er den Bundesstaat mit den Worten lobt, die Bäume hätten dort "die richtige Höhe". Auf der nächsten Texttafel heißt es: "Es wäre besser, ein Stummfilmstar zu sein."